Mut-Entbrannt 

Eine fruchtbare Zeit

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Eine fruchtbare Zeit

Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen: Im Herbst 1996 fragte mich „unser damalige neuer Pastor“, ob ich — zusammen mit ihm — Glaubensgrundkurse für suchende und fragende Menschen durchführen wollte. Damals war ich gerade von der Bibelschule in Berlin Wannsee zurückgekehrt. Ich hatte eine Menge neue Erkenntnisse und Erfahrungen gesammelt und so sagte ich euphorisch zu. In der Geschichte „Kaum zu glauben“ erwähnte ich schon einmal, dass am Ende satte 14 Jahre daraus wurden, in denen ich miterleben durfte, wie viele junge und ältere Leute währenddessen lebhaft zu glauben und glaubhaft zu leben begannen. Es war eine fruchtbare Zeit, in der ich mich selbst regelrecht entfalten konnte. 

Zwei bis drei Kurse boten wir pro Jahr an. Pastor Volkmar Glöckner und ich machten es uns zur Gewohnheit, dass wir uns nach Abschluss eines achtwöchigen Seminars oder vor dem Beginn des nächsten gemütlich zusammensetzten, um Dinge auszuwerten oder neue Inhalte zu besprechen. Es muss um die Jahrtausendwende gewesen sein: Wir saßen bei Kuchen, Kaffee und Kerzenschein in meinem Wohnzimmer, während er mich schmunzelnd ansah und meinte: „Weißt du eigentlich, dass du mehr Kinder hast als die meisten Frauen, die ich kenne? Durch die Kurse haben Menschen Gott ihren Glauben geschenkt, sich taufen lassen und in unserer Kirche eine Heimat gefunden. Das ist auch dein Werk; das sind auch deine Babys. Du hast dazu beigetragen, dass ungefähr 30 Personen — buchstäblich — das Licht der Welt erblickt haben, das Licht der himmlischen Welt!“

Diese Worte bewegten mein Herz. So hatte ich meine Tätigkeit noch niemals betrachtet. Es war wahrhaftig eine fruchtbare Zeit! Denn Volkmar Glöckner blieb noch bis Ende des Jahres 2009 der Pastor in der Gemeinde. Und auch danach habe ich noch drei Glaubenskurse ohne ihn geleitet. Das bedeutet: Ich bin heute eine „kinderreiche“ Frau!

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„Meine Kinder“ sind heute schon alle aus den Glaubens-Kinderschuhen herausgewachsen. Aber seinerzeit war es natürlich unvermeidlich, dass wir ihnen beibrachten, wie sie keineswegs „im alten Stiefel weitermachten“, wie sie sich nicht „jeden Schuh anzogen“, wie sie ganz langsam „in die Puschen kamen“. Oft war es während der Glaubenskurse und auch noch danach notwendig, dass sie zu uns kommen konnten, damit wir ihnen ganz individuell rieten, „welcher Schuh zu ihnen passte“. Oder wir entdeckten gemeinsam mit ihnen, wo manchmal „der Schuh drückte“. Auch das war eine fruchtbare Zeit …

Doch ganz allmählich nabelten sich „meine Kinder“ von mir ab. Sie lernten laufen und  gingen — im Vertrauen — eigene Wege. Aus einer anfänglichen „Erziehung“ wurden lockere oder feste „Beziehungen“. Insofern höre ich inzwischen zwar seltener etwas von ihnen, aber im Herzen und im Glauben bleibe ich mit ihnen auf ewig verbunden. Es ist fast mit normalen Mutter-Kind-Beziehungen zu vergleichen! 

Aus den damaligen Kindern sind Erwachsene geworden. Aus „Schülern“ wurden „Lehrer“, die heute zum Teil anderen Menschen etwas beibringen und erzählen, was sie mit ihrem himmlischen Vater erleben. Ich finde es wunder-voll, dass diejenigen, die damals im Glauben „gezeugt“ und „geboren“ worden sind, heute als echte Zeuginnen und Zeugen auftreten und jeweils als „Licht der Welt“ überall (er)-scheinen! 

