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Auf einem Kreuz-Fahrtschiff

Auf einem Kreuz-Fahrtschiff

Es geschah auf einem Kreuz-Fahrtschiff. 

 

Alle Passagiere freuten sich auf ihren wohlverdienten Urlaub. So lange hatten sie gespart, um sich ein paar Tage so richtig auf der weiten See entspannen zu können und sich den Luxus zu leisten, der ihnen auf einem Kreuz-Fahrtschiff nun einmal geboten wurde. Und natürlich waren sie  auch auf die Landausflüge neugierig.  

 

Als das Schiff schon einige Meilen unterwegs war, genossen die Menschen die Sonne, den Sommer und das große, viele Mee(h)r! Alle ließen die Seele baumeln; sie schwammen im Pool … nahmen ein Sonnenbad … lasen … hörten Musik … nutzten die Tanzfläche … oder gingen auch zu den Gottesdiensten, die ihnen in regelmäßigen Abständen angeboten wurden. 

Unter ihnen war auch ein kleines Mädchen, das ohne Mama und Papa oder die Großeltern an Bord zu sein schien. Während der gesamten Reise wurde es nur allein gesehen. Und dennoch hatte es offenbar seinen Spaß  und freute sich des Lebens.

 

Mitten auf dem weiten Ozean kam eines schönen Tages — wie aus heiterem Himmel — ein heftiger Sturm auf. Die Wellen warfen das Schiff hin und her. Es regnete in Strömen. Die Mitreisenden saßen alle im selben Boot, denn sie hatten Angst davor, dass sie bald Schiffbruch erleiden mussten. 

 

Nur das Mädchen ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Auch in dieser Situation war es damit beschäftigt, ein wenig Farbe in das dicke Malbuch zu bringen. Es sah auch jetzt scheinbar keinen Grund darin, alles grau in grau zu malen.

Ein alter Herr, dem das Wasser bis zum Hals stand, sprach die Kleine daraufhin verblüfft an. „Wir alle zittern hier vor Angst, elendig ertrinken zu müssen … Und du? Fürchtest du dich denn gar nicht?”, wollte er von der Kleinen wissen.

 

Sie schüttelte vertrauensvoll den Kopf. Und dann sah sie kurz von ihrem Malbuch auf und entgegnete: „Warum sollte ich: Mein Vater ist doch der Kapitän!“

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Zwei Herzen

Zwei Herzen

Zwei Herzen begegnen sich im Park. Das eine ist ein Herz aus Gold … Es erscheint strahlend und rosig; es wirkt nach außen rosarot und schlägt im Dreivierteltakt. Seine Schritte tanzen nach der Melodie, die — Ton für Ton — in seiner Seele gerade im Entstehen ist.

 

„Komm, tanze mit mir!“, fordert das Herz ein anderes Herz auf, das erschöpft auf einer Bank sitzt — blutet und weint. 

 

„Ich habe einfach keine Kraft mehr!“, machte es dem fremden Herzen klar. 

 

„Ach, stelle dich doch nicht so an!“, meinte das Herz aus Gold.

 

„Es geht einfach nicht!“, erwiderte das schwere Herz, das total dunkelrot wirkte. Die Narben waren deutlich zu erkennen. „Ich bin gebrochen — innerlich zerrissen —, bei dem, was ich schon erleben musste. Ich wurde belogen und betrogen — verraten und verkauft — unbesehen übersehen, obwohl ich so viele Menschen ins Herz geschlossen hatte; obwohl sie mir förmlich ans Herz gewachsen waren … Ich bin zutiefst verletzt, sodass ich nicht mehr in meinem Takt schlage. Ich habe Probleme mit dem Rhythmus. In mir zieht sich alles zusammen … Ich glaube, ich sterbe bald am offenen Herzen!“ 

Das Herz aus Gold hatte dem schweren Herzen kaum zugehört. Dabei hatte es ihm seine Not auf dem Silbertablett präsentiert; es hatte ihm sein Herz ausgeschüttet. Aber — irgendwie lebte, schwebte es in seiner eigenen hellen Farbenwelt, weil es das Dunkle nicht so nah an sich herankommen lassen wollte. „Komm, tanze doch endlich mit mir!“, sagte es wieder zu seinem Gegenüber. 

 

„Ich kann das nicht!“, wiederholte das schwere Herz traurig. „Warum willst du das denn nicht verstehen?“

 

Da meldete sich ein drittes Herz zu Wort, das sich bislang im Schatten eines großen Baumes ausgeruht und die Unterhaltung der zwei Herzen — notgedrungen — gehört hatte. „Warum geht ihr denn nicht herzlich miteinander um?“, fragte es beide. „Liebes Herz aus Gold, du glänzt zwar mit deiner Fröhlichkeit, aber wir wissen doch alle, dass in dieser Welt nicht alles Gold ist, was glänzt. Auch du darfst getrost zugeben, dass das Leben nicht immer so einfach ist, wie du gerade vorgibst … Dich hat doch auch schon so manches Leid bis ins Herz getroffen — ob du es zugeben willst oder nicht!“  

Es machte eine kurze Pause und sprach dann weiter: „Und du, liebes schwere Herz, ich weiß, dass es dir schlecht geht. Wenn du mir vertraust, dann komm zu mir und mache deinem Herzen einmal richtig Luft; erzähle mir, was dich so bedrückt — niederdrückt. Anschließend kannst du wieder durchatmen.“

 

Schweren Herzens erhob sich das schwere Herz von der Bank. Es ging los und erzählte dem großen, weiten Herzen in allen Einzelheiten, was sich in seinem Leben zugetragen hatte. Tja, und währenddessen setzte sich das Herz aus Gold an diesen Platz. Die ehrlichen Worte hatten es so sehr bewegt, dass es die Füße stillhielt und ins Nachdenken kam. Die Augen wurden trübe. Es kullerten sogar manche Träne die Herzklappen herunter, wodurch ein wenig Gold abblätterte und die Wunde zum Vorschein kam.

 

Nach dem Gespräch war dem schweren Herzen leichter ums Herz. Und das Herz aus Gold glänzte ausgerechnet jetzt durch seine Verletzlichkeit um so mehr. Die zwei Herzen standen auf; sie standen zu sich und bewegten sich aufeinander zu. Denn sie fühlten wieder, wie ähnlich sie sich waren — von Zeit zu Zeit traurig, von Zeit zu Zeit heiter; von Zeit zu Zeit stark, von Zeit zu Zeit schwach. Sie drückten sich; sie herzten sich und teilten fortan alles … von Herz zu Herz!

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Der Perlenkrug

Der Perlenkrug

Es war einmal ein Krug, der in sich zerrissen war. Er lamentierte oft: „Keiner mag mich! Ich werde überhaupt nicht von den Menschen geschätzt. Dabei bin ich doch der Perlenkrug!“, meinte er. 

 

Als Johanna das Wehklagen dieses gebeutelten Gefäßes vernahm, setzte sie sich zu ihm. Irgendwie weckten seine Worte ihre Neugier. „… der Perlenkrug?“, fragte sie zurück. Davon habe ich noch niemals etwas gehört… Was möchtest du denn von uns Menschen?“ 

 

„… eure Tränen!“, antwortete er wie selbstverständlich.

 

Johanna war irritiert. „Warum ausgerechnet unsere Tränen…?“, wollte sie wissen. 

 

Der Perlenkrug antwortete: „Mein Töpfer hat mir anvertraut, dass ich eine ganz besondere Berufung habe. Ich bin auf der Welt, damit ich eure Tränen sammle. Mein Meister will sie alle aufbewahren … zählen … verwandeln. Er möchte jede Träne zu einer Perle machen. Aber ihr versteckt sie ja lieber; ihr drückt sie weg! Oder ihr lasst sie schnell in den Taschentüchern verschwinden. Nachts durchnässen sie – vermeintlich ungesehen – sogar eure Kopfkissen…“, analysierte der Perlenkrug dünnhäutig. „Aber mein Töpfer zählt sie trotzdem, weil sie nämlich kostbar und wertvoll sind…“

 

„Wie kommt man auf die Idee, Tränen sammeln zu wollen… Ich bewahre lieber schöne Dinge auf: Fotos von Festen, von Freunden und Familienangehörigen; ich sammle Urkunden oder Souvenirs aus Urlaubsorten…“, hielt Johanna dagegen.

