Das Wunder der Wunden

Dass wir in dieser Welt, in unserem Leben immer wieder einmal verwundet werden, ist doch nicht verwunderlich, oder!? Hier sind nun einmal nichts und niemand perfekt. Menschen machen bewusst oder unbewusst Fehler: Sie sind neidisch, eifersüchtig, habgierig und oft genug egoistisch. Dadurch verletzen wir einander. Es entstehen Wunden an Geist, Seele und Leib. Aber wisst Ihr, was die Steigerungsform des Wortes WUNDE ist: WUNDER!

Wenn wir – als gläubige Menschen – Jesus Christus unsere Verletzungen, unsere Wunden hinhalten, kann er sie in Wunder verwandeln…

   Ich werde das Jahr 2007 wohl nie wieder vergessen: Vier Monate zuvor war meine Mutter gestorben, und im gleichen Atemzug verlor ich meinen Vater. Das war ein bisschen viel für mich. Wenn ich nun am Computer arbeiten wollte, konnte ich mich überhaupt nicht mehr konzentrieren. Das kannte ich gar nicht von mir. Allmählich hörte ich mein Herz so laut rasen, dass es richtig unangenehm war. Ich wurde körperlich immer schwächer, und das Allerschlimmste war, dass ich nachts kein Auge mehr zubekam – nicht, weil mich so viel beschäftigte, sondern weil ich durch das ständige Herzrasen nicht einschlafen konnte. Mein Neurologe diagnostizierte: Depression. Er verschrieb mir Antidepressiva. Aber es wurde nicht besser. Er wechselte die Präparate. Doch nichts half. Wenn ich nicht auch noch zusätzlich Schlaftabletten bekommen hätte, wäre ich durchgedreht. Ich ging davon aus, dass auch ich bald sterben müsste. Und das machte mir Angst. Damals ging ich noch in die Baptistengemeinde, und als mich mein damaliger Pastor einmal besuchte, schlug er vor, dass er sofort einen Kardiologen, der auch in unsere Gemeinde ging, anruft, um einen Termin für mich bei ihm zu machen.

Die Fahrt war für mich zu einer Weltreise geworden. Als ich in der Praxis ankam, war ich vor Schwäche schweißgebadet. Ich wurde untersucht, und nach wenigen Tagen hatte ich die richtige Diagnose: schwere Anämie, Blutarmut. Ich bekam Eisentabletten, und nach acht Monaten war ich geheilt. Ich war endlich wieder leistungsfähig und konnte auch wieder schlafen.

Was ich damals nicht wusste, war, dass ich mich total verausgabt hatte. Das Abschiednehmen von meinen Eltern hatte mir ein Stück meines eigenen Lebens abverlangt. Aber wie Ihr seht: Ich sitze heute fröhlich hier. Und Gott hat aus meiner Wunde ein Wunder gemacht.

   In der heutigen Predigt geht es auch um eine Frau, die an Blutarmut leidet, und es geht um eine andere Frau, die stirbt. Wir erleben gleich zwei Wunder, denn beide Menschen erfahren, wie Jesus Ihre Lebenswunden in Lebenswunder verwandelt. Die Geschichte steht in Markus 5, 21-43.

   Zwei ganz unterschiedliche Schicksale sind hier kunstvoll verwoben zu einer Geschichte. Ein 12-jähriges Mädchen, das plötzlich zu sterben droht, und eine Frau, die zwölf Jahre unter einer schrecklichen Krankheit zu leiden hatte – sie beide erleben ein echtes Wunder. Beide haben scheinbar nichts gemeinsam – außer, dass sie weibliche Wesen sind. Und – die Zahl 12 stellt eine Verbindung zwischen ihnen her. Dennoch: Die beiden Frauen haben mehr miteinander zu tun, als man auf den ersten Blick sehen kann…

Vordergründig spielt sicherlich der Synagogenvorsteher Jairus eine ganz wesentliche und auch verbindende Rolle. Denn er erlebt ja beide Wunder unmittelbar mit. Wenn auch unfreiwillig, so lernt Jairus durch das dazwischen gekommene Wunder an der blutflüssigen Frau etwas ganz Wesentliches. Im Nachhinein wird ihm klar, dass es bei Jesus kein „Zu-spät“ gibt. Selbst der Tod verliert seine Endgültigkeit – wenn wir nur glauben. „Fürchte dich nicht, glaube nur“, sagt Jesus zu dem verzweifelten Vater (V.36). Als wenn das so einfach wäre, sich nicht zu fürchten. Wie kann man nur glauben, dass Jesus selbst dann noch etwas tun kann, wenn alles leblos, ausweglos, sinnlos erscheint? Nur im Glauben an Jesus, der letztendlich den Tod besiegt hat, können wir glauben, dass es nie zu spät ist für ein Wunder – nicht zuletzt das Wunder der Auferstehung. Das ist die Botschaft: Wir dürfen und sollten immer mit dem Wunder der Auferstehung rechnen – und zwar mitten im Leben. Die Tochter des Jairus war erst 12 Jahre alt. Das heißt, sie war nach damaliger Sitte in Israel gerade geschlechtsreif und damit im heiratsfähigen Alter. Sie hatte gewissermaßen das Leben noch vor sich. Wenn Jesus zu ihr sagt: „Talita kum“, dann ist dabei nicht nur an das Auferstehen vom Tod zu denken. Dieses „Steh auf“ soll für dieses Mädchen ein Lebensmotto werden. Steh auf! Steh zu dir! Steh auf, gib nicht auf – niemals! 

