Die alte, die altbekannte Frau…

Die alte, die altbekannte Frau…

Es war einmal eine alte, eine altbekannte Frau, die schon einige Jahre auf dem Buckel hatte. Und dennoch war sie jung … so frisch wie der neue Tag, der gerade erwacht war. Zwar ging sie gebeugt an einem Stock, aber irgendwie wanderte sie auch leichten Schrittes durch die Welt. Sie hatte tiefe Falten im Gesicht, doch sie ließ sich – im Laufe der Jahre – noch kein einziges graues Haar wachsen. Auch trug sie eine Brille, aber ihre Augen blickten mit Weitsicht auf die Menschenkinder… Ja, mehr noch: Sie lebte in den Herzen der Menschenkinder, indem sie immer wieder ein Licht entzündete, wenn es in ihnen dunkel geworden war. Sie machte sie stark, wenn sie schwach wurden. Sie richtete sie auf, wenn die Not und das Leid sie in die Knie zwangen. Und sie hauchte ihnen neues Leben ein, wenn ihre Träume oder Wünsche wieder einmal starben. Bei alledem war sie irgendwie nicht totzukriegen…

An jenem besagten Morgen herrschte im Herzen des Menschenkindes Michael tiefe, dunkle Nacht. Er hatte sein einziges Kind verloren und war tiefbetrübt. All seine Zuversicht, dass es doch noch gesund werden würde, war mit in das kleine Grab gesunken. Wie viel Erwartungen hatte er in die Therapie und in das Gebet gelegt…?! Er vertraute darauf, dass alles gut werden könnte. Auf einen Lichtblick hatte er gewartet, aber nun war es finster in ihm. Die Welt stand für den Familienvater still; er konnte das Unglück nicht fassen. Eigentlich wollte er nur noch sterben … bei seinem Kind sein … Von niemanden wollte er sich trösten lassen. Auch die alte, die altbekannte Weise kam nicht mehr an ihn heran. Im Gegenteil: Sie zündete in ihm eine Kerze an – er blies sie bewusst aus. Sie wollte ihm die Tränen von den Wangen wischen – er stieß sie von sich. Sie begegnete ihm mit Güte und Milde – er reagierte mit Wut und Aggression.

Die alte, die altbekannte Frau wusste, dass das Trauern Zeit brauchte. Der Verlust musste verarbeitet werden – in bestimmten Phasen. Darum hielt sie es geduldig aus, wenn Michael zwischen Schockreaktionen, zwischen Anklage, zwischen Ärger oder berührenden Erinnerung an sein Kind schwankte. Es würde lange brauchen, bis sie ihm ihr Lieblingsutensil zeigen konnte… 

Doch irgendwann war es dann soweit: Die weitsichtige Frau ließ Michael durch ihr Fernrohr schauen, das bis hinüber in die andere Welt, bis in die Ewigkeit reichte. Und dort entdeckte er sein Kind. Es lebte; es lachte; es litt nicht mehr… An der Hand des himmlischen Vaters ging es im Garten Eden spazieren. Es bewunderte Bäume und Blumen in ihrer Pracht, die es noch niemals zuvor gesehen hatte. Dann tobte das Kind zu einer Königskobra hin und spielte mit ihr – ganz ohne Gefahr. Ja, und einige Zeit später kletterte es auf den Baum des Lebens. An einem dicken Ast machte er Klimmzüge. So etwas wäre ihm hier auf Erden niemals möglich gewesen…

Das Herz von Michael weitete sich wieder. Durch die Sicht in das Fernrohr sah er die Situation mit anderen Augen. Irgendwie gewann er mehr Über-Blick. Obwohl er sein Kind ganz schrecklich vermisste und oft ganz traurig dreinschaute, glaubte er nun an ein Wiedersehen. Und das hielt ihn am Leben.

Das Menschenkind lud die junggebliebene Alte ein, bis zu seinem Lebensende bei ihm zu bleiben. Ihm war klar geworden, dass sie noch öfters in ihm ein Licht anzünden durfte, wenn ihn das Dunkel der Traurigkeit überfiel. Es hatte begriffen, dass er ein ermutigendes Wort von ihr brauchte,  sobald ihn der Verlust sprachlos machte. Und es sah ein, dass es immer wieder einmal an die himmlischen Aussichten erinnert werden musste. 

Es kam schließlich der Tag, an dem Michael tief in seinem Herzen wusste, wen er seit Jahren an seiner Seite schätzte: Denn die alte, die altbekannte Frau hieß „Hoffnung“!

Jana Schumacher

Ich bin Jana Schumacher und lebe in Rostock - an der Ostsee... Ich liebe das Meer; ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir mehr und mehr schenkt!