„Ja, ja!“, seufzte der Perlenkrug. „Ich weiß! Es ist normal – für euch Menschen, dass ihr lieber an das Schöne denkt, dass ihr das Wunderbare sammelt. Denn ihr schämt euch, wenn ihr weint. Und dabei gibt es so viel Trauriges im Leben, was jede Träne wert ist…“

 

Bei den Worten des Perlenkrugs stockte Johanna fast der Atem. Sie fühlte  sich angesprochen – erwischt. Wie oft hatte sie nämlich heimlich, still und leise die Tränen vom Gesicht gewischt… Auf einmal fielen ihr so viele Situationen ein, in denen ihr zum Heulen zumute war. Ihr stand zum Beispiel vor Augen, wie sie in der Schule gehänselt wurde. Ganz allein stand sie da, sodass sie sich traurig immer mehr zurückzog… Dann musste Johanna an ihre große Liebe denken, die per SMS mit ihr Schluss gemacht hatte… Keine Träne wollte sie ihr nachweinen! All das und noch viele andere schlechte Erfahrungen führten dazu, dass sie ihr Herz verschloss. Sie wollte sich unverletzbar machen und spürte gar nicht, wie verwundet und zerrissen ihr Innerstes eigentlich war. „Reiß‘ dich zusammen!“, hatte sie sich selbst permanent ermahnt, wenn sie sich nun leblos und leer fühlte.

 

„Weißt du…“, sagte der Perlenkrug weiter. „Nur im Fühlen könnt ihr Menschen die Fülle erleben. Und darum ist es so wichtig, dass Tränen fließen dürfen. Dadurch kommen eure Herzen nämlich wieder in Fluss. Mit dem Weinen bricht der Damm: Aufgestaute Gefühle wie Traurigkeit, Ohnmacht oder Wut können gehen. Und die Freude, die Liebe oder Leichtigkeit dürfen wieder einziehen. Darum möchte mein Töpfer jede Träne zählen. Ihr sollt wissen, dass keine einzige verloren und vergebens ist.

Er sieht sie; er will euch trösten. Er will eure Tränen in Perlen verwandeln, indem er eurem Leid eine neue Bedeutung gibt – wenn ihr das zulasst!“

 

Mittlerweile wusste Johanna, wer der Töpfer des Perlenkrugs war: ihr himmlischer Vater, der sie über alles liebte und der sie niemals wegstoßen würde. Er hatte so großes Interesse an ihr, dass er nicht nur die Haare auf ihrem Kopf zählte, sondern auch alle ihre Tränen. In diesem Glauben bekam sie allmählich feuchte Augen. Eine Träne kullerte ihre Wange herunter, dann noch eine… Und plötzlich strömte es aus ihr heraus.

 

Weinend erzählte Johanna ihrem Papa von enttäuschten Erwartungen, von schmerzenden Verlusten, von Streit, von Verletzungen, von ihrer Schuld. Sie schüttete ihr Herz bei ihm aus, sodass er es füllen konnte … mit neuen, positiven Empfindungen. Ihre Tränen verwandelten sich daraufhin tatsächlich in Perlen. Johanna war verwundert und erleichtert zugleich. Fortan wollte sie die gute Botschaft, dass jedes Leid von Sinn erfüllt war, beschwingt hinaus in die Welt tragen – und das natürlich zusammen mit dem Perlenkrug… 

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Ein Königssohn und zwei Vögel

modernes Märchen / Ein Königssohn und zwei Vögel

Ein Königssohn hatte einen Vogel. Und – genauer gesagt: Ein Königssohn hatte sogar zwei Vögel. Ein kleiner Papagei saß auf seiner rechten Schulter. Dieser war ihm wohlgesonnen. Er machte ihm ständig Mut, indem er ihm ins Ohr flüsterte: „Das schaffst du schon. Du bist der Sohn des großen Königs!“

 

Der andere kleine Papagei hatte es sich auf der linken Schulter des Königssohns gemütlich gemacht. Jener entmutigte ihn immer wieder, weil er ihm ganz leise zu verstehen gab: „Das kriegst du nie hin. Du bist ja nicht der König!“

 

Egal, wo sich der heranwachsende Königssohn aufhielt: Die beiden Vögel wichen nicht von seiner Seite. In der Privatschule, wo er im Unterricht so manche königliche Herausforderung zu bestehen hatte, hörte er auf der einen Seite: „Das schaffst du schon. Du bist der Sohn des großen Königs!“ Und auf der anderen Seite vernahm er: „Das kriegst du nie hin. Du bist ja nicht der König!“

 

Als der Prinz das Reiten lernte, saß er fest im Sattel, wenn er sich die Sätze des „Mutmach-Tieres“ zu Herzen nahm. Er vergaloppierte sich allerdings, wenn ihm die Äußerungen des „Wutmach-Tieres“ an die Nieren gingen.

Dem Prinzen brachten die Minister natürlich auch bei, wie er in künftiger Zeit das Zepter zu schwingen hatte. Dabei wurde er jedesmal auf den Thron erhoben, wenn der rechte Papagei ausrief: „Das schaffst du schon. Du bist der Sohn des großen Königs!“ Doch ihm fiel immer wieder ein Zacken aus der Krone, wenn der linke Papagei behauptete: „Das kriegst du nie hin. Du bist ja nicht der König!“

 

Was sollte der junge Prinz nun tun? Welchem Vogel sollte er in seinem Leben mehr Gehör schenken? Er suchte Rat bei seinem Vater, der schon etliche Jahre in Amt und Würden stand. Nachdem er ihm anvertraut hatte, wie sehr ihn die Tiere verwirrten und durcheinanderbrachten, sprach der große König: „Ich verrate dir jetzt etwas, mein lieber Sohn… Im Laufe deines Lebens wirst du auf viele ‚komische Vögel“ treffen. Der eine wird dich herunterziehen, aufziehen; der andere brennt für dich und feuert dich an. Versuche es erst gar nicht, es allen recht machen zu wollen. Das kannst du nämlich nicht! Es ist wichtig, dass du weißt: ‚Du bist gekrönt! Du kannst einiges, aber nicht alles!’ Und – was du mit deinen Papageien machen sollst …?

Jedes Königskind trägt sie mit sich herum. Wenn du auf die Stimme deines Herzens hörst – wirst du die richtige Entscheidung treffen!“ 

 

Lange dachte der Prinz über die Worte seines Vaters nach. Und irgendwann war es schließlich soweit: Er tat, was er schon längst hätte machen sollen … Er entzog dem linken Vogel seine Aufmerksamkeit. Ganz bewusst wollte er nun nicht mehr auf seine Worte achten. Stattdessen schenkte er dem rechten Papagei mehr Aufmerksamkeit, indem er ihn sogar fortan streichelte, mit ihm sprach und sich von seiner Einschätzung bestärken ließ. Er hatte einfach das Gefühl, dass er von ihm geschätzt wurde. Und — dadurch wurde er schließlich irgendwann ein selbstbewusster, großer König, der es schaffte, sein kleines Reich würdevoll zu regieren!

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Die alte, die altbekannte Frau

Die alte, altbekannte Frau

Es war einmal eine alte, eine altbekannte Frau, die schon einige Jahre auf dem Buckel hatte. Und dennoch war sie jung … so frisch wie der neue Tag, der gerade erwacht war. Zwar ging sie gebeugt an einem Stock, aber irgendwie wanderte sie auch leichten Schrittes durch die Welt. Sie hatte tiefe Falten im Gesicht, doch sie ließ sich – im Laufe der Jahre – noch kein einziges graues Haar wachsen. Auch trug sie eine Brille, aber ihre Augen blickten mit Weitsicht auf die Menschenkinder… Ja, mehr noch: Sie lebte in den Herzen der Menschenkinder, indem sie immer wieder ein Licht entzündete, wenn es in ihnen dunkel geworden war. Sie machte sie stark, wenn sie schwach wurden. Sie richtete sie auf, wenn die Not und das Leid sie in die Knie zwangen. Und sie hauchte ihnen neues Leben ein, wenn ihre Träume oder Wünsche wieder einmal starben. Bei alledem war sie irgendwie nicht totzukriegen…

 

An jenem besagten Morgen herrschte im Herzen des Menschenkindes Michael tiefe, dunkle Nacht. Er hatte sein einziges Kind verloren und war tiefbetrübt. All seine Zuversicht, dass es doch noch gesund werden würde, war mit in das kleine Grab gesunken. Wie viel Erwartungen hatte er in die Therapie und in das Gebet gelegt…?! Er vertraute darauf, dass alles gut werden könnte. Auf einen Lichtblick hatte er gewartet, aber nun war es finster in ihm. 