Macht weiter so, Kinder! Ich bin mächtig stolz auf euch!

Wie in einer Schneekugel

Wie in einer Schneekugel

Kennst du Schneekugeln? Das sind die kleinen und größeren runden Glas- oder Kunststoffbälle, in denen in der Regel eine Landschaft, ein Schneemann oder ein Schiff hineingesetzt wurden. Und wenn man das Ding ordentlich schüttelt, wirbelt das Wasser – zusammen mit dem Kunstschnee – alles durcheinander. Gerade für unsere Kinder ist das immer wieder ein Schauspiel, wenn sie beobachten können, wie in einer Schneekugel der Inhalt idyllisch eingeschneit wird.

Dieses Bild fällt mir ein, wenn ich an den kleinen Virus denke, der uns allen nunmehr genau seit einem Jahr große Schwierigkeiten bereitet, der unsere ganze Welt auf den Kopf stellt und alles durcheinanderbringt. Nichts ist mehr, wie es vorher war. Anstatt die Nähe zu Menschen zu suchen, müssen wir Abstand halten. Wir sind angehalten und aufgefordert, FFP2-Masken zu tragen. Kindergärten und Schulen bleiben teilweise oder ganz geschlossen; auf einmal gibt es das Homeschooling. Viele von uns müssen von zu Hause arbeiten und nebenbei die Familie versorgen. Andere bangen um ihre Existenzen, weil sie ihre Geschäfte und Betriebe vorübergehend schließen müssen. Es herrschen mehr Isolation, Einsamkeit, Hilflosigkeit, Trauer und Überforderung als jemals zuvor. Tja, das Leben kommt mir derzeit vor wie eine Schneekugel, in die wir eingeschlossen sind. Und nun wirbeln die weißen Flocken auch noch um uns herum und nehmen uns die klare Sicht und manchmal auch die Luft zum Atmen.

Was mich betrifft: Ich sitze auch wie in einer Schneekugel. Denn laut der Nachricht des Gesundheitsamtes habe ich mich am 15. Februar mit Covid-19 infiziert. Anfangs bin ich davon ausgegangen, dass mich nur eine Erkältung, eine Grippe mit Schnupfen und Husten quält. Aber als ich dann meinen Geruchs- und Geschmackssinn verloren habe, bin ich positiv getestet worden. Seitdem durchleide ich – mit mittelschwerer Atemnot, mit Kopf- und Gliederschmerzen, mit Schlappheit – die Quarantäne, die  Isolation. Es ist wie in einer Schneekugel, die gerade kräftig geschüttelt wird, sodass ich irgendwie nur noch das Tohuwabohu in meiner kleinen Welt betrachten kann. 

Meine Hoffnung und mein Gebet sind jedoch, dass ich bald genese. Dann bin ich sogar – für ein paar Monate – immunisiert, wodurch ich nicht mehr unter dieser Glasglocke sitzen muss und ein wenig mehr Freiheit als bisher genießen darf. Jedenfalls glaube ich daran, dass Jesus Christus Stürme stillen kann – sogar den Sturm im Wasserglas meiner Schneekugel!

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Geschafft

Geschafft!

Geschafft! Wir haben es geschafft; meine Freunde und ich waren stärker als die Corona-Viren. Nach fast drei Wochen Quarantäne dürfen wir wieder das Haus verlassen und unter das Volk gehen. Wir sind so froh und dankbar! Denn jetzt ist nur noch unser Lachen ansteckend!

Allerdings sind wir auch noch sehr geschafft. Aus eigenem Erleben kann ich jetzt sagen, dass Corona noch viel mehr Begleiterscheinungen mit sich bringt als eine Grippe – auch nach der Isolation. Aber wir haben, ich habe das Schlimmste geschafft!

