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Auf zu neuen Ufern

Weißt du noch? „Auf geht’s“ habe ich unlängst eine Geschichte in dieser Reihe betitelt. Darin erzähle ich von meinem neuen elektrischen Rollstuhl, mit dem ich mich in allen Positionen bewegen kann. Er ermöglicht es mir sogar, mich aufzurichten und eine Weile zu stehen. Ich glaubte fest: Mit einer Menge Rückenwind von oben geht es jetzt auf zu neuen Ufern. Doch schon wenige Wochen später kamen hohe Wellen von gesundheitlichen Schwierigkeiten auf mich zu. 

Eines Morgens wachte ich mit unerträglichen Schmerzen auf. Natürlich fuhr ich — in meinem neuen Rollstuhl — sofort zu meinem Arzt. Und leider bestätigte er, worauf mich mein Physiotherapeut schon längst aufmerksam gemacht hatte. Meine größte Lust war zur größten Last geworden: das Schreiben. Demnach wurde mir dringend geraten, weniger Zeit am Computer zu verbringen und meine müden Knochen noch mehr zu schonen. 

Als meine Schmerzen zumindest ein wenig gelindert waren, fuhr ich traurig und verzweifelt an meine Lieblingsstelle — beim Warnowufer in Rostock. Wenn ich dort über das Wasser blicke, entdecke ich immer wieder das „Me(e)hr“ des Lebens. Tief durchatmend spüre ich, dass es Größeres gibt als meine kleine Welt. 

Während ich dort stand, fing es zu regnen an. Mir war, als ob der Himmel mit mir zu weinen begann. Denn er zeigte mir dunkle Wolken auf, die auf meine Lage hinwiesen. Außerdem kam mir das Wasser so aufgewühlt vor wie das Innerste meiner Seele. Aus einem leisen Hilferuf „Oh, mein Gott!“ wurde ein langes Gebet. Ich schüttete mein Herz vor meinem Schöpfer aus; ich brachte ihm meine Angst, dass sich mein derzeitiger Zustand immer mehr verschlechtern würde; ich sprach meine Enttäuschung, meine Hilflosigkeit, meine Traurigkeit vor ihm aus, dass ich meine Berufung künftig wohl nicht mehr ausleben könnte. 

Nach einer Weile wurde mir leichter ums Herz. Irgendwie ruderte ich gegen die Situation nicht mehr an. Ich spürte, dass ich trotz allem die Segel meines Lebensschiffes neu setzen konnte. Denn mir wanderte plötzlich ein Vierzeiler durch den Kopf:

Ich brech‘ zu neuen Ufern auf,

nehm‘ Wind und Wellen auch in Kauf,

denn dieser Aufbruch bringt mich weiter

und stimmt mich letztlich ziemlich heiter!

Jetzt spürte ich die Kraft in mir, meiner Einschränkung und meinen Schmerzen direkt ins Gesicht zu sehen und neue Gestaltungsmöglichkeiten in Betracht zu ziehen. Denn ich fasste den Entschluss: Ich werde fortan mehr auf die Signale meines Körpers hören. Und er wünscht sich mehr Ruhe … Pausen … Erholung. 

Also: Auf zu neuen Ufern! Und das heißt, dass ich — als Autorin — ganz neu durchbuchstabieren darf, wie ich ab jetzt öfters einmal einen Punkt setze. Es ist mir erlaubt, mich zwischendurch immer wieder einmal hinzulegen und mich zu entspannen. Wahrscheinlich werden das schöpferische Pausen sein — Pausen, die ich mit meinem Schöpfer verbringe. Es werden Erholungsphasen sein, in denen ich mir bei ihm neue Inspirationen holen darf, um mit einer anderen Qualität Worte auf das Papier zu bringen. Ich darf in meinen Gedanken und Gefühlen klar Schiff machen und beobachten, wohin der Wind mich treibt.

Ich nehme demnach einen anderen Kurs auf! Kommst du mit? Auf zu neuen Ufern!

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Ich bin eine Autorin aus Rostock und schreibe: Gedichte, Geschichten, Andachten, Gebete, Rätsel ... und Bücher. Ich liebe das Meer. Und ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir schenkt!