Die Welt stand für den Familienvater still; er konnte das Unglück nicht fassen. Eigentlich wollte er nur noch sterben … bei seinem Kind sein … Von niemanden wollte er sich trösten lassen. Auch die alte, die altbekannte Weise kam nicht mehr an ihn heran. Im Gegenteil: Sie zündete in ihm eine Kerze an – er blies sie bewusst aus. Sie wollte ihm die Tränen von den Wangen wischen – er stieß sie von sich. Sie begegnete ihm mit Güte und Milde – er reagierte mit Wut und Aggression.

 

Die alte, die altbekannte Frau wusste, dass das Trauern Zeit brauchte. Der Verlust musste verarbeitet werden – in bestimmten Phasen. Darum hielt sie es geduldig aus, wenn Michael zwischen Schockreaktionen, zwischen Anklage, zwischen Ärger oder berührenden Erinnerung an sein Kind schwankte. Es würde lange brauchen, bis sie ihm ihr Lieblingsutensil zeigen konnte… 

 

Doch irgendwann war es dann soweit: Die weitsichtige Frau ließ Michael durch ihr Fernrohr schauen, das bis hinüber in die andere Welt, bis in die Ewigkeit reichte. Und dort entdeckte er sein Kind. Es lebte; es lachte; es litt nicht mehr… An der Hand des himmlischen Vaters ging es im Garten Eden spazieren. Es bewunderte Bäume und Blumen in ihrer Pracht, die es noch niemals zuvor gesehen hatte.

 Dann tobte das Kind zu einer Königskobra hin und spielte mit ihr – ganz ohne Gefahr. Ja, und einige Zeit später kletterte es auf den Baum des Lebens. An einem dicken Ast machte er Klimmzüge. So etwas wäre ihm hier auf Erden niemals möglich gewesen…

 

Das Herz von Michael weitete sich wieder. Durch die Sicht in das Fernrohr sah er die Situation mit anderen Augen. Irgendwie gewann er mehr Über-Blick. Obwohl er sein Kind ganz schrecklich vermisste und oft ganz traurig dreinschaute, glaubte er nun an ein Wiedersehen. Und das hielt ihn am Leben.

 

Das Menschenkind lud die junggebliebene Alte ein, bis zu seinem Lebensende bei ihm zu bleiben. Ihm war klar geworden, dass sie noch öfters in ihm ein Licht anzünden durfte, wenn ihn das Dunkel der Traurigkeit überfiel. Es hatte begriffen, dass er ein ermutigendes Wort von ihr brauchte,  sobald ihn der Verlust sprachlos machte. Und es sah ein, dass es immer wieder einmal an die himmlischen Aussichten erinnert werden musste. 

 

Es kam schließlich der Tag, an dem Michael tief in seinem Herzen wusste, wen er seit Jahren an seiner Seite schätzte: Denn die alte, die altbekannte Frau hieß „Hoffnung“!

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Das Buch der Dankbarkeit

Das Buch der Dankbarkeit

Das ist die Geschichte von einer „sicht-weisen“ Frau, die das Buch der Dankbarkeit hatte…

 

Seit Jahren lebte sie in einem Heim. Sie konnte sich nicht allein versorgen und war auf die ständige Hilfe anderer Menschen angewiesen. Doch nun wurde ein Platz in dem Seniorenstift frei, dass ganz in der Nähe ihrer Kinder lag. 

 

Noch bevor die alte Dame dort einzog, wollte die eigene Tochter ihr Prospekte von dem neuen Domizil zeigen. Doch die Mutter hatte kein Interesse daran und sagte mit Gewissheit in der Stimme: „Kind, ich habe mich hier sehr wohl gefühlt – so wird es mir auch dort gefallen!“

 

Die Tochter war verblüfft. „Wie kannst du dir da so sicher sein? Klar, wir sind in der Nähe… Und wir werden dich so oft wie möglich besuchen kommen; das ist ein Pluspunkt. Aber – wieso bist du so überzeugt davon, dass das neue Heim schön ist?“, wollte sie neugierig von ihr wissen.

 

Die alte Frau ergriff zärtlich die Hand ihrer Tochter. Sie holte tief Luft und erklärte ihr dann: „Weißt du, mein Kind, ob mir mein Zuhause gefällt, hängt doch nicht von der Lage oder der Innenausstattung ab, sondern von meiner Einstellung, von meiner Sichtweise. Schon vor langer Zeit habe ich die Entscheidung getroffen, glücklich zu sein. Und das habe ich niemals bereut!“

Die Tochter horchte auf. „Geht das denn? Kann man immer glücklich und zufrieden sein?“ Sie schaute auf den Rollstuhl ihrer Mutter und runzelte die Stirn.

 

 

Die alte Frau erklärte nun: „Jeden Morgen, wenn ich die Augen aufmache, habe ich die Wahl, positiv oder negativ auf die Umstände zu sehen. Ich kann motzen, meckern, mosern, dass ich dies und jenes nicht mehr allein schaffe. Aber damit würde ich mir das Leben nur selber schwermachen. Oder – ich kann wiederum meine Aufmerksamkeit auf das richten, was mir noch möglich ist, was ich an Gutem erlebe, wofür ich dankbar sein kann.“ 

 

Nachdem die Dame das gesagt hatte, löste sie die Bremsen ihres Rollstuhls und fuhr zu ihrem Nachtschrank, um aus der obersten Schublade einen großen, dicken Wälzer herauszuholen und ihn ihrer Tochter zu zeigen. „Das ist mein Buch der Dankbarkeit…“, vertraute sie ihr an. „Seit vielen Jahren schreibe ich hier alles hinein, was mich glücklich macht. Die schönsten Erlebnisse habe ich hier festgehalten … alles, was mir Freude gebracht hat. Schau mal…“, forderte sie sie heraus, während sie den Schatz behutsam durchblätterte. „Hier sind so viele wunderbare Kapitel meines Lebens vermerkt: Wie ich deinen Vater kennengelernt habe … der erste Kuss …

sein Heiratsantrag… Und hier – diesen Seiten habe ich den Titel ‚Meine geliebten Kinder‘ gegeben. Oh, ihr habt mich so oft zum Schmunzeln gebracht – mit eurer niedlichen Art… Was ich mit Freunden erlebt habe – darüber hätte ich Bände schreiben können… Erfolge auf der Arbeit, stehen … da … auf einem anderen Blatt. Die vielen großen Kleinigkeiten des Alltags, die überhaupt nicht selbstverständlich waren – ich habe ganz viel notiert … für schlechte Zeiten. Diese Zeilen haben mir so oft Kraft gegeben, wenn irgendetwas passierte…“ 

 

Die Frau schloss das Buch der Dankbarkeit und schlussfolgerte: „Ich durfte immer wieder erfahren, wie glücklich es mich macht, wenn ich das Gute im Blick behalte. Auch in dem anderen Heim werde ich bestimmt so manches entdecken, was ich schwarz auf weiß zu Papier bringen kann. Darum bin ich schon gespannt, wer und was mich dort erwartet…“, sagte sie mit leuchtenden Augen.

 

Wenige Wochen später war es dann soweit: Der Umzug stand ins Haus, bei dem die Töchter, Schwiegersöhne und Enkelkinder kräftig anpackten. Und das erste, was „die Sicht-Weise“ in der neuen Heimat in ihrem Buch der Dankbarkeit schriftlich festhielt, war: „Ich bin reicher als jemals zuvor!“

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Vom verlorenen Vater...

Vom verlorenen Vater...

Ein Mann hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: „Vater, gib mir den Anteil deiner Zeit, deiner Aufmerksamkeit, deiner Freundschaft und deines Rates, der mir zusteht.“ Und der Vater beteiligte ihn an seinem Einkommen, indem er dem Jungen viel Spielzeug kaufte, ihm eine Privatschule finanzierte, ihn auf eine besonders gute Universität schickte und sich mit dem Gedanken zu beruhigen versuchte, dass er damit vollauf seinen Vaterpflichten nachkäme. Indes sammelte der Vater all seine eigenen Interessen, Wünsche und ehrgeizigen Pläne zusammen und reiste in ein fernes Land – in ein Land der Aktien, der Wertanlagen und anderer Dinge, die einen Jungen nicht interessierten und verschleuderte hier die kostbare Gelegenheit, seinem Sohn ein guter Kamerad und Lebensgefährte zu sein. Ob er schon einmal etwas vom verlorenen Vater gehört hatte?

 

Als er nun die besten Jahre seines Lebens verbracht hatte, war er zwar finanziell reich. Aber innerlich machte sich eine große Leere in ihm breit. Es erhob sich ein großer Hunger in seinem Herzen. Und er begann, Mangel zu leiden – Mangel an Sympathie, Verständnis und echter Liebe. Da ging er hin und hängte sich an ein Mitglied der vielen Klubs jenes Landes, der ihn zum Vorsitzenden machte. Und er begehrte, sein Herz zu füllen … mit den Abfällen, die jener Mann aß, aber er blieb hungrig – und allein. 

