Kaum zu glauben

Kaum zu glauben

Kaum zu glauben: Aber die schönste Sache der Welt war es schon immer für mich, mit fragenden und suchenden Menschen über den christlichen Glauben ins Gespräch zu kommen. Satte 14 Jahre hatte ich in meiner ehemaligen Kirchgemeinde die ehrenwerte Aufgabe, zusammen mit dem Pastor einen Grundkurs des Glaubens zu leiten. Und währenddessen war es nicht nur wichtig, Sachverhalten aus der Bibel zu vermitteln, sondern auch zu erzählen, wie wir unsere persönliche Beziehung zu dem Schöpfer erlebten. Nicht selten kam es vor, dass gerade mir vereinzelte Personen die altbekannte, rhetorische Fragen stellten: „Warum? Wie kann ein Gott der Liebe so etwas zulassen?“ Und dabei verwiesen sie natürlich — auch — auf meinen Rollstuhl.

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Ich erzählte den Teilnehmern dann meistens eine Geschichte aus meinem eigenen Leben, die kaum zu glauben und dennoch wahr ist: Bis zum Erwachsenenalter wusste ich nicht genau, an welchem Tag ich im Jahr 1970 geboren wurde. Meine Eltern machten ein großes Geheimnis daraus … In meinen Ausweisen war zwar der 28. Oktober angegeben, aber meine Familie feierte diesen Tag nie mit mir. Jahrelang suchte ich meine wahre Identität — sodass ich an das Standesamt meines Geburtsortes schrieb. 

Als ich Post bekam, fiel ich fast aus allen Wolken: Dort war … schwarz auf weiß … zu lesen, dass ich am 27. Oktober 1970 geboren wurde. Um noch einmal sicher zu gehen, setzte ich mich ein zweites Mal mit der Behörde in Verbindung. Aber eine Sachbearbeiterin schickte mir nur eine andere Geburtsurkunde. Und in der war dann wieder der 28. Oktober 1970 als mein Geburtstag vermerkt. 

„Was stimmt denn nun?“, fragte ich mich immer wieder. Traurigkeit mischte sich mit Enttäuschung. „Wann bin ich denn nun geboren?“ 

Ich hatte es zuhause nicht leicht und kehrte recht früh meinen Verwandten den Rücken. Als ich … nach Jahren … wieder einmal überlegte, ob ich zu meinen Eltern und zu meinem Bruder den Kontakt suchen sollte, war ich jedoch gerade bei einem Freund, der sich in der Bibel auskannte. Mit einer Aussage Gottes wollte er mich besonders ermutigen: „Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf.“ 

„Das passt ja haargenau zu mir!“, staunte ich. Und während er beiläufig erwähnte, dass dieser Zuspruch in Psalm 27 Vers 10 stand, horchte ich auf. „Das ist doch mein Geburtstag!“ 

„Ja, stimmt! Aber du könntest doch auch am 28. Oktober geboren sein …“, gab er zweifelnd zurück. Sofort drehte er die Seite in seiner Bibel um. Er guckte einen Moment hinein und machte anschließend große Augen. „Psalm 28 hat nur neun Verse … Das ist ja kaum zu glauben!“, rief er aus. „Wenn uns das nichts zu sagen hat?“ Mein Freund wurde unruhig. „Warte, jetzt will ich mal wissen, was in Sprüche 27, Vers 10 steht …“ Er blätterte weiter und sah mich ungläubig an. „Das glaub’ ich ja nicht! Da heißt es: ‚Von deinem Freund und deines Vaters Freund lass nicht ab. Geh nicht ins Haus deines Bruders, wenn dir’s übel geht. Ein Nachbar in der Nähe ist besser als ein Bruder in der Ferne.’“

Und so wusste ich zweifelsohne, was ich zu tun hatte. Und ich erkannte für mich auch, wann ich tatsächlich Geburtstag hatte. Nachdem ich den Teilnehmern des Glaubenskurses meine Geschichte erzählt hatte, hörte ich von ihnen meistens: „Kaum zu glauben!“ 

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Mein Pastor und ich erlebten während der Begegnungen mit suchenden und fragenden Menschen immer wieder, dass es viel mehr die Herzen berührte, wenn wir ihnen erzählten, was wir mit Gott erfahren hatten. Es kam darauf an, persönliche Krisen, Fehlentscheidungen oder eigene Fragen und Zweifel nicht zu verschweigen. Und je offener wir waren, desto mehr öffneten sich einzelne Personen. Ab und an wurden wir mit solchen Fragen konfrontiert:

  • Wo war Gott, als …?
  • Liebt Gott mich, auch wenn …?
  • Ich verstehe nicht, dass Gott …?

Die Menschen suchten händeringend nach Antworten, weil sie Verantwortung für ihr Leben übernehmen wollten — trotz Leid und Not. Ihnen konnten wir in Einzelgesprächen „nur“ zuhören; wir durften sie eine Wegstrecke begleiten; wir konnten ihnen Mut und Trost zusprechen. Aber auf ihre individuellen Lebensfragen konnten wir ihnen auch keine Antworten geben. Schließlich schlummerten diese immer nur in der betreffenden Person selbst und wollten von ihr zum Leben erweckt werden. Nicht selten zitierten wir dann die wahren Worte von Rainer Maria Rilke: „Habe Geduld gegen alles Ungelöste in deinem Herzen und versuche, die Fragen selbst lieb zu haben, wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forsche jetzt nicht nach den Antworten, die dir nicht gegeben werden können, weil du sie (noch) nicht leben kannst. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Lebe jetzt die Fragen! Vielleicht lebst du dann allmählich, eines fernen Tages, in die Antworten hinein.“ Genau das wurde dann immer zum tatsächlichen Glaubenskurs des Lebens!

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Ich bin eine Autorin aus Rostock und schreibe feste: christliche Gedichte, Geschichten, Andachten, Wortspiele, Sprüche ... und Bücher. Ich liebe das Meer. Und ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir schenkt!