Mein Traum, Autorin zu werden
Wenn Weitergehen bedeutet, einen anderen Weg zu finden
Ende 2022 wurde mir etwas klar, das ich lange nicht wahrhaben wollte: So konnte ich nicht weiterschreiben.
Seit über 40 Jahren sitze ich aufgrund meiner spastischen Lähmung im Rollstuhl. Meine Arme und Beine kann ich nicht kontrolliert bewegen. Und ausgerechnet das, was ich am meisten liebe – das Schreiben –, bereitete meinem Körper zunehmend Schmerzen.
Meine Physiotherapeuten hatten mir schon lange gesagt, dass das viele Sitzen am Computer meine Beschwerden verstärkt. Aber auf meine größte Leidenschaft verzichten — das wollte ich nicht.
Als ich mir wieder einmal zwei Rippen blockierte und sogar zum Arzt fahren musste, wusste ich plötzlich: Ich muss etwas ändern.
Nachdem die Schmerzen wenigstens ein bisschen nachgelassen hatten, fuhr ich traurig und ziemlich verzweifelt an einen meiner Lieblingsorte – ans Warnowufer in Rostock.
Wenn ich dort über das Wasser schaue, entdecke ich immer wieder das „Me(e)hr“ des Lebens. Ich atme tief durch und spüre: Es gibt Größeres als meine kleine Welt und das, was mich gerade gefangen hält.
An diesem Tag begann es zu regnen.
Der Himmel war dunkel, das Wasser aufgewühlt. Fast kam es mir vor, als sähe ich meine eigene Seele vor mir.
„Oh, mein Gott!“ Mehr brachte ich zunächst nicht heraus.
Doch aus diesem kleinen Hilferuf wurde nach und nach ein langes Gebet. Ich erzählte Gott von meiner Enttäuschung, meiner Hilflosigkeit und meiner Traurigkeit — vor allem aber von meiner Angst, ausgerechnet das nicht mehr tun zu können, was für mich längst zu einer Berufung geworden war: schreiben.
Irgendwann wurde es ruhiger in mir. Meine Situation hatte sich nicht verändert. Meine Schmerzen waren nicht verschwunden. Aber ich ruderte innerlich nicht mehr mit aller Kraft dagegen an. Vielleicht musste ich nicht aufhören; vielleicht musste ich nur anders weitermachen.
Da war er auf einmal: ein neuer Gedanke. Ich musste nicht nur darauf schauen, was nicht mehr ging. Ich durfte herausfinden, was weiterhin möglich war.
Damals beschloss ich, mich zunächst stärker auf Gedichte zu konzentrieren. Sie verlangten mir weniger lange Zeiten an der Tastatur ab, und trotzdem konnte ich weiterhin mit Worten ausdrücken, was mich bewegte.
Vor allem aber wollte ich wieder mehr von dem tun, woraus mein Schreiben überhaupt entsteht: Menschen begegnen, Gespräche führen, durch die Natur fahren, Musik hören, Bücher lesen. Es hieß, mehr zu beobachten, still zu werden und ich inspirieren zu lassen. Vielleicht bedeuteten die neuen Ufer also gar nicht, meine Berufung hinter mir zu lassen; velleicht musste ich nur einen anderen Kurs einschlagen.
Heute weiß ich, dass dieser Entschluss nicht das letzte Wort über mein Schreiben war. Auch Geschichten und andere Texte haben längst wieder ihren Weg zu mir gefunden. Aber etwas von jenem Tag am Warnowufer ist geblieben: Wenn ein Weg nicht mehr weiterführt wie bisher, muss das noch lange nicht bedeuten, dass die Reise zu Ende ist. Manchmal heißt es einfach: auf zu neuen Ufern.