Da ging er in sich und sprach: „Wie viele Männer aus meinem Bekanntenkreis haben Jungen, die sie verstehen und denen sie Verständnis entgegenbringen … die mit ihren Söhnen reden und Umgang mit ihnen haben … die in der Beziehung mit ihren Kindern glücklich sind, während ich hier innerlich verhungern muss! Ich will mich aufmachen und zu meinem Sohn gehen und zu ihm sagen: ‚Mein Sohn, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin nicht mehr wert, dass ich dein Vater heiße. Mache mich doch zu einem deiner Bekannten!“

 

Und er machte sich auf und kam zu seinem Sohn. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Sohn und war sehr verwirrt… Würde er ihm nun entgegenlaufen, ihm um den Hals fallen und küssen…? Gäbe es ein großes Versöhnungsfest mit einem Kalbsbraten? Reden wir – am Ende – vom verlorenen Vater? 

 

~ ~ ~

 

Wenn du die Bibel kennst, hast du es sicherlich schon erkannt, dass ich das Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“ aus Lukas 15 einmal umgeschrieben habe. Die Geschichte ist so beschrieben, wie viele Menschen ihre Vater-Kind-Beziehung erleben… 

Ich berichte vom verlorenen Vater. Musstest du vielleicht ähnliche Erfahrungen mit deinem „alten Herrn“ machen? Und – wie würdest du reagieren, wenn er – in Reue – wieder auf dich zukäme?

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schmerzhaft es ist, als mich meine Eltern in meiner Kindheit übersahen… Irgendwann dachte und fühlte ich, dass ich überhaupt nicht sehenswert und liebenswürdig bin. Das verletzte meine kleine Seele tief.  Das Herz schmerzte

 

Doch ich ließ es zu, dass mein himmlischer Vater und auch Freunde mir die Tränen vom Gesicht wischten, mich mit ihrer Zuwendung trösteten und die Wunden verbanden. Demzufolge verstand ich mit der Zeit, dass ich mir am meisten damit half, wenn ich meine Enttäuschung und Wut aufgab … wenn ich zugab, dass auch ich nicht perfekt war … wenn ich meine Eltern freigab. Das änderte nichts an der Situation; das änderte nur mich. Denn mir wurde eine große Last von den Schultern, von meinem Herzen genommen. Im Laufe der Zeit habe ich somit erkannt: Es ist nicht vergebens, wenn ich meiner Mutter – und im speziellen Fall – meinem Vater vergebe!

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Der kleine Sohn Luis

Geschichten / Der kleine Sohn Luis

In einem kleinen Häuschen lebte ein Ehepaar. Der kleine Sohn Luis wohnte natürlich auch dort. Die Familie ging sehr harmonisch miteinander um. Sie machten es sich gemütlich und nahmen alle Mahlzeiten zusammen ein – wenn es die Zeit erlaubte.

 

Es war eine Tradition geworden, dass die Mutter den Esstisch und das Wohnzimmer mit einem Blumenstrauß und Kerzen schmückte, während sie frühstückten oder zu Abend aßen.

 

Es war schon spät, als die Eltern ihren kleinen Sohn Luis einmal zu Bett brachten. Sie lasen ihm noch eine Geschichte vor, bevor der Vater zu ihm sprach: „Mama und ich – wir wollen gleich einen kurzen Spaziergang machen. Es dauert auch nicht so lange, bis wir wieder da sind!“

 

„ … ist gut!“, sagte der Kleine schon im Halbschlaf.

Die Eltern warteten, bis ihr Sohn eingeschlafen war. Dann gingen sie los. Doch leider hatten sie vergessen, die Kerze auf dem Sideboard im Wohnzimmer auszupusten… Und so kam es, wie es kommen musste: Durch das geöffnete Fenster huschte ein Luftzug. Die Gardine wehte und riss die Kerze um. Im Nu stand das ganze Zimmer in Flammen, breitete sich auf dem Flur aus und erreichte die Küche. Als ein riesengroßes Bücherregal laut krachend in sich zusammenbrach, erwachte Luis, der im Obergeschoss lag. „Mama, Papa, wo seid ihr?“, rief er. Dann bekam er Angst. „Papa, Papa!“, schrie er ganz laut, während ihm der Rauch in die Nase stieg.

 

Plötzlich hörte er die Stimmen seiner Eltern. „Luis, kannst du uns hören?“

 

„Ja!“, antwortete er weinend.

„Kannst du auf den Balkon kommen?“, schrie der Papa voller Panik.  

 

Luis öffnete die schwere Tür und rief: „Papa, ich bin jetzt dort. 

 

„Klettere schnell auf die Brüstung und spring herunter! Ich stehe da und fange dich auf!“

 

„Das geht nicht! Ich sehe dich nicht!“

 

„Aber ich sehe dich! Spring, ich fange dich auf!“, ermutigte ihn der Vater.

 

„Ich habe Angst!“

 

„Das weiß ich! Spring trotzdem! Du kannst dich immer auf mich verlassen! Komm’ in meine Arme!“

 

Auf einmal fasste Luis Mut! Er sprang und merkte wieder einmal, dass er – gut aufgehoben – in die starken Arme seines Vaters sinken konnte!

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Reiche Wunder-Land

Reiche Wunder-Land / Geschichten

Es war einmal das Reiche Wunder-Land…

 

König Wundervoll und Königin Wunderbar regierten in dem Reiche Wunder-Land schon viele Jahre. Und sie machten ihre Sache wirklich gut. Denn ihren Untertanen fehlte es an nichts. Obwohl sie dem Königspaar Abgaben leisten mussten, hatten sie selbst genug, um sich wunderschöne Häuser zu bauen und wunderhübsche Kleider zu tragen. Aber trotzdem waren die Menschen in Wunder-Land ein wenig wunderlich. Anstatt sich über das zu freuen, was sie besaßen, verglichen sie einander. Dennoch gaben die Menschen in Wunderland vor, dass sie glücklich waren, ihre Mitmenschen liebten und in keinem anderen Wunderreich leben wollten. Denn an dem Ort, wo sie wohnten, schien alles so perfekt, so vollkommen, so wunderherrlich zu sein.

 

Eines Tages wurde dem König Wundervoll und der Königin Wunderbar im Reiche Wunder-Land ein Kind geboren. Es war ein echter Wunderknabe namens Wundersam… Doch – im Gegensatz zu allen anderen Mitbewohnern war das Wunderkind nicht so wunderschön wie sie. Es hatte nämlich ganz viele schwarze Wunderpunkte im Gesicht und an seinem ganzen Körper. Draußen huldigten die Untertanen ihrem Königspaar natürlich zu. Aber in ihren Häusern lachten sie über den Wunderknaben. Für sie stand fest, dass ein Kind mit schwarzen Wunderpunkten nicht ins Wunderland passte. Da waren sie sich – ausnahmsweise – einmal alle einig.

 

Der Wunderknabe wuchs heran zu einem Wundermann. Aber Wundersam fühlte sich klein. Und er litt unter seinem Aussehen. Denn die Wunderpunkte waren im Laufe der Jahre auch größer geworden. Obwohl er das Königskind war, spürte er, dass er von seinem Volk verachtet wurde. Deshalb beschloss er eines Nachts, heimlich, still und leise Wunderland zu verlassen. Er stieg auf sein Pferd und ritt davon … durch dunkle Wälder, tiefe Schluchten, weite Felder – bis zur Grenze des Landes. 

 

Dort sah er schon von weitem eine kleine Hütte, in der noch Licht brannte. Da er und sein Pferd erschöpft von der langen Reise waren, überlegte Wundersam, ob er dort anklopfen sollte, um einkehren zu dürfen. Doch – welcher Wundermensch wollte mit einem Wundermann etwas zu tun haben, der von schwarzen Wunderpunkten gezeichnet war?