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Sich wochenlang nur in den eigenen Wänden aufhalten zu können, war schon eine Herausforderung – für mich. Denn eigentlich liebe ich meine Freiheiten. Aber nun hatte Gott mich angehalten. Ich durfte – im doppelten Sinne – für eine gewisse Zeit „aufhören“. Zum einen konnte ich aufhören, etwas für meine Mitmenschen zu tun. Und zum anderen durfte ich aufhören … lauschen auf das, was Gott – das Leben – mir zu sagen hatte. Deshalb wollte ich gern innehalten. Gott schenkte mir – durch die zusätzliche Erkrankung – quasi die nötige Ruhe, um mich wieder einmal ganz intensiv bei mir selbst aufzuhalten. Denn eins hatte ich im Laufe der Zeit begriffen: Wenn ich mich nicht liebe, kann ich auch keinen Mitmenschen lieben; wenn ich mich selbst verliere, verliere ich den anderen.

Demzufolge wollte ich meine Gedanken und Gefühle aushalten, die mich in diesen dunklen Tagen bewegten: die Angst, an Corona eventuell sterben zu können … die Scham, dass ich überhaupt betroffen war … die Ohnmacht, nichts tun zu können, um den Krankheitsverlauf zu verbessern … die Enttäuschung, dass ich mich infiziert hatte, obwohl ich stets vorsichtig war. Ich wollte diese Emotionen ganz bewusst nicht zurückhalten. Denn wenn ich sie zuließ, ließ ich sie letztendlich los. Und so kam es auch – zumal es allmählich gesundheitlich bei mir wieder aufwärts ging. 

Irgendwann fühlte ich, dass Gott noch mehr auf dieser Erde für mich bereithalten wollte. Wie erleichtert ich doch war! Aber da ich mich von meiner Außenwelt immer noch fernhalten musste, überlegte ich mir stillschweigend, wie ich mich künftig verhalten wollte. Denn eins war mir innerhalb meines Krankheitsprozesses sehr deutlich geworden: „Das Leben mit Corona“ zeigte nur, wie wir „das Leben ohne Corona“ bislang oft gestaltet hatten. Schon bevor der kleine Virus unsere große Welt auf den Kopf stellte, trugen wir immer wieder einmal Masken – natürlich unsichtbar. Der eine hat seine unangenehmen Gefühle zurückgehalten, wenn man ihn fragte: „Wie geht es dir?“ Und der andere hat permanent seine Meinung für sich behalten. Der eine wollte mehr darstellen, als er in Wirklichkeit war. Und der andere versuchte in seinem Bereich durchzuhalten, obwohl ihm längst die Kraft dazu fehlte.

Überdies suchten wir Menschen schon immer den Abstand, wenn wir die Art oder die Ansicht unseres Gegenübers nicht teilten. Anstatt sich miteinander auseinanderzusetzen, setzten sich viele lieber auseinander und saßen dann notgedrungen zwischen den Stühlen. „Das Leben nach Corona“ bietet uns die einmalige Chance, wieder zusammenzurücken, uns ungeschminkt und ohne Masken zu begegnen und nicht weiterhin nach dem Motto zu handeln: „höher … schneller … weiter“, sondern uns ganz allmählich auf „tiefer … langsamer … näher“ einzustellen. 

Es kommt immer darauf an, welche Einstellung, welche Haltung wir einnehmen wollen. Ich – für meinen Teil – möchte jetzt schon mehr und mehr versuchen, mein Verhalten zu überdenken und meine Verhältnisse zu ändern, weil Gott mein ganzer Halt ist. Er ist die Liebe in Person, und er wünscht sich nichts sehnlicher von mir, als dass ich die Liebe, die er mir schenkt, an andere Menschen weitergebe. 

