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Eine Menge

Der bayerische Komiker Karl Valentin hat den Satz geprägt: „Heute Abend besuch ich mich. Ich hoffe, ich bin daheim!“ Obwohl diese Aussage zunächst einmal sehr lächerlich und absurd klingt, steckt doch auf den zweiten Blick eine tiefgründige Wahrheit dahinter. Denn wie oft stehen wir neben uns? Eine Menge kann uns tatsächlich davon abhalten, bei uns selbst zu sein.  

  • Vielleicht sind es eine Menge Termine und Aufgaben. 
  • Vielleicht sind es eine Menge Alltäglichkeiten, die uns die Bewusstheit rauben.
  • Vielleicht sind es eine Menge Erfahrungen mit Leid, die unsere Lebensfreude trüben.
  • Vielleicht sind es eine Menge Konflikte und Herausforderungen, die uns fesseln. 

Auch Zachäus steht irgendwie neben sich. Anstatt bei sich zu Hause zu sein, ist er unterwegs … auf der Flucht … in einem Versteck. Er ist auf einen Baum geklettert. In Lukas 19,3 heißt es: „Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge.  … wegen der Menge — so lautet es auch hier. Und dabei ist sicherlich nicht nur die beistehende Menschenmenge gemeint …

Womöglich kann Zachäus nicht zu sich stehen, weil er sehr klein ist. Wahrscheinlich weiß er noch nicht, dass wahre Größe nicht in Zentimetern gemessen wird. Er kommt sich kleinmütig, kleingläubig, kleingeistig vor. Unter einem geringen Selbstwertgefühl scheint er zu leiden. Obendrein hat er — als Chef der Steuereintreiber — jahrelang in die eigene Tasche gewirtschaftet. Je länger, desto mehr wird er vom Volk verachtet … gemieden … abgelehnt. Insgeheim leidet er unter seinem schlechten Gewissen. Denn er hat längst verstanden, dass sich wahrer Reichtum nicht auf Betrug aufbauen lässt und dass Geld nicht glücklich macht. 

Nun sitzt er auf einem Maulbeerfeigenbaum und wünscht sich ganz verstohlen, Jesus zu sehen, von dem er schon so viel Gutes gehört hat. Er begegnet nämlich Menschen mit Würde, mit Respekt, mit Wertschätzung, mit Liebe und Wohlwollen. Seine Worte sind irgendwie nicht von dieser Welt; sie haben Kraft und Gewicht. Und seine Taten sprechen von Heilung, von Rettung, von Zukunft und Hoffnung. Zachäus möchte sich eigentlich nur ein eigenes Bild von ihm machen, sodass er total verwundert und erstaunt ist, als Jesus vor ihm stehenbleibt, aufschaut, ihn mit seinem Namen anspricht und sagt: „Steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“ (Lukas 19,5)

Der Sohn Gottes lädt sich bei Zachäus höchstpersönlich ein — in sein Haus, in sein Leben, in sein Herz. Ihm ist es bei ihm nicht zu unaufgeräumt oder schmutzig. Nein, er nimmt ihn so an, wie er ist. Und das verändert alles. Denn auf einmal bringt Zachaus sein Leben selbst in Ordnung. Er teilt die Hälfte seines Vermögens und gibt das Geld zurück, das ihm nicht gehört — sogar vierfach. Plötzlich kann er zu sich stehen. Er räumt so gründlich auf, dass er gern bei sich zu Hause ist. 

                                                             ~ ~ ~

Ich frage mich gerade, wo dieser Zachäus in mir steckt? An welcher Stelle stehe ich neben mir? In welchem Bereich kann ich nicht bei mir selbst sein? Es gibt ja — wie bereits erwähnt — eine Menge Gründe … Aber es gibt ja auch einen guten Grund, der Sache auf den Grund zu gehen. Denn der Eine hat sich längst bei mir eingeladen; er wohnt in mir: er wartet förmlich auf mich. Und wenn ich spüre, dass ich sein Ansehen genieße, kann ich mich auch ansehen — mit meinem Versagen, mit meinen Schwächen, aber auch in meiner Einzigartigkeit. Ich kann ankommen und bei mir zu Hause sein!

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Ich bin eine Autorin aus Rostock und schreibe feste: christliche Gedichte, Geschichten, Andachten, Wortspiele, Sprüche ... und Bücher. Ich liebe das Meer. Und ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir schenkt!