Noch bevor er die Hütte erreicht hatte, öffnete sich die knorrige Tür. Ein weiser Wundergreis begrüßte das Königskind freundlich und bat ihn, bei ihm einzukehren. „Sei willkommen, Jüngling! Ich heiße Wunder-Rat!“, stellte er sich Wundersam vor. „Mir ist wohlbekannt, dass du auf der Flucht bist – vor den Blicken der Leute und vor dir selbst!“

 

Wundersam empfand die Art des Wunder-Rats wunderlich. Denn dieser hatte bereits den Tisch für sie beide gedeckt und servierte nun die feinsten Köstlichkeiten. „Ich habe gewusst, dass du hier vorbeikommen wirst und schon einmal für uns vorgesorgt!“, machte er ihm klar. „Nun stärke dich, Königskind…“

 

Nachdem die Teller leer und die Mägen der beiden gefüllt waren, sprach Wunder-Rat: „Wundersam, du hast den falschen Weg eingeschlagen! Du bist geboren, um einst Wunderland zu regieren. Doch – du musst lernen, dich selbst zu führen, bevor du ein ganzes Volk führen kannst.“

 

„Wie meinst du das?“, wunderte sich Wundersam.

 

„Du leidest darunter, dass die Menschen im Reiche Wunder-Land dich mit deinen Wunderpunkten nicht ernst nehmen – dabei ist dir noch gar nicht in den Sinn gekommen, dass jeder von ihnen solche hat … vielleicht nicht so offensichtlich wie du. Doch jeder lebt mit Kratzern, Rissen, Flecken…“

 

„Bist du dir sicher?“, fragte Wundersam verwundert nach. „Hast du denn auch welche?“

 

Wunder-Rat schwieg. Dann zog er ganz langsam die Ärmel seines weißen Gewandes hoch und zeigte seinem Gegenüber die beiden Narben an seinen Handgelenken. „Dafür verbürge ich mich sogar. Ich habe alles dafür getan, damit die Menschen offen, offenherzig mit ihren wunden Punkten, mit den Wunderpunkten umgehen können. Aber weil ich bei ihnen kein Gehör finde, hast du einen riesengroßen Auftrag. Du darfst zu deinen Schönheitsfehlern stehen und deinem künftigen Volk vorleben, dass eine große Schwäche eine große Stärke sein kann!“, erklärte Wunder-Rat dem baldigen König von Wunderland. „Reite zurück auf dein Schloss und bereite dich auf die ehrenwerte Aufgabe vor.“

Wundersam nahm Abschied von Wunder-Rat. Auf dem schnellsten Weg galoppierte er zu seinem Vater Wundervoll und seiner Mutter Wunderbar ins Reiche Wunder-Land zurück. Jetzt wusste er, dass seine Wunderpunkte ein Schatz waren, durch die er noch vielen Menschen etwas zeigen durfte… Seitdem er nämlich bei Wunder-Rat gewesen war, wusste er, was er tun musste. Er veränderte seine Haltung zu seinen Wunderpunkten. Er musste sich dafür nicht mehr schämen; er stand dazu. Und genau dadurch änderten die Menschen in Wunderland ihr Verhalten dem Königssohn gegenüber. Sie bewunderten ihn.

 

Eines Tages war es dann soweit: Als König Wundervoll und Königin Wunderbar sehr alt geworden waren, übernahm Königssohn Wundersam die Herrschaft im Reiche Wunder-Land. Er lud seine Unteranen in den wunderschönen Palast ein. Jeder, der fortan zugeben konnte, dass er Wunderpunkte mit sich trug, wurde in den Adelsstand erhoben. Die Menschen kamen vorsichtig und mit Ehrfurcht zum neuen König Wundersam und zeigten ihm mit ein wenig Scham ihre Wunderflecken, ihre Wunderrisse, ihre Wundernarben. An einer großen Tafel mit köstlichen Dingen begannen sie sogar, miteinander darüber zu reden. Sie rückten wieder zusammen und wurden wahrhaftig glücklich.

 

König Wundersam regierte im Reiche Wunder-Land noch viele, viele Jahre. Und – wissen Sie, mit wem er es gemeinsam tat? Der alte, weise Wunder-Rat stand ihm mit Rat und Tat stets zur Seite…

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Unermüdlich

Geschichten / Unermüdlich

Nach einer anstrengenden Arbeitswoche setzte sich ein Mann am Wochenende müde, fast ein wenig lebensmüde auf die Bank in seinem Vorgarten und schlief ein. Sein Leben war so unermüdlich schwer…

 

Im Traum erschienen ihm drei Frauen. Die erste war sehr hager. Sie trug einen schwarzen Mantel und kam ihm fast vor wie „der Tod auf Latschen“. Ohne den Mann richtig anzuschauen, redete sie – ohne Punkt und Komma – auf ihn ein: „Weißt du noch…? Damals – als Kind – hast du unermüdlich darunter gelitten, dass dein Vater mehr in seiner Firma war als zu Hause. Wie gern hättest du mit ihm an deiner Eisenbahn oder später am Motorrad gebastelt, aber er war immer gestresst … erschöpft … geschafft. Er hatte keine Zeit für dich … wollte Geld verdienen, damit er euch alles kaufen konnte, was ihr brauchtet. Wirklich gut meinte er es, bis der Schock kam … mit 56 … der Herzinfarkt. Wie wütend, wie traurig, wie erschrocken warst du, als ihr ihn viel zu früh zu Grabe tragen musstet. Natürlich zeigtest du niemanden deine Gefühle; du musstest ja stark sein – für den Rest der Familie… Dann übernahmst du die Firma. Du wolltest alles anders machen als dein Vater. Du hattest vieles umstrukturiert … erweitert … vergrößert, sodass du echt erfolgreich wurdest. Aber deine Kinder…  Und – warst du auch für deine Partnerin da, bevor sie fortging?“

Die zweite Frau trat hervor. Sie war zwar groß, aber irgendwie schien sie auch klein zu sein … wie jemand, der noch gar nicht richtig entwickelt war. Auch sie schaute an dem Mann vorbei und sprach zu ihm: „Wenn du so weitermachst, dann… Du weißt ja nicht, was ich weiß. Aber an deiner Stelle würde ich mir Sorgen machen; ich würde Angst kriegen. Deine Tochter wird… Und deine Partnerin plant auch schon…“

 

Vehement schob die dritte Frau die zweite beiseite. Als einzige war sie hell gekleidet. Ihr langes blondes Haar wehte im Wind, und dadurch hatte sie etwas Lebendiges an sich. Mit sanfter Stimme ermutigte sie den Mann: „Sieh dich um … wie schön die Welt ist. Der Himmel ist blau. Die Blumen in deinem Vorgarten blühen. Und – du bist gesund…“ Die Frau setzte sich zu dem Mann auf die Bank, umarmte ihn – wie eine gute Freundin und sah ihn direkt an … für einen langen Augenblick. „Ich kann dir helfen, aufgeweckt durch dein Leben zu gehen … bewusst zu fühlen … anders zu denken … Dinge zu ändern. Du müsstest dich allerdings ganz auf mich einlassen…“

 

„Wer bist du denn?“, wollte der Mann – neugierig und von dem Liebreiz dieser Frau angezogen – wissen.

„Darf ich vorstellen?“, antwortete sie, während sie zunächst auf die anderen beiden verwies. „Das ist meine große Schwester: die Vergangenheit. Sie ist eigentlich schon längst von der Bildfläche verschwunden … lebt gar nicht mehr richtig. Und das ist meine kleine Schwester: die Zukunft. Im Grunde spielt sie überhaupt noch keine Rolle … ist nicht einmal geboren. Nur ich bin im Augenblick real. Ich lebe mit dir, für dich, durch dich. Mein Name ist Gegenwart.“

 

Der Mann wachte auf und erkannte, welche Hoffnung der Traum in ihm geweckt hatte. Denn während die Vergangenheit ihm bislang und gerade wieder nur vor Augen gehalten hatte, was in der Rückschau an Schmerzhaftem zu sehen war, nahm die Zukunft ausschließlich das Sorgenvolle und Ängstliche in den Blick. Doch die Gegenwart guckte – mit ihm zusammen – unermüdlich auf die Chancen im Heute, Hier und Jetzt. Sie legte es in seine Hand, das Leben zu umarmen … Rückschlüsse zu ziehen und vorausschauend Veränderungen vorzunehmen; sie hatte ihm vor Augen geführt, dass die Gegenwart unermüdlich gegen das Warten war. Und das war traumhaft!

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Mit Gutem gefüllt

Geschichten / Mit Gutem gefüllt

Susanne war mit ihrem sechsjährigen Sohn einkaufen. Auf dem Weg nach Hause war der kleine Tim richtig fröhlich. Er freute sich schon darauf, einen von den vielen Schokoküssen zu verputzen, die er sich ausgesucht hatte. Vergnügt hüpfte er seiner Mama voraus, wobei er den Beutel mit den Lebensmitteln immer hin- und herschwang, der mit so viel Gutem gefüllt war. 