   Welche Botschaften bestimmen dein Leben? Vielleicht:

„Das kannst du nicht?!“, 

„Du wirst es nie zu etwas bringen?“,

„Du taugst nichts?!“, 

„Du bist ein Unfall!“,

„Es hat alles keinen Sinn!“

   Wenn du das glaubst, dann hat es Sinn, dass du heute hier bist und diese Botschaft hörst: Unser Denken bestimmt unser Leben. Wir dürfen glauben, dass Jesus etwas ändern kann. Vielleicht hast du gewisse Hoffnungen längst begraben. Dann steh auf! Und wenn dir die Kraft dazu fehlt, dann mache das, was Jairus tut: darum bitten, dass Jesus eingreift. Gebet hat Kraft – Auferstehungskraft. Denn der Auferstandene antwortet auf unser Gebet. Jesus möchte uns Menschen aufrichten. Wir dürfen aufstehen, aufrecht durch das Leben gehen!

   Es ist nie zu spät für ein Wunder. Es kann sich immer noch etwas ändern im Leben. Steh auf! Glaube nur! Genau das hat übrigens auch die blutflüssige Frau getan. Eigentlich galt ihre Krankheit als unheilbar. Sie war austherapiert. Sie hatte alles versucht. Sie hatte ihr ganzes Vermögen für Therapien und Medikamente ausgegeben. Sie muss reich gewesen sein, aber das half auch nichts. Wahrscheinlich hat sie sich so elend gefühlt, wie Jana es anfangs beschrieben hat… Zwölf Jahre durfte sie niemand berühren – auch nicht die Menschen, die sie lieb hatte. Sie konnte keine Kinder kriegen. Sie galt als unrein – umso erstaunlicher, dass sie bei der großen Menschenmenge bis zu Jesus vordringen konnte. Sie glaubte, dass sie nur das Gewand von Jesus berühren müsste, um geheilt zu werden. Was für ein Glaube – nach all den verzweifelten Versuchen, gesund zu werden. Die Botschaft hier ist: Es genügt manchmal, nur den Saum des Gewandes zu berühren. 

   Was könnte das für uns bedeuten?

   Vielleicht ein kleines Stoßgebet zum Himmel richten, wenn wir in Not sind oder keine Kraft zum Aufstehen haben!

   Vielleicht nur einen Vers in der Bibel lesen, der Hoffnung macht!

Vielleicht in den Gottesdienst kommen, nichts sagen, aber sich von Gottes Wort anrühren lassen.

   Vielleicht wieder einmal am Abendmahl teilnehmen und das kleine Stück Brot und den Schluck aus dem Kelch in sich aufnehmen, damit wir ganz neu spüren, wie viel wir Jesus Christus bedeuten und dass er alles für uns gegeben hat!

   Vielleicht den Pastor anrufen und das Wörtchen „Hilfe“ sagen!

   In der Geschichte wird beschrieben, dass diese Frau eigentlich auch gerne unerkannt geblieben wäre. Doch Jesus besteht darauf, dass sie sich outet. Wie beschämend vor all den Leuten? Heilung wird manchmal nur geschehen, wenn wir bereit sind, auch die schambesetzten Themen in unserem Leben zu bekennen. 

   Nun kann das Leiden der Frau mit ihrer starken Menstruations- oder auch chronischen Gebärmutter-Blutung hormonell bedingt gewesen sein. Es könnte aber auch sein, dass es da psychosomatische Zusammenhänge gab. 

