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Abwarten und Tee trinken

Warten ist das halbe Leben, oder? Manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass das Warten noch viel mehr Raum und Zeit in meinem Dasein einnimmt. Denn ich muss warten, bis morgens einer meiner drei Assistenten kommt, um mir aus dem Bett zu helfen. Ich muss warten, bis mir das Frühstück, das Mittagessen, das Abendbrot gereicht wird. Ich muss warten, dass mir tagsüber Dinge so zurechtgelegt werden, dass ich selbständig arbeiten kann. Na, und dann muss ich nebenbei auch noch auf all das warten, was uns allen viel zu sehr auf die Nerven geht: auf den Termin, bis der Arzt endlich sagt, welche Diagnose die Beschwerden verursacht. Wir warten auf den Bus … auf das Wochenende … auf den Urlaub; wir warten an der Ampel oder im Supermarkt, damit wir — in einer langen Schlange — endlich unsere Lebensmittel bezahlen und nach Hause gehen können. Ach, wie oft müssen wir abwarten und Tee trinken … 

„Abwarten und Tee trinken“ — diese Redewendung soll der Kräuterdoktor Philipp Heinrich Ast seinen Patienten mit auf den Weg gegeben haben. Er ist der Meinung gewesen, dass neben der Bettruhe nicht nur eine Tasse Tee hilft, um wieder zu genesen, sondern vor allem auch das Abwarten. Aber genau das fällt uns doch so schwer, weil es uns zeigt, dass wir ohnmächtig sind … selber nichts tun können … nicht alles in der Hand haben. Gerade in dieser postmodernen Zeit sind wir es gewohnt, dass das Leben immer hektischer wird. Wir wollen nichts verpassen und am liebsten vieles gleichzeitig machen. 

Früher habe ich das Warten als sehr stressig, mühselig oder auch langweilig empfunden. Aber nach und nach habe ich begriffen, dass es ein aktives Warten gibt. Ich darf mich in aller Seelenruhe hinsetzen — vielleicht bei einer Tasse Tee. Und während er von einer meiner Assistenten heiß aufgebrüht wird, darf ich beobachten, wie er ganz allmählich trinkbar wird. Dabei kann ich mindestens dreimal tief ein- und ausatmen und spüren, wie gut mir das tut. Was hindert mich daran, die Pause zu nutzen, um mir zu vergegenwärtigen, dass mein Schöpfer mir nahe ist und mir Gutes tun möchte? Ich darf sogar mit ihm reden. Oder ich kann auch an eine gute Freundin denken, die es im Augenblick schwer hat. 

Wenn ich den Mut habe, mir Zeit zu nehmen, merke ich, dass sich die Welt auch ohne mich dreht, dass ich nichts verpasse, dass mein Leben in den guten Händen meines Schöpfers liegt. Daher sind es auch schöpferische Pausen, in denen mir Kraft und Bewusstheit geschenkt wird, in denen ich meine Mitte wieder finden kann. Insofern möchte ich noch ganz oft abwarten und Tee trinken!

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Ich bin eine Autorin aus Rostock und schreibe feste: christliche Gedichte, Geschichten, Andachten, Wortspiele, Sprüche ... und Bücher. Ich liebe das Meer. Und ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir schenkt!