Aus lauter Liebe und Dankbarkeit, weil ich mit Gottes Hilfe schon so vieles geschafft habe, möchte ich diejenigen unter uns gern weiterhin ganz ehrlich und hautnah ermutigen – auf die Art und Weise, mit der ich das am besten kann: mit Worten, die zu Taten werden! 

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Das Fest der Sinne

Das Fest der Sinne

Ich entsinne mich noch gut: Es war eigentlich gar nicht in meinem Sinn, dass ich – durch meine Corona-Erkrankung und die notwendige Quarantäne – wochenlang das Bett und das Haus hüten musste. Wie sehr sehnte ich mich danach, wieder fit zu sein und ins Freie zu dürfen! Natürlich wünschte ich mir  – in meinem stillen Kämmerlein – das Fest der Sinne in der Natur wieder herbei. Dabei halfen mir jeden Morgen die kleinen, treuen Vögelchen auf den Bäumen vor meinem Schlafzimmer. Schon im Dunkeln kündigte mir ihr Gezwitscher an, dass der Tag kommen würde…

Am 6. März 2021 war es dann soweit: Das Gesundheitsamt gab grünes Licht, dass ich wieder ins Grüne durfte. Sofort machte ich mich auf… Es war ein herrlicher Wintertag. Der Schnee war längst weggetaut. Es war kalt. Dennoch roch es nicht nur nach Frühling, sondern die ersten Boten kündigten auch an, dass Neues wuchs: Krokusse, Winterlinge oder auch Schneeglöckchen. Meine Augen konnten sich an ihrem Liebreiz gar nicht sattsehen. Dann schaute ich auf zum Himmel, der mit seinem intensiven Blau all meine Sinne durchdrang. Die Wolken kamen mir wie sanfte, schneeweiße Wattebällchen vor. Und die Sonne strahlte mich so freundlich an, als ob sie sich zu freuen schien, mich nach langer Zeit endlich wiederzusehen. Alles war so hell, so wunderschön, so lebendig; es war das Fest der Sinne.

Mittags kam uns in den Sinn, uns etwas aus unserem Lieblingsrestaurant zu  bestellen. Was war das doch für eine Gaumenfreude, wieder etwas riechen und schmecken zu können. Das Essen und die erste Tasse Kaffee nach der Krankheit zergingen uns förmlich auf der Zunge. Die Geschmacksknospen blühten – nach dem Winterschlaf – regelrecht auf. Beim Nachtisch fragte ich mich leise: „Kann das Leben nicht immer so sinnlich schön sein?“

Später konnte ich mich darauf besinnen, dass meine fünf Sinne nur so geschärft wurden, weil ich wochenlang krank war … nicht aus dem Haus konnte … keinen Appetit hatte … nicht mehr am Leben teilnehmen konnte und – als Risikopatientin – bereits ein Jahr lang Angst davor hatte, mich mit Covid-19 zu infizieren. „Wahrscheinlich braucht es hin und wieder diesen Kontrast!“, wurde mir wieder deutlich. 

  • Wenn ich niemals krank wäre, wüsste ich die Gesundheit gar nicht zu schätzen. 
  • Wenn ich mich niemals von Menschen verabschieden müsste, würde ich mich auch keineswegs auf das Wiedersehen freuen.
  • Wenn ich nur in der Sonne säße, hätte ich niemals die Chance, über meinen eigenen Schatten zu springen.
  • Wenn ich niemals Tränen vergießen müsste, könnte ich das Lachen nicht genießen. 
  • Wenn ich keinen Zerbruch erleben würde, gäbe es keine Möglichkeit für einen Neubeginn. 

Wie oft entsteht auch in mir der Wunsch, ein sorgenfreies, ein unbeschwertes, ein einfaches Leben zu führen. Aber das kann ich mir aus dem Sinn schlagen, weil ich nun einmal hier auf Erden und noch nicht im Himmel bin. 