Ich komme noch einmal zurück auf die Zahl 12. Nur mal angenommen, diese Frau hat in ihrer Kindheit zu wenig Liebe erfahren – vor allem von ihrem Vater. Denkbar, dass sie im Alter von 12 Jahren verheiratet worden ist. Vielleicht musste sie einen Mann heiraten, den sie nicht liebte, den sie auch nicht lieben konnte, weil sie selbst zu wenig Liebe erfahren hatte. Vielleicht versuchte sie ihr Leben lang, ihrem Vater zu gefallen. So weit hergeholt ist das nicht. Demnach verausgabte sie sich … im wahrsten Sinne des Wortes. Blut steht für das Leben und für die Liebe. Sie gab alles, nur um ein wenig Bestätigung, Wertschätzung und Liebe zu bekommen. Doch diese Sehnsucht blieb ungestillt. Ärzte konnten da nicht helfen. Erst in dem Moment als Jesus zu ihr sagte: „Meine Tochter“, da wurde diese Sehnsucht für immer gestillt. Die Botschaft, die bei dieser Frau ankam, war die: Da ist ein Vater im Himmel, dem ich nichts beweisen muss. Ich finde es sehr auffällig, dass Jesus diese erwachsene Frau mit der Anrede „Meine Tochter“ anspricht.       Damit wird eben auch ein Zusammenhang mit der 12-jährigen Tochter des Jairus hergestellt. Denkbar, dass auch dieses Kind unter dem allzu großen Über-Ich des Synagogenvorstehers zu leiden hatte. Sie war das einzige Kind. Vielleicht war sie überbehütet. Vielleicht wurde ihre Entwicklung so stark kontrolliert, dass sie nicht zu sich selbst stehen konnte. Vielleicht hat Jairus seine Tochter so sehr geliebt, dass er gar nicht gemerkt hat, wie sehr er Macht über sie ausübte. So spekulativ das sein mag: Die Botschaft „Steh auf“ bekommt auf diesem Hintergrund eine neue Bedeutung. Gott möchte, dass wir innerlich heil werden. Nicht selten spielt die Beziehung zum Vater oder auch zur Mutter eine überaus bedeutsame Rolle für die spätere Entwicklung. Diese Zusammenhänge zu entdecken, kann auch schmerzhaft sein. 

   Erst wenn wir uns mit der eigenen Biografie versöhnen, können wir heil werden. Gott ist unser Vater – ein Vater, der dich als Tochter und als Sohn sieht. Seine Vaterliebe stillt jede Sehnsucht und zugleich ermutigt sie uns, aufzustehen, zu leben und zu lieben.

   Mag sein, dass manch einem diese psychologisierende Herangehensweise an diese neutestamentliche Wundergeschichte fragwürdig erscheint. Man könnte diese Geschichte auch rein theologisch heilsgeschichtlich deuten. Demzufolge würden diese beiden Wunder an der blutflüssigen Frau und der Tochter des Jairus eigentlich nur darauf hindeuten, dass sich mit dem Kommen Jesu alttestamentliche Prophetie erfüllt. Denn der Prophet Jeremia (31,4.13.21) hatte das Aufstehen und Gehen der gefallenen Jungfrau Israel angekündigt. Sowohl die blutflüssige Frau, als auch das 12-jährige Mädchen könnten die „Jungfrau Israel“ verkörpern, also das auserwählte Volk Gottes, das den Messias erwartet. Die Menschen damals sollten aufgrund der beiden so außergewöhnlichen Wunder an zwei Frauen, erkennen, dass Jesus der Messias ist, und sich mit ihm die Prophetie des Jeremia erfüllt hat.

   Wir müssen nicht bluten – weder für Schuld, die wir begangen haben und unter der wir vielleicht jahrelang schon leiden noch für das, was uns womöglich im Laufe des Lebens angetan worden ist. Jesus hat sein kostbares Blut für uns vergossen, damit wir frei werden können. Er vergibt uns, und vielleicht ist es ein Prozess, zu erkennen, dass wir uns nichts vergeben, wenn auch wir „unsern Schuldigern vergeben“. Aber Jesus ist auch auferstanden. Er ermöglicht es uns, dass neues Leben für uns, in uns beginnen kann – zu jeder Zeit. Das einzige, was nötig ist, ist Glauben. Die beiden Frauen aus der Geschichte sind ein Beispiel dafür. Die blutflüssige Frau hat Jesus ihren Glauben geschenkt, ist aufgestanden und zu ihm gegangen, um geheilt zu werden. Und bei dem 12- jährigen Mädchen war es so, dass Jesus zu ihr ging, weil er an sie geglaubt hat, sodass sie auferstehen konnte – zu neuem Leben. Das alles spricht nur für eins: Wenn wir daran glauben, dass wir nicht bluten müssen, weil Jesus für uns gestorben und auferstanden ist, können wir unser Leben lang und – egal, was war – aufstehen, Stehaufmännchen sein, damit aus unseren Wunden Wunder werden. AMEN

Jana Schumacher

Ich bin Baujahr 1970 und lebe in Rostock - an der Ostsee... Ich liebe das Meer; und ich liebe das Mehr, das Jesus Christus mir mehr und mehr ins Herz gibt: Himmel im Herzen!

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