Mächtig hilflos, kräftig schwach

Mächtig hilflos, kräftig schwach

Als mein Pastor mich neulich bat, für unsere Gemeindezeitung etwas zum Thema „Kraft“ zu schreiben, war mein erster Gedanke: „Oh, mein Gott! Ich kann doch im Moment selbst keine Berge versetzen, weil ich mich mächtig hilflos, kräftig schwach fühle. Und da soll ich auch noch etwas auf das Papier bringen, was andere Menschen stärkt?“

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Seit Wochen, seit Monaten leide ich nun schon unter den Nachwirkungen meiner Corona-Erkrankung. Meine Entzündungswerte im Körper sind so hoch, dass sich das auch auf meine Zähne auswirkt. Ich bin drauf und dran, sie zu verlieren, wenn die Medikamente nicht anschlagen, die ich nun zusätzlich einnehmen muss. Ich krieche also — im wahrsten Sinne des Wortes — auf dem Zahnfleisch.

Da mir Ruhe verordnet worden ist, verbringe ich jetzt öfter die Zeit auf meinem gemütlichen Sessel als sonst. Ich höre Musik, lese Bücher oder denke eben darüber nach, was ich zum Thema „Kraft“ schreiben kann. Dabei fällt mein Blick immer wieder einmal auf das Bild, das an der gegenüberliegenden Wand meines Zimmers hängt. Ein kleiner Fluss ist links und rechts von einem Wäldchen umgeben. Man sieht ein einsam stehendes Haus und im Hintergrund einen Berg, der sich zum Himmel erstreckt. 

Jedes Mal, wenn ich das Stillleben betrachte, träume ich davon, schon längst „über dem Berg“ zu sein. Ich will mich — durch die zusätzlichen Einschränkungen — nicht mehr mächtig hilflos, kräftig schwach fühlen. Mein sehnlichster Wunsch ist es, dass das ständige Hoffen und Bangen ein Ende hat und dass es mit meiner Gesundheit bald schon wieder „bergauf“ geht.

Aus meinem anfänglichen Hilferuf „Oh, mein Gott!“ ist irgendwann ein Gebet geworden. Ich habe mein Herz vor Gott ausgeschüttet; ich habe ihm meine Angst gebracht, die Zähne zu verlieren; ich habe ihm meine Enttäuschung, meine Hilflosigkeit, meine Traurigkeit dargelegt und dabei gespürt, wie mir leichter ums Herz geworden ist. Nichts an meiner äußerlichen Situation hat sich verändert, aber etwas in mir ist danach anders geworden. Denn plötzlich habe ich die Kraft in mir gespürt, meiner Schwachheit direkt ins Gesicht zu sehen und neue Gestaltungsmöglichkeiten in Betracht zu ziehen. Denn mir ist deutlich geworden, dass ich den ganzen Berg nicht auf einmal erklimmen muss. Schritt für Schritt kann ich ihn besteigen — in meinem eigenen Tempo. Und dabei darf ich den Felsen unter mir wahrnehmen, der mir derzeit zwar etwas eckig und kantig vorkommt, aber der mich felsenfest tragen, durchtragen will. Weiterhin kann ich den weiten Himmel über mir sichten. Er bietet mir trotz allem Luft zum Atmen. Und durch das Geschenk der Sonnenstrahlen, die immer wieder durch die Wolken blitzen, wird zwischendurch auch stetig mein Herz erwärmt.

Spätestens seit diesem Tag stelle ich mir vor, dass der Eine mit seiner Liebe zu mir nicht mehr „hinter den Berg“ hält. Im Gegenteil: Er wandert zusammen mit mir durch das dunkle Tal des Bergsteigens. In seiner herzerwärmenden Art geht er mir nicht voraus, sondern klettert Zentimeter für Zentimeter schweigend an meiner Seite. Er erwartet nicht von mir, dass ich einen Zahn zulege oder die Zähne zusammenbeiße, wenn ich mir „beim Laufen“ Blasen und Schrammen zulege; nein, er versorgt meine Wunden, sodass ich irgendwann heil auf der Bergspitze ankomme. Und genau dadurch bin und bleibe ich mächtig hilflos, kräftig schwach!

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Ich bin eine Autorin aus Rostock und schreibe feste: christliche Gedichte, Geschichten, Andachten, Wortspiele, Sprüche ... und Bücher. Ich liebe das Meer. Und ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir schenkt!