Die Kunst, das Fest der Sinne trotzdem zu feiern, besteht allerdings darin, inmitten von Krankheit, Krisen und Konflikten „einen Riecher“ für das Schöne zu bekommen. Ich kann lernen, „die Augen offenzuhalten“ oder „die Ohren zu spitzen“ – für das, was das Leben dennoch „schmackhaft“ macht. Für mich werden die vermeintlich kleinen Dinge eine große, eine großartige Sache: ein Blumenstrauß, eine Nougatpraline, ein gutes Buch, eine Massage, meine Lieblingslieder oder nicht zuletzt ein von Sinn erfülltes Gespräch mit Freunden, das kostbar und ermutigend ist… Ich möchte mich daran jedenfalls mehr und mehr „herantasten“, damit ich – in diesem Sinne – auch „die Freude im Leide“ entdecke!

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Die Tante mit dem Brot

Die Tante mit dem Brot

Vor ein paar Wochen hatte ich das Gefühl, dass ich aus meiner spannenden, aus meiner spannungsgeladenen Geschichte, die das Leben mit mir schreibt, einfach einmal herausgehen und von einer anderen Seite betrachten durfte. Ich wollte ganz entspannt die Gegenwart genießen. Geistesgegenwärtig fuhr ich also zu einem herrlichen Teich in meiner Wohngegend und fütterte in aller Seelenruhe die Enten, die mir vertrauensvoll um meine Füße watschelten und vor sich hin schnatterten … Ein paar Kinder beobachteten mich offenbar. Denn als ein dreister Schwan aus dem Wasser stieg, erhaben auf mich zukam, sich die Tüte mit dem Brot von meinem Schoß schnappte und auf dem Erdboden fallenließ, fingen die kleinen Süßen lauthals an zu lachen. Seitdem wurde ich für sie „die Tante mit dem Brot!“

Die Neugier der Mädchen war geweckt. Ohne Scheu und ohne Vorbehalte kamen sie auf mich zu und fragten mir Löcher in den Bauch: „Wie heißt du?“, interessierte Emilia, die mir ihr Alter nicht verraten wollte. „Was machst du hier?“ „Warum hat der Schwan das gemacht?“ „Was ist das?“, fragte mich die fünfjährige Mia, indem sie auf meinen Rollstuhl zeigte. „Tun deine Beine weh?“

Als ich alle Fragen anscheinend zufriedenstellend beantwortet hatte, hob die kleine Judy wortlos die Tüte mit dem Brot auf und reichte sie mir. Und so fütterten wir alle zusammen die Enten, wobei nicht nur die Mädchen eine Menge Spaß hatten, sondern auch ich. Irgendwann waren meine Mitbringsel natürlich verspeist, sodass mich die Kleinen mit hungrigen, mit wissensdurstigen Blicken anschauten. Mathilde sprach aus, was alle von ihnen dachten: „Und nun?“

Während mein Herz für die Kinder Feuer fing, rauchte mein Kopf.  Irgendetwas wollte ich ihnen mitgeben, wofür sie für einen Moment brennen konnten. Insofern dachte sich „die Tante mit dem Brot“ die Geschichte über das hübsche Entlein aus, das sich immer hässlich fühlte, weil alle anderen Artgenossen das behaupteten. Doch — erst als sich das Entlein selbst richtig anschaute und seine glänzende Feder auf dem Rücken entdeckte, wusste es, dass es ein ganz besonderes Geschöpf war. 

Große Augen sahen mich an. Die Münder der Mädchen standen offen. Sie staunten und nahmen die Botschaft offensichtlich gern in sich auf. Als die Geschichte rund war und ich mich von den Kindern schon verabschiedete,  indem ich meinen Rollstuhl fahrbereit machte, meinte Emilia leise: „Kommst du morgen wieder?“

