Eine Weide für meine Augen

Eine Weide für meine Augen

Endlich hatte ich wieder einmal einen freien Tag … ganz ohne Termine. Das kommt selten bei mir vor. Und genau darum genieße ich solche „Frei-Tage“ umso mehr. Nach einem ausgiebigen Frühstück machte ich mich auf — in „meinen“ Park. Hier kam ich immer zur Ruhe; hier konnte mich der Himmel erden. „Wie lange habe ich hier schon keinen Spaziergang mehr gemacht?“, überlegte ich. „Es muss vor der Weihnachtszeit und dem harten, kalten Winter gewesen sein — vor meiner Corona-Erkrankung und den langwierigen Nachwirkungen …“ Als ich schon mitten im Grünen war, fiel mir einer der vielen Bäumchen in den Blick, der im Oktober radikal gestutzt worden war. Und nun war er eine Weide für meine Augen, weil er ganz neu trieb!

„Da guckst du, was?!“, hörte ich das Bäumchen erleichtert zu mir sagen, als ich zu ihm aufsah. 

„Ja, ich staune nicht schlecht!“, entgegnete ich. „Wie hast du denn das geschafft?“, wollte ich neugierig wissen. „Wie kannst du wieder solch eine Weide für meine Augen werden?“ 

„Ach, das ist keine lustige Geschichte!“, gab das Bäumchen zu.

„Erzählst du sie mir denn trotzdem?“, bettelte ich.

„Na ja, vor einem Dreivierteljahr war noch alles anders. Da konnte ich mich noch von meiner besten Seite zeigen!“, gestand mir das Bäumchen. „Aber dann … im Herbst … kam auf einmal der Gärtner. Eine große, laute Kettensäge brachte  er  mit. Ja, und dann ging es mir wortlos an den Kragen … Er machte sich an meinen Ästen zu schaffen! Ich habe gerufen, geschrien — vor Schmerzen und Angst, doch er konnte oder wollte mich nicht hören. Es ging relativ schnell, da war ich entblößt … nackt … schutzlos!!“, sagte das Bäumchen geknickt.

„Was ging in deinem Kopf, ähm — ich meine, in deinem ‚Stamm-Hirn’ vor?“, fragte ich zaghaft, zögernd und zielbewusst nach.

„Ich verstand diese ganze Aktion nicht; ich hatte dem Gärtner nichts getan. Im Gegenteil: Den ganzen Sommer über hatte ich meinen Standpunkt vertreten … verteidigt. Ich hatte Schatten gespendet; ich hatte Gifte für euch Menschen umgewandelt. Und das war nun der Dank … Ich war so sauer, so wütend — und anfangs unendlich kraftlos. Um ehrlich zu sein: Ich dachte, das ist mein Ende … mein Tod!

Wenn es nun regnete, ließ ich meinen Tränen freien Lauf. Als dann der Schnee fiel und meine Wunden wärmend bedeckte, hatte ich viel Zeit, um in mich zu gehen. Ich dachte viel darüber nach, wovon ich tatsächlich befreit werden sollte. Ständig hatte ich mich mit meinen Kumpels hier auf der Wiese verglichen; ich wollte der größte, der schönste, der stärkste Baum im ganzen Park sein. Doch — dann war ich selbst nicht mehr eine Weide für meine Augen. Wir sahen ja alle gleich aus; jeder hatte mit seinen eigenen Verletzungen zu kämpfen … Ich musste und konnte also niemanden mehr etwas beweisen. Was für eine Last fiel von mir ab …“ Das Bäumchen bewegte kurz seine zarten Zweige im Wind.

„Ich besann mich mit einem Mal auf meine Wurzeln; die hatte mir der Gärtner ja — Gott sei Dank — nicht geraubt. Irgendwie spürte ich dadurch, dass tief in mir das Leben ist … trotz der Dunkelheit, in dem Frost, mit den Schmerzen. Und so erlebte ich die Transformation mit: Das Ende hielt einen neuen Anfang für mich bereit, wodurch das Neue in mir keimen und wachsen konnte. Ich bin nicht mehr derselbe, der ich noch vor einem Jahr war, aber ich bin endlich ich selbst — so mitgenommen, wie ich vielleicht auch aussehen mag!“

„Wie meinst du das?“, hakte ich nach.

„Na, ich bin kein Einzelkämpfer mehr. Mir ist es jetzt wichtig geworden, auch meine Umwelt in den Blick zu nehmen … die anderen Bäume hier auf der Wiese. Jetzt sprechen wir uns gegenseitig Mut zu; wir stärken uns; wir tauschen uns darüber aus, wie es uns wirklich geht — aber nur, wenn kein Mensch in der Nähe ist …“, raunte das Bäumchen mit dem Luftzug, der neue Weichen stellte.

Ich bedankte mich bei ihm für seine Offenheit, für seine Offenherzigkeit. „Du bist tatsächlich eine Weide für meine Augen geworden — aber auch für mein Herz an diesem ‚Frei-Tag‘!“, meinte ich ehrlich, bevor ich mich von ihm verabschiedete. Und auf der Rücktour dachte ich ermutigt an das Zitat von Albert Camus: „Mitten im tiefsten Winter wurde mir endlich bewusst, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.“

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Ich bin eine Autorin aus Rostock und schreibe feste: christliche Gedichte, Geschichten, Andachten, Wortspiele, Sprüche ... und Bücher. Ich liebe das Meer. Und ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir schenkt!