 

„Sei vorsichtig! “, wurde er ermahnt. „Du trägst Sachen, die kaputtgehen können!“

 

Doch Tim hörte nicht. Und so kam es, wie es kommen musste: Die Packung mit den Schokoküssen war daheim total lädiert. Tränen kullerten über sein Gesicht. „Die will ich nicht mehr!“, betonte er. 

 

Nachdem Susanne alle Lebensmittel verstaut hatte, nahm sie Tims Mitbringsel. Sie bückte sich zu ihm herunter, öffnete vorsichtig die Packung und biss in einen Schokokuss hinein, an dem jetzt ein Stück von einem Artgenossen klebte. „Mmh…“, versuchte sie, Tim zu locken, um auch zuzugreifen. Dabei hielt sie ihm die Schachtel vor die Nase.

 

Tim schüttelte allerdings vehement den Kopf. „Kannst alle allein essen oder wegschmeißen…“, machte er seiner Mama trotzig klar.

 

Susanne sah den Sprössling nachdenklich an. Und dann fragte sie ihn: „Was ist mit deinem Freund Karl? Würdest du ihn auch links liegen lassen, wenn er eine Brille tragen müsste?  Liebst du deine Tante Marianne nicht auch, obwohl sie in einem Rollstuhl sitzt? Und … was ist mit deinem Cousin Luis? Gehört er auch in den Müll, weil er eine Zahnspange trägt?“

„Was hat das damit denn zu tun?“, meinte Tim genervt. „Können wir noch einmal in den Supermarkt gehen…?“

 

Geduldig suchte Susanne jetzt einen anderen Schokokuss heraus, an dem eine Ecke fehlte. Sie bot ihn ihrem Kind an. Und nachdem es nörgelnd abgelehnt hatte, nahm sie diesen auch zu sich. „Mmh…“, schmatzte sie bewusst wieder, während sie am Kauen war.

 

„Die sind nicht mehr schön! Holen wir neue?“

 

Wieder redete Susanne auf ihren Sohn ein. „Lehnst du Onkel Dieter denn ab, nur weil er bereits seine Haare verloren hat? Magst du Opa Ernst nicht mehr, weil er schwerhörig ist? Und – was ist mit dir, mein Schatz: Momentan fehlen dir ein paar Zähne, aber für mich bist du trotzdem toll! Es kommt doch gar nicht so sehr auf das Äußerliche an, sondern auf den Inhalt!“ Sie hielt kurz inne und sprach dann weiter: „Die Schokoküsse hier sehen vielleicht ziemlich mitgenommen aus, aber sie sind – nach wie vor – mit Gutem gefüllt – und lecker…“

 

Allmählich verstand Tim, was seine Mutter ihm sagen wollte. Zögernd schaute er in die Schachtel. Dann nahm er vorsichtig einen zerdrückten Schokokuss. Er guckte ihn noch ein bisschen misstrauisch an, aber dann ließ sich den Leckerbissen genüsslich munden, bis sein Magen mit Gutem gefüllt war.

 

Sie und ich – jeder von uns ist ein Kunstwerk, ein Wunderwerk, ein Meisterwerk … ein Werk des Meisters: Gott. Und dabei spielt es gar keine Rolle, ob irgendetwas an uns zu viel klebt.

Ein Rollator, ein Herzschrittmacher, eine Zahnspange oder auch ein Extrachromosom kann unsere Würde nicht schmälern. Aber auch das, was uns vielleicht fehlt, macht uns nicht bedeutungsloser: eine Niere, der Verlust des Augenlichts, ein Finger, die Verminderung der körperlichen Kraft… Was es auch immer sein mag: Wir haben einen Wert, den uns nichts und niemand rauben kann, weil es auf die Füllung ankommt! Ob wir es also wahrhaben wollen oder nicht: Von Natur aus haben wir alle ein Stück von Gott in uns. Gott hat die Ewigkeit in unsere Herzen gelegt. Deshalb fragen wir uns auch von Zeit zu Zeit: „Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Was ist meines Lebens Sinn?“

 

Aber natürlich wünscht Gott sich, dass wir unser Herz für ihn öffnen, damit er uns mit seiner Liebe und Kraft erfüllen kann. Außerdem möchte Jesus darin wohnen. Denn dann sind wir sogar der Tempel des Heiligen Geistes (nach 1. Korinther 6,19) – Gottes Tempel, auch wenn dieser schon ein bisschen marode aussehen sollte! Es ist Gottes Wunsch, dass wir mit Gutem gefüllt sind. Ist das nicht bemerkenswert?

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Unerwartet

Geschichten / Unerwartet

Mein Telefon läutete. Als ich heranging, hörte ich unerwartet die Stimme meiner Freundin Tina. „Hast du Zeit?“, fragte sie fast flehend. „Marie, Liane und ich wollten eigentlich joggen. Aber nun hat uns der Regen überrascht. Wir sind pudelnass… Können wir uns ein bisschen bei dir aufwärmen?“

 

„Na klar…“, gab ich zurück. „Ich freue mich, wenn ihr kommt!“

 

„…dann sind wir in fünf Minuten bei dir.“

 

Kaum hatte ich ein wenig Gebäck auf den Wohnzimmertisch gestellt, da waren die drei auch schon da. Ich versorgte sie mit warmen Decken, bevor sie es sich auf meiner Couch bequem machten und sich anscheinend pudelwohl fühlten. „Mmh, Kekse…“, bemerkte Liane mit vollem Mund, nachdem sie sich eingemummelt hatte. „Kekse machen mich glücklich…“, ergänzte sie, wobei sie sich als kleines Krümelmonster entpuppte.

 

Alle griffen in die Schale und ließen sich die süßen Sachen und den wohltuenden Kaffee munden, den Tina inzwischen gekocht hatte. „Kekse machen dich also glücklich!“, wiederholte ich nachdenklich. „Und – was ist für euch Glück?“, fragte ich meine anderen beiden Gäste.

 

„Moment einmal…“, wandte Liane ein. „Natürlich ist das nicht alles… Für mich setzt sich das große Glück aus den vielen kleinen Dingen zusammen: dem Lächeln meines Kindes, einem Gedicht, einem Blumenstrauß, dem guten Buch am Abend, einem Kuss meines Mannes, einer kuschelig warmen Decke nach einem Regenguss oder den Keksen auf dem Tisch einer meiner besten Freundinnen…“, zählte sie auf.

„Nach meiner Krebserkrankung weiß ich, wie kostbar die Gesundheit ist!“, gestand Marie. „Wenn ich morgens aufwache und weiß: Allen meinen Lieben geht es gut – das ist für mich das größte Glück.“

 

Während meine Freundin das sagte, hörte ich unerwartet nur noch mit einem Ohr hin, was Tina zu dem Thema einfiel. Ich bekam bloß mit, wie sie das Sprichwort erwähnte: „Glück und Glas, wie leicht bricht das…“ Denn mit dem anderen Ohr hörte ich in mich hinein. Sofort analysierte ich nämlich, was das Gegenteil von Glück war. Ich landete bei dem Un-glück – also bei Leid, bei Hiobsbotschaften, Misserfolgen, Schicksalsschlägen, beim Scheitern… Anschließend fragte ich mich, ob Glück wirklich nur das Ergebnis des Zusammentreffens von günstigen Umständen war. Mir schien das zu wenig zu sein, weil ich – als körperlich behinderter Mensch – dann niemals in den Genuss kommen könnte, glücklich zu werden. Und … eigentlich hatte ich mit dem Glück schon ganz unerwartet in meinem Leben Bekanntschaft gemacht… 

 

Ich war bereits tief in Gedanken versunken, als mir auffiel, dass in dem Wort Glück „lück“, „Lücke“ steckte. „Ja, vielleicht ist es genau das: Gelassenheit zur Lücke!“, dachte ich heimlich, still und leise. „Denn trotz manchem, was mir fehlt und das Leben schwer macht, kann ich Glücksgefühle empfinden. Gerade weil ich die Schattenseiten des Lebens kenne, weiß ich die Sonne zu schätzen… Außerdem gelingt es mir, gescheiter zu werden, wenn ich gescheitert bin… Aus noch so schlechten Aussichten darf ich demnach gute Einsichten gewinnen… Und – in meiner Schwäche wird Gottes Stärke sichtbar. Was ist das doch für ein Glück?!“

Unerwartet riss mich eine Stimme aus meinen Überlegungen. „Und nun bist du dran, Jana… Was macht dich glücklich?“, wollte Marie von mir wissen. 

