Das Fest der Sinne

Das Fest der Sinne

Ich entsinne mich noch gut: Es war eigentlich gar nicht in meinem Sinn, dass ich – durch meine Corona-Erkrankung und die notwendige Quarantäne – wochenlang das Bett und das Haus hüten musste. Wie sehr sehnte ich mich danach, wieder fit zu sein und ins Freie zu dürfen! Natürlich wünschte ich mir  – in meinem stillen Kämmerlein – das Fest der Sinne in der Natur wieder herbei. Dabei halfen mir jeden Morgen die kleinen, treuen Vögelchen auf den Bäumen vor meinem Schlafzimmer. Schon im Dunkeln kündigte mir ihr Gezwitscher an, dass der Tag kommen würde…

Am 6. März 2021 war es dann soweit: Das Gesundheitsamt gab grünes Licht, dass ich wieder ins Grüne durfte. Sofort machte ich mich auf… Es war ein herrlicher Wintertag. Der Schnee war längst weggetaut. Es war kalt. Dennoch roch es nicht nur nach Frühling, sondern die ersten Boten kündigten auch an, dass Neues wuchs: Krokusse, Winterlinge oder auch Schneeglöckchen. Meine Augen konnten sich an ihrem Liebreiz gar nicht sattsehen. Dann schaute ich auf zum Himmel, der mit seinem intensiven Blau all meine Sinne durchdrang. Die Wolken kamen mir wie sanfte, schneeweiße Wattebällchen vor. Und die Sonne strahlte mich so freundlich an, als ob sie sich zu freuen schien, mich nach langer Zeit endlich wiederzusehen. Alles war so hell, so wunderschön, so lebendig; es war das Fest der Sinne.

Mittags kam uns in den Sinn, uns etwas aus unserem Lieblingsrestaurant zu  bestellen. Was war das doch für eine Gaumenfreude, wieder etwas riechen und schmecken zu können. Das Essen und die erste Tasse Kaffee nach der Krankheit zergingen uns förmlich auf der Zunge. Die Geschmacksknospen blühten – nach dem Winterschlaf – regelrecht auf. Beim Nachtisch fragte ich mich leise: „Kann das Leben nicht immer so sinnlich schön sein?“

Später konnte ich mich darauf besinnen, dass meine fünf Sinne nur so geschärft wurden, weil ich wochenlang krank war … nicht aus dem Haus konnte … keinen Appetit hatte … nicht mehr am Leben teilnehmen konnte und – als Risikopatientin – bereits ein Jahr lang Angst davor hatte, mich mit Covid-19 zu infizieren. „Wahrscheinlich braucht es hin und wieder diesen Kontrast!“, wurde mir wieder deutlich. 

  • Wenn ich niemals krank wäre, wüsste ich die Gesundheit gar nicht zu schätzen. 
  • Wenn ich mich niemals von Menschen verabschieden müsste, würde ich mich auch keineswegs auf das Wiedersehen freuen.
  • Wenn ich nur in der Sonne säße, hätte ich niemals die Chance, über meinen eigenen Schatten zu springen.
  • Wenn ich niemals Tränen vergießen müsste, könnte ich das Lachen nicht genießen. 
  • Wenn ich keinen Zerbruch erleben würde, gäbe es keine Möglichkeit für einen Neubeginn. 

Wie oft entsteht auch in mir der Wunsch, ein sorgenfreies, ein unbeschwertes, ein einfaches Leben zu führen. Aber das kann ich mir aus dem Sinn schlagen, weil ich nun einmal hier auf Erden und noch nicht im Himmel bin. 

Die Kunst, das Fest der Sinne trotzdem zu feiern, besteht allerdings darin, inmitten von Krankheit, Krisen und Konflikten „einen Riecher“ für das Schöne zu bekommen. Ich kann lernen, „die Augen offenzuhalten“ oder „die Ohren zu spitzen“ – für das, was das Leben dennoch „schmackhaft“ macht. Für mich werden die vermeintlich kleinen Dinge eine große, eine großartige Sache: ein Blumenstrauß, eine Nougatpraline, ein gutes Buch, eine Massage, meine Lieblingslieder oder nicht zuletzt ein von Sinn erfülltes Gespräch mit Freunden, das kostbar und ermutigend ist… Ich möchte mich daran jedenfalls mehr und mehr „herantasten“, damit ich – in diesem Sinne – auch „die Freude im Leide“ entdecke!

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Ich bin eine Autorin aus Rostock und schreibe feste: christliche Gedichte, Geschichten, Andachten, Wortspiele, Sprüche ... und Bücher. Ich liebe das Meer. Und ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir schenkt!