Auf geht’s

Auf geht’s

Kurz vor meinem 51. Geburtstag hat mir der Staat oder vielmehr meine Krankenkasse ein riesengroßes Geschenk gemacht: einen neuen elektrischen Rollstuhl, in dem ich mich selbst positionieren kann. Auf Knopfdruck lege ich nun selbständig die Beine hoch und verstelle die Rückenlehne nach vorn oder hinten. Ich kann mich gerade hinlegen; ich kann meinen fahrbaren Untersatz so erheben, dass ich auf Augenhöhe mit Menschen kommuniziere; ja, ich kann darin sogar aufstehen — stehen. Die ersten Tage traute ich mich gar nicht, die letztgenannte Position auszuprobieren. Aber irgendwann ermutigte mich ein Freund: „Auf geht’s! Probiere es doch einmal …“

Damals fand ich den Gedanken allein schon erhebend, nach 35 Jahren wieder richtig stehen zu dürfen. Aber es auch umzusetzen, war noch einmal etwas ganz anderes. Doch mit meinem Freund an der Seite wagte ich es: Ich machte mich — in meinem Rollstuhl — gerade und stand auf. Allerdings hielt ich es nicht lange aus. Schon nach ein paar Sekunden spielte mein Kreislauf nicht mehr mit, sodass ich mich wieder in die gewohnte Haltung bringen musste.

Solche Situationen und Herausforderungen reizen mich immer. Sie wecken regelrecht den Ehrgeiz in mir. 

So ermutigte ich mich fortan selbst, jeden Tag aufzustehen. Ehrlich gesagt: Es war anfangs total anstrengend, weil mir entweder schwindelig wurde oder weil mir das Atmen schwerfiel, weil meine Knochen entweder die Belastung gar nicht mehr gewohnt waren und ich starke Schmerzen bekam oder weil ich mich — mit den zusätzlichen Befestigungsgerätschaften — ganz einfach eingezwängt fühlte. Aber ich hielt durch. Und jeden Tag schaffte ich es seitdem etwas länger, mich im Rollstuhl auf meinen eigenen Beinen zu halten.

Tja, und heute kann ich es immer kaum erwarten, bis es wieder heißt: Auf geht’s! Denn ich merke, dass ich mich durch das Training vitaler fühle, dass sich meine Schmerzen irgendwie verändern, dass ich viel mehr Kraft habe, was auch meinem Herzen Aufschwung gibt!

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Für mich lassen sich meine Stehversuche im neuen Rollstuhl auch auf das Leben übertragen. Denn wie oft bin ich in meinem Leben schon von Menschen „sitzen gelassen“ worden? Wie oft habe ich mir Worte anhören müssen, die „gesessen“ haben? Was habe ich nicht schon alles „aussitzen“ müssen? Vielleicht hat mich das alles gelähmt — 35 Jahre lang. Aber wenn ich mir sowohl selbst etwas zutraue als auch nur einen Freund habe, der an mich glaubt und mich ermutigt, dann kann ich trotzdem wieder aufstehen lernen.   

Wahrscheinlich wird es anfangs nicht leicht sein, weil ich hart trainieren muss, um Standfestigkeit zu gewinnen. Vielleicht braucht es dazu sogar die Unterstützung eines Therapeuten, der mir zeigt, wie ich einen langen Atem bekomme, der meine verkrampfte Muskulatur immer wieder lockert, der mir Tipps und Tricks zeigt. Doch am Ende werde ich spüren, dass sich die ganze Mühe gelohnt hat, weil ich aufrecht und gerade stehen und das Leben noch einmal aus einer anderen Perspektive betrachten kann!

Sodann: Auf geht’s! Denn nur so merke ich, dass es auch gesundheitlich gemächlich aufwärts geht …

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Ich bin eine Autorin aus Rostock und schreibe feste: christliche Gedichte, Geschichten, Andachten, Wortspiele, Sprüche ... und Bücher. Ich liebe das Meer. Und ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir schenkt!