Ich ließ meine Freundinnen an diesen Gedankengängen teilhaben. Und an jenem Nachmittag sprachen wir noch lange darüber, wie wir in dieser unvollkommenen Welt die „Gelassenheit zur Lücke“ einüben konnten, die das vollkommene Glück in sich verbarg.  

 

Ein Beispiel hatte uns das Leben gerade selbst geboten: Durch einen Regenschauer durften wir jetzt – wie aus heiterem Himmel – gemeinsam eine sonnige Zeit bei mir zu Hause verbringen. Was hatten wir doch für ein unerwartetes Glück, uns mit dem Glück auseinandersetzen zu dürfen…

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Der ErmuTiger

Geschichten / Der ErmuTiger

Durch einen Unfall war eine Frau gezeichnet. Vor der Operation setzte sich ein Seelsorger zu ihr ans Bett. „Wie fühlen Sie sich heute?“, fragte der Ermutiger die Patientin.

 

„Ach, irgendwie schlagen zwei Seelen in meiner Brust!“, gestand die kranke Frau. „Ich bin so froh, dass ich überlebt habe. Dadurch habe ich begriffen, dass ich stärker bin, als ich denke. Das Leben hat noch etwas mit mir vor. Da möchte am liebsten der Tiger in mir ‘raus… Doch da ist auch noch diese andere Seite in mir!“, sagte sie zögerlich und voller Scham. „Ich spüre, wie viel Federn ich gelassen habe, seitdem ich hier liege. Die Krankheit macht mich so flügellahm… Vor meiner Familie reiße ich den Schnabel auf … riskiere die große Klappe, aber ich habe solche Angst vor der nächsten OP. Ich möchte am liebsten fliehen – weit wegfliegen.“

Der Ermutiger hörte aufmerksam zu. Rasch holte er sein Handy hervor. „Ich möchte Ihnen etwas zeigen…“, erwähnte er, wobei er auf dem Display scrollte. „Vor einiger Zeit habe ich ein Foto gemacht – von einem Graffiti-Kunstwerk, das ich selbst sehr imposant fand!“

 

Als er es entdeckt hatte, hielt er der Verunglückten das Handy so vor das Gesicht, damit sie es gut sehen konnte: Ein Tiger saß ganz friedfertig am offenen Fenster eines Hauses und schaute völlig entspannt hinaus. Die Tatzen hatte er ruhig auf den Rahmen gelegt. Doch nur wenn man das Bild genauer betrachtete, nahm man den kleinen Wellensittich wahr, der absolut still auf einer der Vorderpfoten ruhte – ohne die Angst zu verspüren, gleich aufgefressen zu werden.

 

„Das ist ja total unrealistisch…“, schätzte die kranke Frau ein.

„Sicher, das mag sein… Da hatte der Künstler wirklich eine blühende Fantasie!“, gab der Seelsorger zustimmend zurück. „Deshalb habe ich das Foto auch nicht aufgenommen. Aber – ist es nicht so, dass die zwei in unserem Herzen wohnen – ein MächTiger und ein SchmächTiger? Wir haben beides in uns: das Starke und das Schwache, das Standhafte und das Flatterhafte. Das macht uns aus. Und nur wenn sowohl der Große in dem Kleinen als auch der Kleine in dem Großen in uns eins wird, können wir Ruhe finden. Das dürfen wir jeden Tag in Betracht ziehen – auch wenn eine Herausforderung vor uns liegt, der wir uns kaum gewachsen fühlen!“

 

An diesem Tag hatte der Seelsorger wieder einmal auf den großen ErmuTiger hingewiesen. Und das hat mir ein Vögelchen gezwitschert…

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Ein süßes Mädchen

Geschichten / Ein süßes Mädchen

Am Morgen eines kalten Tages wollte ich einen kühlen Kopf bewahren, obwohl ich einen Termin beim Zahnarzt hatte. Da ich früh dran war, setzte ich mich auf eine Bank hinter dem Ärztehaus und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Ich schaute mich um. Die Vögel zwitscherten im Schatten der Bäume fröhlich ihre Hoffnungslieder. Friedlich raunte der Wind seine Melodie dazu. Und vor mir war das Grün der bunten Blumenwiese eine echte Augenweide für mein Herz und für die Seele. Durch diese Idylle schlängelte sich ein schmaler Weg, auf dem ich plötzlich – in weiter Ferne – ein kleines Wesen laufen sah. Nach meiner Beobachtung meinte ich, dass es ein süßes Mädchen war. Es hatte blonde Zöpfe und trug ein rosa Kleid. Ein breites Grinsen lag auf seinem Gesicht.

 

Ich erwartete nichts Böses. Und so schaute ich kurz den Wolken nach, die sich am weiten Himmelszelt vorwärtsbewegten. Dann richtete ich mein Augenmerk wieder auf das Kindchen. Aber als ich auf die Wiese blickte, erschrak ich. Anscheinend hatte ich mich getäuscht. Genau in meine Richtung rannte geradewegs ein Geschöpf auf mich zu, das doch nicht ein süßes Mädchen in einem rosafarbenen Kleid zu sein schien. Es war auch nicht klein. Im Gegenteil: Von Schritt zu Schritt vermochte es, größer zu werden – und unheimlicher. Irgendwie hatte sich das Rosa in ein Grau verwandelt. Die Zöpfe waren verschwunden und ich meinte, eine hässliche dunkle Mähne zu sehen. Ja, auch das Lächeln hatte sich in eine finstere, feindselige Miene verwandelt.

 

Noch war das Ungetüm vielleicht fünf oder sechs Meter von mir entfernt. Aber ich spürte mit einem Mal, wie sich meine Kehle zuschnürte. Auf meine Brust legte sich Enge. Mein Herz begann zu rasen. Mir wurde mulmig in der Magengegend.

„Was will dieses Monster von mir? Und wer oder was ist das überhaupt?“, fragte ich mich in Windeseile. „Werde ich allmählich verrückt?“

 

Was ich nicht wollte, traf ein. Sekunden später stand ein Riese vor mir – in einem pechschwarzen Umhang. Er riss die Arme hoch und bewegte sein dickes Hinterteil immer vor mir hin und her. Mit lauten Geräuschen und fletschenden Zähnen bäumte er sich vor mir auf. Da seine lange, dunkle, lockige, fettige Haarpracht in sein Gesicht fiel, hatte ich keine Ahnung, wer hier vor mir tobte, obwohl ich glaubte, ihn irgendwie zu kennen… Ich wusste nur, dass mir heiß und kalt wurde. Denn dieser Riese stellte meinen Platz in der Sonne mysteriös in den Schatten.

 

Eigentlich wollte es mir die Sprache verschlagen… Doch – dann fragte ich ihn zaghaft, zögerlich und zaudernd: „Was willst du von mir?“

 

„Ich will in deiner Nähe sein!“, antwortete der Riese mit einer tiefen Stimme. Anschließend riss er seinen Mund so weit auf, als ob er mich auffressen wollte. Mein Puls schien auf 180 zu sein. Am liebsten wäre ich weggelaufen. „Wollen wir Freunde werden?“, ergänzte er.

 

„Nee, nie im Leben…“, dachte ich nur, während ich schon die Flucht nach vorn antreten wollte. „Wer will schon solch einen Freund haben!“ Noch während ich in meinen Gedanken gefangen war, fesselten mich seine mitleidserregenden Augen. „Ein Typ, der sich so aufbäumen muss, hat vielleicht gar keine Freunde?“, ging mir durch den Kopf. 

 

Irgendwie musste ich das Risiko eingehen… Ich musste es wagen…

Also reichte ich diesem Riesen zuerst den kleinen Finger. Danach öffnete ich zitternd beide Hände, die kalt und schweißnass waren. Und zum Schluss breitete ich meine Arme aus: „K-k-ko-omm’…“, stotterte ich leise.

 

Tatsächlich überlegte das Ungeheuer nicht lange. Es machte einen Sprung, einen Freudensprung und fiel mir regelrecht um den Hals, ohne mir die Luft zum Atmen rauben zu wollen. „Hallo!“, meinte es auf einmal sanftmütig.

 

„Hallo…“, entgegnete ich irritiert, wobei ich meinen Gefühlen kaum traute. 

