Die Suppe auslöffeln müssen, die unsere Sippe uns eingebrockt hat?

Die Suppe auslöffeln müssen, die unsere Sippe uns eingebrockt hat?

Schön, dass Ihr alle da seid! „Morgenstund hat Gold im Mund.“, haben bestimmt die meisten von euch gedacht und sind heute früh aufgestanden, um in den Gottesdienst zu kommen. Für viele Leute ist heute ja der einzige Tag, an dem sie einmal richtig ausschlafen können, aber denen halten wir entgegen: „Der frühe Vogel fängt den Wurm.“ Manch einer von euch denkt nun vielleicht auf seinem Stuhl: „Was sind die da vorn heute doch für komische Vögel.“ Was haben die denn heute mit Sprichwörtern? „Die haben wohl einen Clown gefrühstückt.“ Die sollten mal lieber das machen, was sich im Gottesdienst gehört und aus der Bibel predigen. Also: „Schuster, bleib bei deinen Leisten.“

   Der heutige Predigttext steht beim Propheten Hesekiel im 18. Kapitel:

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«? So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel. Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne.“ 

   Also, es geht schon wieder mit einem Sprichwort weiter – aber mit einem Sprichwort, von dem Gott genug hat und dass er nicht mehr hören will. Und das sagt er mit starken Worten: So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel.

Ja, mit Sprichwörtern wurde auch damals schon manche Rede gewürzt. Aber warum ist gerade dieses damals verboten worden? Und stimmt das überhaupt? Bekommt man von sauren Trauben stumpfe Zähne? Das Stumpfsein ist sicher nur so ein Gefühl. Wahrscheinlich hat man so einen komischen Geschmack von der Säure im Mund, dass sich die Zähne pelzig anfühlen. Aber dass das über Generationen hinweg funktioniert…? Dieser Geschmack im Mund ist doch nicht erblich, sodass die Kinder immer noch ein komisches Gefühl im Mund haben.

   Nun, das ist gerade das Problem: Denn die Sache, die hier vom Propheten Hesekiel verhandelt wird, hat einen schalen Nachgeschmack. Anders gesagt, das mit den sauren Trauben und den stumpfen Zähnen bedeutete eigentlich, dass die Kinder die Suppe auslöffeln müssten, die die Eltern ihnen eingebrockt haben. Aber genau das ist nicht wahr! Es müssen doch wohl alle einsehen, dass jeder vor seiner eigenen Türe kehren muss. „Die Strafe folgt doch normalerweise auf den Fuß!“ Warum muss das Kind das ausbaden, was der Vater falsch gemacht hat? Genau damit soll ja auch Schluss sein. Jeder muss für seine eigenen Fehler einstehen.

   Aber – stimmt das nicht manchmal auch? Müssen Kinder nicht manchmal auch die Suppe auslöffeln, die ihre Eltern ihnen eingebrockt haben? Ich bin das beste, das lebendige Beispiel dafür: An einer anderen Stelle habe ich es schon einmal angedeutet: Ich bin behindert, weil ich fallengelassen worden bin. Ich sitze im Rollstuhl. Ich habe täglich Schmerzen. Ich muss mit den Konsequenzen des Handelns leben…   

   So haben sie damals auch gedacht – die Israeliten zur Zeit des Propheten Hesekiel im sechsten Jahrhundert vor Christus, im Exil in Babylon. Sie sind am Leben. Ja, aber was ist das für ein Leben? Sie haben ihre Harfen frustriert in die Weiden gehängt und weinen, wenn sie an all das denken, was sie verloren haben: Das Land, die Stadt, den Tempel. Das religiöse Herz des Volkes ist herausgerissen. Die Wissenden sind verschleppt, zwischen Euphrat und Tigris geworfen und ihrem Schicksal überlassen.

   Wie konnte das passieren? – „Die Alten sind schuld“, die Generation der Väter und Mütter, so tröstet das Sprichwort: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden.“ Die Alten waren’s, die hatten sich mit den mächtigen Völkern der Umgebung angelegt, wollten sich als unbedeutende Kleinnation militärisch behaupten unter den Großen und nun sitzen die Söhne, die Töchter im Dreck: sauer, mit stumpfem Belag auf den Zähnen, ohne jede versöhnliche Perspektive.

Wisst Ihr, was mir aufgefallen ist: Ja, es gibt blöde Umstände, die wir anderen – speziell unseren Angehörigen – zu verdanken haben: Aber es bringt niemandem etwas, wenn wir uns selbst bemitleiden und ihnen die Schuld zuweisen. Das macht es nicht besser. Im Gegenteil! Es bringt uns nicht weiter, wenn wir immer wieder fragen: Warum gerade ich? Warum ist mir das passiert? 

   Manchmal sind wir vor und in Situationen gestellt, und wir sollen aus ihnen das Beste machen. Und wir können es auch, weil es eine Lösung, die Erlösung gibt.

   Darum sagt Gott auch in Vers 4: Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne.“ „Er schert uns nicht alle über einen Kamm.“ Wenn Gott sagt: Alle Menschen gehören mir, dann heißt das – er hat jeden Einzelnen geschaffen … ob die Leute das nun wahrhaben wollen oder nicht. Die Eltern sind sein und die Kinder sind sein. Er liebt jeden Menschen – unabhängig von seinen Leistungen und seinem Versagen … einfach weil er uns gemacht hat. Er möchte, dass wir in eine persönliche Beziehung mit ihm treten und uns so verhalten, wie es seinem Willen entspricht.  Oft genug schaffen wir das natürlich nicht. Wir sündigen – ob als Väter und Mütter oder Söhne und Töchter.

