Heute Morgen

Heute Morgen

Heute Morgen hatte ich ein wenig Zeit für mich. Und so setzte ich mich in meinen Rollstuhl und fuhr wieder einmal an meine Lieblingsstelle. Beim Warnowufer in Rostock konnte ich im Grunde immer Kraft sammeln … für die Herausforderungen, die mich an diesem Tag erwarteten. 

Da stand ich nun und sah in den wolkenlosen Himmel und auf das Wasser, das mich heute Morgen ganz ruhig begrüßte. Irgendwie bot mir das Bild, das mir hier vor Augen gemalt wurde, eine so wohltuende Stille an, dass ich recht bald den Lärm in meinem Herzen spürte. Mit einem Mal sah ich mich schon im Büro meines Pastors sitzen, mit dem ich anderthalb Stunden später einige wichtige Dinge zu besprechen hatte. Dann war ich auch gedanklich beim Zahnarzt, der am Nachmittag eine Wurzelbehandlung bei mir vornehmen musste. Und für den Abend bereitete ich innerlich vieles für das Seelsorgegespräch vor, dass ich mit einer Bekannten führen sollte …

Aber mein Gedankenkarussell drehte sich auch dann noch weiter und setzte mich in die Achterbahn der Gefühle … Plötzlich erinnerte ich mich an Dinge aus meiner Vergangenheit, die mich traurig gemacht hatten … Dann wanderten Zukunftspläne durch meinen Kopf. Und nicht zuletzt buchstabierte schon durch, worüber ich demnächst etwas schreiben wollte. Mit einem Wort: Ich war im Morgen und genoss in keiner Weise den Morgen, der mir heute — als einzigartiges Geschenk — vor die Füße gelegt worden war. 

Auf einmal sah ich jedoch, wie die Sonne erwachte und nicht nur ganz allmählich Licht in das Dunkel dieser Welt brachte, sondern auch in mein Herz. Es ging förmlich auf — bei dem Anblick des gelben Feuerballs, sodass ich endlich wieder im Hier und Jetzt ankam. Nur dieser Augenblick zählte — das leuchtete mir heute Morgen ein. Und so nahm ich auf einmal bewusst wahr, wie majestätisch sich die Schwäne über das Wasser bewegten, wie eine Ente seelenruhig ihr Gefieder putzte, wie Möwen sorglos über mir ihre Kreise zogen … 

Das Verhalten der Tiere wurde für mich zu einem Bild … zu einem Vorbild … zu einem Sinnbild. Denn in der Stille des Moments ruhten sie völlig in sich — auch wenn mir klar war, dass sie das nur aus ihrem Instinkt heraus taten. Sie  waren total in ihrem Element; sie waren ganz bei sich; sie waren mit sich eins. Und das konnte ich heute Morgen auch werden, weil ich mich jetzt ganz bewusst dafür entschied, in dem Augenblick die Ruhe zu feiern. Ich durfte mich sammeln — all das einsammeln oder zusammensammeln, was sich in meinem Herzen vereinen wollte: Kraft, Mut, Liebe, Frieden und auch die Schönheit. Auch konnte ich loslassen, was sich an Schmerz, an Enttäuschung, an Versagen oder Belastung in mir angesammelt hatte. Mir war die Möglichkeit gegeben, ganz ich selbst zu sein und mich Gott vollkommen hinzugeben. Und so atmete ich heute Morgen die Leichtigkeit des Seins „von Heute“, vom Hier und Jetzt förmlich ein, um für manche schwere Aufgabe ausgerüstet zu werden, die in nächster Zeit, die „Morgen“ auf mich zukam!

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Ich bin eine Autorin aus Rostock und schreibe feste: christliche Gedichte, Geschichten, Andachten, Wortspiele, Sprüche ... und Bücher. Ich liebe das Meer. Und ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir schenkt!