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Mir träumte

Mir träumte, es wäre der erste Sonntag im Jahre 2023. Unsere Kirche ist voll. Alle alten und viele neue Gesichter haben sich eingefunden, weil sie der Hunger nach Liebe, nach Leben, nach Licht hierher gezogen hat. Der Glaube ist nicht verloren gegangen; er findet uns gerade wieder. 

 

Mir träumte, die Zeit des Abstandhaltens wäre vorbei. Alle fallen sich in die Arme. Es wird wieder geherzt; es wird wieder geküsst. Wir sind froh, uns zu begegnen. Anstatt sich in den Bänken auseinanderzusetzen, wird sich miteinander auseinandergesetzt. Wir fragen: „Warum denkst du so? Warum fühlst du so? Warum handelst du so?“ Die Lebensgeschichte des Gegenübers findet Interesse; sie findet Gehör. Keiner beurteilt den Nächsten mehr nach seinem Aussehen, nach seinem Verhalten, nach seiner Andersartigkeit. Es wird nicht mehr gerichtet — und wenn überhaupt, dann nur aufgerichtet.

 

Mir träumte, die Zeit des Tragens von Masken wäre vorbei. Jeder kann dem anderen offen und frei ins Gesicht sehen. Wir können dem anderen ungeschminkt sagen, wie es uns geht — ohne Scham, ohne Angst, ohne Wertung. Wir wollen nicht mehr darstellen, als wir in Wirklichkeit sind. Es ist erlaubt zuzugeben, wenn uns die Kraft fehlt, wenn uns die Hoffnung fehlt, wenn uns die Liebe fehlt. Wir dürfen einander sogar gestehen, wenn wir gar nicht fühlen, was wir bislang geglaubt haben. 

 

Mir träumte, der Gottesdienst würde beginnen. In den Gesichtern meiner Banknachbarn ist eine bewegte Vorfreude zu entdecken. Ein Kirchenmitglied liest irgendwann den abgeänderten Text aus Prediger 3 vor, über den auch hoffnungsfroh gepredigt wird:

 

„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:   

  • das Leben erträumen hat seine Zeit, seinen Traum leben hat seine Zeit;
  • Tränen aus Trauer weinen hat seine Zeit, Tränen aus Freuden weinen hat seine Zeit; 
  • Not haben hat seine Zeit, aus Not helfen hat seine Zeit;
  • eingeschränkt sein hat seine Zeit, sich uneingeschränkt fühlen hat seine Zeit;
  • Angst haben hat seine Zeit, Angst überwinden hat seine Zeit; 
  • entmutigt sein hat seine Zeit, mutig werden hat seine Zeit; 
  • soziale Distanz hat seine Zeit, Gemeinschaft finden hat seine Zeit;
  • in Krisen leben hat seine Zeit, aus Krisen kommen hat seine Zeit;
  • Masken tragen hat seine Zeit, Masken ablegen hat seine Zeit; 
  • über den Glauben reden hat seine Zeit, den Glauben leben hat seine Zeit;
  • Gottes Wege nicht verstehen hat seine Zeit, Gottes Wege gehen hat seine Zeit.“

Ganz allmählich bekomme ich feuchte Augen. Erste Tränen laufen meine Wangen herunter. „Das gibt Wurzeln und Flügel!“, denke ich, während der Pastor in unserer vollen Kirche predigt. Und es verwurzelt und beflügelt mich …

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Ich bin eine Autorin aus Rostock und schreibe feste: christliche Gedichte, Geschichten, Andachten, Wortspiele, Sprüche ... und Bücher. Ich liebe das Meer. Und ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir schenkt!