 

„Wer bist du?“, interessierte mich brennend. „Wie heißt du?“

 

„Erkennst du mich denn nicht?, fragte mein neuer Freund zurück. „Ich bin es: deine Angst…“

 

Ich wunderte mich über die Maßen. Und als ich das Wesen näher betrachtete, entdeckte ich wieder ein süßes Mädchen, das in mir steckte. Damals hatte es starke Zahnschmerzen. Die Ärztin musste bohren… Und diese bohrende Erfahrung löste immer noch angst-erfühlte Empfindungen in mir aus. Aber jetzt konnte ich mich ihnen stellen. Ich konnte mich zu ihnen  stellen, sie anschauen, sie umarmen und mich mit ihnen anfreunden. Als erwachsene Frau war es mir möglich, gerade der Angst von damals den Zahn zu ziehen…

 

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Der runde Geburtstag

Geschichten / Der runde Geburtstag

Unglaublich: Nun war Markus ein halbes Jahrhundert alt. Ein großes Fest wurde für ihn ausgerichtet. Alle waren gekommen: die Familie, Freunde und Bekannte. Der runde Geburtstag wollte groß gefeiert werden…

 

Was keiner wusste, war, dass gleich drei Personen eine Rede vorbereitet hatten. Unabhängig voneinander wollten sie den Jubilar mit ein paar Sätzen würdigen, bevor das Büfett eröffnet und kräftig gefeiert wurde. 

 

Der Vater ergriff zuerst das Wort. „Ich bin so froh, dass es dich gibt…“, sagte er mit Tränen in den Augen. „Ich kenne dich nun schon dein Leben lang, habe deinen ersten Schrei gehört – mitgekriegt, wie du zur Schule gekommen bist. Das Radfahren habe ich dir beigebracht. Ich habe dir über den ersten Liebeskummer hinweggeholfen. Ja, und nun bist du ein gestandener Mann, der manche Herausforderung bezwungen hat. Du setzt dich für deine Mitmenschen ein und bist immer da, wenn man dich braucht. Ich bin so stolz auf dich! Hoch sollst du leben!“ Er erhob das Glas. „Dieser, der runde Geburtstag ist etwas Besonderes!“

Aber bevor alle auf Markus’ Wohl anstoßen konnten, stand sein Sohn auf. „Tja, Vater, ich kenne dich bloß halb so lange wie Opa. Aber aus Erfahrung kann ich sagen, dass du der beste Vater bist, den man sich nur wünschen kann…“, improvisierte er. „Du hast mir das Radfahren beigebracht und meine Wunden verarztet, wenn ich hingefallen bin. Als ich lernte, Klavier zu spielen, hast du eine Engelsgeduld bewiesen. …und du warst immer für mich da, als mir die Mädels einen Korb gegeben haben. Noch heute kann ich dich Tag und Nacht anrufen, wenn ich einen Rat brauche. Wie gut, dass ich dich habe…! Hoch sollst du leben, Vater!“ Wieder wollten die Anwesenden auf ihn trinken…

 

„Moment mal…“, meinte der beste Freund. „Ich will auch noch etwas sagen, obwohl wir uns erst 13 Jahre kennen: Es war das Beste, was mir passieren konnte, als wir uns damals im Skiurlaub trafen und sofort merkten, dass die Chemie stimmt. Seitdem gingen wir durch dick und dünn. Über alles konnten wir reden. Du warst sogar in der schwersten Zeit meines Lebens für mich da, hast mich getröstet… 

Und dann haben wir vor acht Jahren gemeinsam die Kanzlei aufgemacht – eine gute Entscheidung. Das brachte Bewegung in unser Leben. Wir konnten inzwischen viele Menschen rechtlich vertreten, ihnen helfen. Und uns hat das schließlich auch geholfen… Markus, du bist der beste Freund, den ich finden konnte. Schön, dass es dich gibt. Hoch sollst du leben!“

 

Danach wurde nun wirklich das Glas erhoben und ein „Prosit“ ausgesprochen. Der runde Geburtstag von Markus wurde nun ganz groß gefeiert…

 

Übrigens: Ich war auch auf diesem Fest! Als ich mitbekam, wie drei Leute über eine Person aus unterschiedlichen Perspektiven sprachen, dachte ich: „Was für ein merk-würdiges Bild für Dreieinigkeit. Das gilt doch auch für Gott. Der Vater, Jesus Christus und der Heilige Geist zeigen auch jeweils eine Seite von dem Großen, Ganzen. Sie sind eins, sich einig – in allem! Es lohnt sich, Gott – mit seinen Facetten – zu vertrauen.“

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Der Anfang nach dem Ende

Geschichten / Der Anfang nach dem Ende

Irmgard war immer noch todunglücklich. Seitdem ihr Mann vor vier Monaten gestorben war, spürte sie kein Leben mehr in sich. Mit ihm hatte sie auch ihre ganze Hoffnung und ihren Mut begraben. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie der Anfang nach dem Ende bald ganz neu beleben würde…

 

Täglich ging Irmgard auf den Friedhof. Sie zündete immer wieder neue Kerzen an, wobei ihr die Tränen über das Gesicht liefen, weil es in ihr so dunkel war. 

 

Auch an jenem Samstag im Oktober war sie hier. Und – wie jedes Mal machte sie sich irgendwann wieder auf den Heimweg. Schweren Schrittes kam sie nur langsam voran. Ihr Blick war – wie immer – gesenkt. Vor einer Ruhestätte, an der sie jeden Tag vorbeikam, sah sie heute etwas Merkwürdiges liegen. Es war klein und schwarz. Verloren sah es aus. Irmgard schaute sich verstohlen um. Dann bückte sie sich und entdeckte eine Brieftasche. Es war ihr unangenehm, einen Blick hineinzuwerfen. Sie sah ein paar Geldscheine, aber entscheidend war für sie, herauszubekommen, wem das kostbare Stück gehörte. Da der Personalausweis – Gott sei Dank – auch nicht fehlte, las sie, dass die Brieftasche einem Mann gehörte, der nur ein paar Straßen vom Friedhof entfernt wohnte. Und so entschied sie, diese sofort dort abzugeben.

Als Irmgard vor der Tür stand und geläutet hatte, öffnete ihr ein Mann im besten Alter. Er freute sich so sehr, dass das Verlorene wohlbehalten wieder zu seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgekehrt war und lud die ehrliche Finderin zu einer Tasse Kaffee ein.

 

Dann erzählte er seinem Gast, dass seine erste Ehe geschieden wurde und seine Verlobte nach nur wenigen Monaten des Kennenlernens an Krebs gestorben war. Die Kinder kamen nur selten bei ihm vorbei, und Freunde hatten sich – in der Trauer – von ihm zurückgezogen…

 

Irmgard wusste sich verstanden und gestand ihrem Gegenüber, dass sie sich auch allein fühlte, seitdem sie Witwe war.

 

An diesem Nachmittag stellten Irmgard und Erich fest, dass sie so vieles gemeinsam hatten: den Verlust ihrer Partner und auch die Hoffnungslosigkeit in der Einsamkeit… 

 

Sie verabredeten sich jetzt öfters und spazierten zusammen zum Friedhof. Dabei sprachen sie auch viel über das Erlebte, über ihre Enttäuschungen, über ihre Ängste. Das tat beiden offensichtlich gut, sodass sich die Leere allmählich mit Leben füllte. Im Laufe der Wochen kehrte eine neue Freude in ihre Herzen ein, und das Lachen kam auch zurück. Der Anfang nach dem Ende war gekommen…

Erich und Irmgard schmiedeten Zukunftspläne. Sie suchten sich eine gemeinsame Wohnung, eine Kirchgemeinde, in der sie ihren Glauben vertiefen konnten – und sie heirateten mit über 50 Jahren. Als Trauspruch kam für sie nur ein Vers aus Jesaja 43 infrage: „Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ (Vers 19) Denn beide erlebten – nach dem Sterben ihrer Ehepartner – wie auch in ihnen so manches erstorben war. Aber Gott hatte ihnen gemeinsam einen neuen Lebensraum geschenkt – Raum, um wieder lieben und lachen zu können.

 

Als Zeichen für die Wunden und das Wunder, das ihnen der Anfang nach dem Ende beschert wurde, schenkte Erich seiner Irmgard eine Yucca-Palme. Er erklärte ihr dazu: „Weißt du, wir beide sind wie ein Bäumchen, das an einer Stelle völlig gekappt wurde. Die Schicksalsschläge haben uns umgehauen. Und doch waren Wurzeln da, durch die Gott Neues wachsen lassen konnte.“

 

Irmgard freute sich über dieses Geschenk und die Präsenz von Erich. Beide hegten und pflegten das Pflänzchen genau so wie ihre Liebe – bis ins hohe Alter. Denn dass diese Liebe zueinander von Tag zu Tag gewachsen ist, kann ich bezeugen. Denn ich bin ihr Enkelkind!

(Im liebevollen Gedenken an Eurem 50. Hochzeitstag, den Ihr jetzt gefeiert hättet…)