You are currently viewing Der Bonsai

Der Bonsai

Meine Nachbarin hat einen großen, grünen Daumen. Jede Pflanze, die sie zwischen die Finger bekommt, blüht so richtig auf. Aber für etwas hat sie ein besonderes Händchen — und das ist der Bonsai. Eine ganze Reihe dieser edlen kleinen Bäume stehen in ihrer Wohnstube an der Fensterfront. Und vor der Terrasse zur Küche hin habe ich auch ein paar jener Sehenswürdigkeiten erspäht. Denn im letzten Jahr bat uns meine liebe Nachbarin, ob wir uns während ihres wohlverdienten Sommerurlaubs um ihre Blumen und Bäumchen kümmern würden.

Natürlich nahm ich meine Assistentin und Freundin Hanka mit in die Wohnung meiner Nachbarin. Denn ich kann ja keine Gießkanne halbwegs ruhig festhalten, damit die Pflanzen auch wirklich etwas zu trinken bekommen. Als ich damals jedoch vor den kleinen Bäumen stand und sie — zusammen mit Hanka — in aller Seelenruhe bestaunte, bekam ich doch tatsächlich mit, wie ein Bonsai zu schimpfen und zu zaudern begann.

„… von wegen eine Augenweide … Ich bin ein hässliches, mickriges Gestrüpp!“, unterbrach der Bonsai unser Gespräch. „Groß hätte ich sein können — wie die anderen Bäume, die ich jeden Tag vor dem Fenster sehen muss. Aber nein, stattdessen wurde ich beschnitten — Jahr für Jahr. Man hat es regelrecht darauf abgesehen, mich klein zu halten. Und dabei war es meiner Besitzerin egal, ob mir das Kürzen meiner Wurzeln und Zweige gefällt oder nicht, ob es mir wehtut oder nicht und wie ich mir mein Leben vorstelle! Ich werde hier eingeengt — in der hübschen, aber viel zu kleinen Schale. Dabei möchte ich mich so gern ausbreiten … wachsen … zeigen, was ich eigentlich zu bieten habe!“

Geduldig hörte ich mir die Klage des Bäumchens an. Aus seiner Sicht, aus seiner Ansicht hatte ich das Ganze ja noch nie betrachtet. Und irgendwie empfand ich auf einmal, dass der Bonsai recht hatte: Er wurde sein Leben lang gestutzt, damit er in die Vorstellungen von uns Menschen passte. Einfühlsam streichelte ich eines seine Blätter und versuchte ihn zu ermutigen: „Du bist trotz allem ein wundervolles Bäumchen — ansehnlich und würdevoll. Ich habe großen Respekt vor dir. Und eins sollst du wissen: Wahre Größe wird nicht in Zentimetern gemessen!“

Der Bonsai reckte und streckte sich — so hoch er konnte und grinste verzweigt. „Dankeschön, dass du mir zugehört hast. Das Reden hat einfach einmal gut getan!“, meinte er, als wir die Wohnung wieder verließen.

Zuhause angekommen ging mir noch lange nach, was der Bonsai gesagt hatte. Und ich dachte gleich wieder an den, der mich hegte und pflegte. Ich freute mich an meinem Schöpfer, der meine Seele zum Erblühen brachte. Mit einem dankbaren Herzen bekannte ich ihm zum wiederholten Male: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ (Psalm 31,9) Denn in keinem Zeit-Raum hatte er mich in meinen Möglichkeiten und Fähigkeiten beschnitten. Im Gegenteil: Er sorgte dafür, dass ich mich in meinem Lebens-Raum entfalten konnte. In ihm und durch ihn durfte ich groß und stark werden. Genug Spiel-Räume hielt er mir tagtäglich dafür offen. Tja, und nun hatte er sogar einen Raum der Begegnung mit einem Bonsai geschaffen, der mich daran erinnerte, was für einen Frei-Raum mir geschenkt worden war!

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Als Autorin wohne ich in Rostock und lasse mich hier oft vom Meer inspirieren - und vom Mehr, das "das Leben" mir schenkt! Ich schreibe für mein Leben gern. Geschichten, Andachten, Gebete, Rätsel und Bücher habe ich im Angebot. Doch am liebsten verfasse ich Gedichte!