Mitten im Frühling

Mitten im Frühling

Während ich diese Zeilen schreibe, ziehen die letzten Tage des Wonnemonats Mai an mir vorüber. Ich sehe aus dem Fenster und staune, wie die Bäume in voller Blüte stehen. Das saftige Grün an den Büschen und auf der Wiese tut meinen Augen wohl. Fröhlich zwitschern die Vögel ihre Lieder, wobei sie von der Sonne angestrahlt werden. Und die Menschen, die eilig oder bedächtig vorbeigehen, tragen T-Shirts und kurze Hosen. Ihnen scheint warm zu sein — mitten im Frühling. 

Auf mich färben diese Frühlingsgefühle im Augenblick allerdings kaum ab. Da ich mich — durch meine zusätzlichen Einschränkungen — vorwiegend nur in meinen vier Wänden aufhalten kann, bin ich irgendwie auf November eingestellt. Vor meinen inneren Augen sehe ich förmlich, wie in meinem Herzen Wind aufkommt … Stürme toben … Regengüsse niederprasseln. Ich bin entblättert worden — wie Bäume, die in jener Jahreszeit kahl, nackt und schutzlos dastehen. Wie sie habe ich das Loslassen gelernt … durch so viele Ereignisse, die mich in der letzten Zeit bestürmt haben.

Mein Zimmer wird nur selten von den Sonnenstrahlen erhellt; es ist zur Nordseite ausgerichtet. Somit ist es relativ dunkel. Und da ich — weitgehend — von der Außenwelt abgeschnitten bin, ist es still. Ich lausche in die Ruhe hinein, die ich mir derzeit nehmen muss, um wieder gesund zu werden. Mitten im Frühling spüre ich den Herbst nach.

„Ob die Bäume sich vor wenigen Wochen und Monaten hätten träumen lassen, dass sie jetzt wieder in ihrer vollen Lebenskraft stehen würden?“, frage ich mich insgeheim. Schon damals haben sie ihre Äste zum Himmel ausgestreckt. Und ihre Wurzeln sind fest im Boden erstarkt gewesen. Sie haben majestätisch dem Unwetter und der Dunkelheit getrotzt; sie haben Ruhe bewahrt.

Diesem Bild — diesen Vorbildern, diesen Sinnbildern — möchte ich es gleichtun. Während meiner Novembertage mitten im Frühling möchte ich mein Herz ganz bewusst auf den Himmel ausrichten; ich werfe ihm quasi meine Hoffnung und Erwartungen entgegen. Außerdem stehe ich fest mit beiden Beinen auf dem Boden; ich lasse mich von der Liebe und Standhaftigkeit erden. 

Ja, ich erlebe meine kleine Welt momentan dunkel, trist und kalt. Und dennoch spüre ich, dass ich nicht erfrieren werde, weil „das Leben“ durch meine Adern fließt. In der Stille möchte ich meine Augen schließen und vom Frühling träumen. Denn eines ist sicher: Der November vergeht. Und bis es soweit ist, schöpfe ich — in der Ruhe — Kraft, bis ich mich selbst wieder mitten im Frühling vorfinde und die Zeit reif ist … zum Erblühen!

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Ich bin eine Autorin aus Rostock und schreibe feste: christliche Gedichte, Geschichten, Andachten, Wortspiele, Sprüche ... und Bücher. Ich liebe das Meer. Und ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir schenkt!