   Aber für uns, die wir Jesus kennen, gibt es eine gute Nachricht: Er ist für unsere Schuld am Kreuz von Golgatha gestorben. Unsere Vergangenheit braucht uns nicht mehr zu belasten. Wir können sie abgeben an ihn. Und auch in der Gegenwart kann neue Hoffnung erblühen, weil er unsere Zukunft ist. Er ist der Gott der zweiten Chance – für jeden.

   Gott nimmt uns nicht durch die Brille unserer Familiengenerationen wahr, sondern er sieht jeden von uns direkt an. Diese geniale Botschaft befreit uns aus gestörten Bindungen. Aber gleichzeitig fordert sie uns auch dazu auf, verbindlich mit ihm zu leben. 

   Gott schreibt mit jedem von uns eine persönliche Geschichte. Er bietet uns Beistand, Liebe und die ganze Ewigkeit an. Wir müssen nur zugreifen. Er hat das Opfer für uns gebracht. Und darum können wir aus der Opfermentalität heraustreten.

   Ja, am Kreuz hat Jesus uns gezeigt, wie viel wir ihm bedeuten. Er will uns Leben im Überfluss schenken. Er hat den Fluch aufgehoben, dass wir immer noch minderwertig denken müssen: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“ Oder: „Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen.“ Wer weiterhin so im Selbstmitleid badet, wird darin ertrinken. Denn ob ihr es glaubt oder nicht: Wer sich nur auf den Fehlern seiner Vorfahren ausruht, sündigt auch. Er glaubt nicht daran, dass Gott sein Erlöser ist und „dass denen, die ihn lieben, alle Dinge zum Guten dienen können.“ Er vergeudet die Zeit, die Liebe, das Potential, das Gott in ihn hineingelegt hat. 

   Manches ist einfach so, wie es ist. Das gilt es anzunehmen und das Beste daraus zu machen. Manches muss aufgearbeitet werden, damit man vorankommt. Ohne Zweifel kann uns die Vergangenheit auch immer wieder einmal einholen. Manche Wunde quält uns und manche Narbe wird bleiben. Aber die Devise lautet: aufstehen, losgehen oder vielleicht sogar auch loslassen, weil Gott da ist, für uns da ist…

   Na gut, losgehen kann ich nicht mehr – aufgrund dessen, was vor Jahren passiert ist. Aber ich habe losgelassen, was allerdings ein Prozess war. 

Als ich vor sieben Jahren erfahren habe, warum ich im Rollstuhl sitze, da war ich zunächst so wütend… Damals hatte ich so viele Aggressionen in mir, dass ich mir öfter einen Ball genommen habe und gegen meine Schlafzimmertür meinen Zorn geschossen habe… 

   Irgendwann wurde dann aus der Wut Wehmut. Ich habe mir immer vorgestellt, was gewesen wäre, wenn ich gesund geblieben wäre. Vielleicht wäre ich heute verheiratet, hätte Kinder, hätte wirklich den Traumberuf ausüben können, der mir immer vorschwebte. Aber ich merkte: „hätte, könnte, wäre, müsste“ bringt mich nicht weiter. Es zählt, was ist – Ich habe wunderbare Menschen gefunden, die mich versorgen. Ich lebe in einer tollen Wohnung. Ich habe Freunde und vor allem habe ich den Gott gefunden, der mich erlöst hat – auch von dem, wo ich Schuld auf mich geladen habe. Vielleicht hat mich meine Behinderung zu ihm gebracht und mich sogar ein stückweit gesund gemacht…? Als Gott mir das alles vor Augen führte, konnte ich loslassen – ver-geben. Und das machte mich frei…

   Vergebung entschuldigt überhaupt nichts. Es kann nicht darum gehen, zu entschuldigen, was vielleicht nicht zu entschuldigen und auch nicht wieder gut zu machen ist! Doch wer vergibt, heilt sich selbst. Das schaffen wir oft nicht allein: Wir brauchen Gott, der uns selbst immer wieder unsere Schuld vergibt, der Erbarmen und Geduld mit uns hat, damit wir erkennen: Wir vergeben uns nichts, wenn wir denen vergeben, die an uns schuldig geworden sind, weil wir die Suppe, die sie uns eingebrockt haben, auch nicht auslöffeln müssen.    

   Wir sind niemals festgelegt, haben immer die Wahl: entweder wir wollen in der Gegenwart leben, nehmen unser Leben in die Hand, sodass wir auch unseren Nachkommen, unseren Mitmenschen die Liebe und Weite Gottes vermitteln – oder wir bleiben in unserer Vergangenheit stecken und sterben an der Verbitterung und in der Trauer. Wir stehen in der Verantwortung vor Gott und unserem Nächsten. Gott will aber in jedem Fall, dass wir leben und nicht ohne ihn zugrunde gehen. „Und das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“ AMEN.

Jana Schumacher

Ich bin Baujahr 1970 und lebe in Rostock - an der Ostsee... Ich liebe das Meer; und ich liebe das Mehr, das Jesus Christus mir mehr und mehr ins Herz gibt: Himmel im Herzen!

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