Die Tante mit dem Brot

Die Tante mit dem Brot

Vor ein paar Wochen hatte ich das Gefühl, dass ich aus meiner spannenden, aus meiner spannungsgeladenen Geschichte, die das Leben mit mir schreibt, einfach einmal herausgehen und von einer anderen Seite betrachten durfte. Ich wollte ganz entspannt die Gegenwart genießen. Geistesgegenwärtig fuhr ich also zu einem herrlichen Teich in meiner Wohngegend und fütterte in aller Seelenruhe die Enten, die mir vertrauensvoll um meine Füße watschelten und vor sich hin schnatterten … Ein paar Kinder beobachteten mich offenbar. Denn als ein dreister Schwan aus dem Wasser stieg, erhaben auf mich zukam, sich die Tüte mit dem Brot von meinem Schoß schnappte und auf dem Erdboden fallenließ, fingen die kleinen Süßen lauthals an zu lachen. Seitdem wurde ich für sie „die Tante mit dem Brot!“

Die Neugier der Mädchen war geweckt. Ohne Scheu und ohne Vorbehalte kamen sie auf mich zu und fragten mir Löcher in den Bauch: „Wie heißt du?“, interessierte Emilia, die mir ihr Alter nicht verraten wollte. „Was machst du hier?“ „Warum hat der Schwan das gemacht?“ „Was ist das?“, fragte mich die fünfjährige Mia, indem sie auf meinen Rollstuhl zeigte. „Tun deine Beine weh?“

Als ich alle Fragen anscheinend zufriedenstellend beantwortet hatte, hob die kleine Judy wortlos die Tüte mit dem Brot auf und reichte sie mir. Und so fütterten wir alle zusammen die Enten, wobei nicht nur die Mädchen eine Menge Spaß hatten, sondern auch ich. Irgendwann waren meine Mitbringsel natürlich verspeist, sodass mich die Kleinen mit hungrigen, mit wissensdurstigen Blicken anschauten. Mathilde sprach aus, was alle von ihnen dachten: „Und nun?“

Während mein Herz für die Kinder Feuer fing, rauchte mein Kopf.  Irgendetwas wollte ich ihnen mitgeben, wofür sie für einen Moment brennen konnten. Insofern dachte sich „die Tante mit dem Brot“ die Geschichte über das hübsche Entlein aus, das sich immer hässlich fühlte, weil alle anderen Artgenossen das behaupteten. Doch — erst als sich das Entlein selbst richtig anschaute und seine glänzende Feder auf dem Rücken entdeckte, wusste es, dass es ein ganz besonderes Geschöpf war. 

Große Augen sahen mich an. Die Münder der Mädchen standen offen. Sie staunten und nahmen die Botschaft offensichtlich gern in sich auf. Als die Geschichte rund war und ich mich von den Kindern schon verabschiedete,  indem ich meinen Rollstuhl fahrbereit machte, meinte Emilia leise: „Kommst du morgen wieder?“

Ich war verdattert und antwortete nur: „Vielleicht …“

Als ob sie sich abgesprochen hatten, sagten sie zeitgleich: „Oh ja, bitte …“

„Die Tante mit dem Brot“ kam wieder. Sie brachte ein paar kleine Tüten mit Futter für die Enten mit, die sie den Mädchen überließ. Ja, und auch eine neue Geschichte trug sie, trug ich im Gepäck. Diesmal hatte ich mir ausgedacht, von einer lahmen Ente zu erzählen, die so sehr darunter litt, dass sie am Ufer nur hinkte, weil ihr ein Bein fürchterlich wehtat. Sie beneidete ihre Kameraden, die einfacher durch das Leben kamen. Aber dann tröstete sie der große, weise Schwan. Er fragte die gelähmte Ente, ob ihr noch gar nicht aufgefallen war, dass sie dafür viel besser schwimmen konnte als die anderen. Er selbst hatte das beobachtet, weil er die Angelegenheit aus einer höheren Perspektive sah. Das Entlein wurde wieder froh, weil es jetzt wusste, dass es auch etwas konnte. Und so versprach es dem klugen Schwan, dass es sich in Zukunft viel mehr auf seine Stärken konzentrieren wollte als auf seine Schwächen. 

Wieder hatten die Kinder aufmerksam zugehört. Und auch die Erwachsenen, von denen sie begleitet wurden, lächelten milde, als wir uns wieder voneinander trennten. Insgesamt fünf Tage trafen wir uns daraufhin noch zum gemeinsamen Füttern der Enten und zum Lauschen auf eine neu erfundene Geschichte. Am Ende fühlte sich „die Tante mit dem Brot“ selbst beschenkt. Schließlich hatte sie ein paar wenige Menschen und Tiere mit nahrhaften Dingen versorgen und dabei gerade selbst so manche schwere Kost verdauen dürfen … Was war das doch für eine wunderbare Po-Ente!

Jana Schumacher

Ich bin Jana Schumacher und lebe in Rostock - an der Ostsee... Ich liebe das Meer; ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir mehr und mehr schenkt!