Meine Sprechbehinderung

Meine Sprechbehinderung

Seit frühster Kindheit bin ich gelähmt — spastisch gelähmt. Gehirnzellen, die für die Steuerung meiner Bewegungen zuständig sind, funktionieren nicht mehr, sodass ich meine Arme und Beine oft nicht kontrolliert einsetzen kann. Da ich — wie erwähnt — mit dieser körperlichen Behinderung aufgewachsen bin, leide ich unter diesem Handicap nicht besonders. Eher sind es die täglichen Schmerzen, die mir oft das Leben schwer machen — und meine Sprechbehinderung …

Wenn ich — unter erschwerten Bedingungen — den Mund aufmache und etwas sage, schätzen fremde Menschen innerhalb von Minuten ein, ob ich … in ihren Augen … geistig minderbemittelt bin oder nicht. Bei flüchtigen Aufeinandertreffen stört es mich überhaupt nicht mehr, dass ich oft verkannt werde. Aber wenn Personen, zu denen eine engere Beziehung wachsen soll, mein Potential nicht sehen, macht mich das doch ein bisschen traurig …

Ich werde wohl niemals die erste Begegnung mit meinem jetzigen Pastor vergessen. Nach dem Gottesdienst kam er schnurstracks auf mich zu, drehte einen Stuhl in meine Richtung, setzte sich und fing an, ganz langsam und laut mit mir zu reden. Und — am Niveau der Fragen, die er mir stellte, begriff ich sofort: Er hielt mich für eine dumme Nuss, die ziemlich beknackt war!

Ich lud den Pastor zu mir ein, weil er mich kennenlernen — richtig kennenlernen sollte. Am vereinbarten Termin ließ ich Kaffee kochen; ich kaufte Kuchen und deckte dekorativ den Tisch. Er kam pünktlich und sofort spürte ich wieder, wie unbeholfen er war. Denn erneut sprach er sehr laut, langsam und in einer ungewöhnlich hohen Tonlage mit mir … wie mit einem Kleinkind. Recht schnell unterbrach ich ihn. Und ich sagte: „Ich weiß genau, was Sie denken: Wer im Rollstuhl sitzt, läuft auch sonst nicht ganz rund! Und meine Sprechbehinderung lässt überhaupt nicht zu, dass wir ein Gespräch auf Augenhöhe führen können!“

Der Pastor war perplex. Dass ich so direkt wurde, war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Hinterher gestand Martin mir, dass er tatsächlich so gedacht hatte. Und ich offenbarte ihm meine Gefühle. Wir wurden ehrlich zueinander und genossen einen herrlichen, tiefsinnigen Nachmittag. Aber nicht nur das: Ein paar Tage später rief er mich an und sagte wortwörtlich: „Auch wenn du das im Alltag immer wieder erleben wirst — ich möchte, dass du in meiner Gemeinde nicht um deine Scharfsinnigkeit und Klugheit kämpfen musst! Wollen wir demnächst einmal zusammen predigen? Dann kann ich dich allen vorstellen!“ Inzwischen wusste er, dass ich eine theologische Ausbildung hatte und in meinem Rollstuhl schon öfter in anderen Kirchen auf der Kanzel stand …

Nur wenige Wochen später predigten Martin und ich über das Thema „Lahm, aber nicht gelähmt“ anhand der biblischen Person Mefi-Boschet. Im Anschluss bekamen wir aufbauende und wertschätzende Reaktionen einzelner Gemeindemitglieder. Sogar eine ältere Dame kam auf mich zu und meinte: „Ich konnte zwar nicht jedes Wort verstehen, aber der Gesamtzusammenhang hat mir sehr viel Mut gemacht. Dankeschön!“

Seit diesem Tag bin ich ein anerkanntes Mitglied in dieser, meiner Gemeinde. Mein Rollstuhl und meine Sprechbehinderung stellen für die meisten kein Problem mehr dar. Und jeden Tag wird mir bewusst, wie viel ich Martin — meinem guten Freund und Pastor — zu verdanken habe! 

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Ich bin eine Autorin aus Rostock und schreibe feste: christliche Gedichte, Geschichten, Andachten, Wortspiele, Sprüche ... und Bücher. Ich liebe das Meer. Und ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir schenkt!