Ich war verdattert und antwortete nur: „Vielleicht …“

Als ob sie sich abgesprochen hatten, sagten sie zeitgleich: „Oh ja, bitte …“

„Die Tante mit dem Brot“ kam wieder. Sie brachte ein paar kleine Tüten mit Futter für die Enten mit, die sie den Mädchen überließ. Ja, und auch eine neue Geschichte trug sie, trug ich im Gepäck. Diesmal hatte ich mir ausgedacht, von einer lahmen Ente zu erzählen, die so sehr darunter litt, dass sie am Ufer nur hinkte, weil ihr ein Bein fürchterlich wehtat. Sie beneidete ihre Kameraden, die einfacher durch das Leben kamen. Aber dann tröstete sie der große, weise Schwan. Er fragte die gelähmte Ente, ob ihr noch gar nicht aufgefallen war, dass sie dafür viel besser schwimmen konnte als die anderen. Er selbst hatte das beobachtet, weil er die Angelegenheit aus einer höheren Perspektive sah. Das Entlein wurde wieder froh, weil es jetzt wusste, dass es auch etwas konnte. Und so versprach es dem klugen Schwan, dass es sich in Zukunft viel mehr auf seine Stärken konzentrieren wollte als auf seine Schwächen. 

Wieder hatten die Kinder aufmerksam zugehört. Und auch die Erwachsenen, von denen sie begleitet wurden, lächelten milde, als wir uns wieder voneinander trennten. Insgesamt fünf Tage trafen wir uns daraufhin noch zum gemeinsamen Füttern der Enten und zum Lauschen auf eine neu erfundene Geschichte. Am Ende fühlte sich „die Tante mit dem Brot“ selbst beschenkt. Schließlich hatte sie ein paar wenige Menschen und Tiere mit nahrhaften Dingen versorgen und dabei gerade selbst so manche schwere Kost verdauen dürfen … Was war das doch für eine wunderbare Po-Ente!

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Mächtig hilflos, kräftig schwach

Mächtig hilflos, kräftig schwach

Als mein Pastor mich neulich bat, für unsere Gemeindezeitung etwas zum Thema „Kraft“ zu schreiben, war mein erster Gedanke: „Oh, mein Gott! Ich kann doch im Moment selbst keine Berge versetzen, weil ich mich mächtig hilflos, kräftig schwach fühle. Und da soll ich auch noch etwas auf das Papier bringen, was andere Menschen stärkt?“

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Seit Wochen, seit Monaten leide ich nun schon unter den Nachwirkungen meiner Corona-Erkrankung. Meine Entzündungswerte im Körper sind so hoch, dass sich das auch auf meine Zähne auswirkt. Ich bin drauf und dran, sie zu verlieren, wenn die Medikamente nicht anschlagen, die ich nun zusätzlich einnehmen muss. Ich krieche also — im wahrsten Sinne des Wortes — auf dem Zahnfleisch.

Da mir Ruhe verordnet worden ist, verbringe ich jetzt öfter die Zeit auf meinem gemütlichen Sessel als sonst. Ich höre Musik, lese Bücher oder denke eben darüber nach, was ich zum Thema „Kraft“ schreiben kann. Dabei fällt mein Blick immer wieder einmal auf das Bild, das an der gegenüberliegenden Wand meines Zimmers hängt. Ein kleiner Fluss ist links und rechts von einem Wäldchen umgeben. Man sieht ein einsam stehendes Haus und im Hintergrund einen Berg, der sich zum Himmel erstreckt. 

Jedes Mal, wenn ich das Stillleben betrachte, träume ich davon, schon längst „über dem Berg“ zu sein. Ich will mich — durch die zusätzlichen Einschränkungen — nicht mehr mächtig hilflos, kräftig schwach fühlen. Mein sehnlichster Wunsch ist es, dass das ständige Hoffen und Bangen ein Ende hat und dass es mit meiner Gesundheit bald schon wieder „bergauf“ geht.

Aus meinem anfänglichen Hilferuf „Oh, mein Gott!“ ist irgendwann ein Gebet geworden. Ich habe mein Herz vor Gott ausgeschüttet; ich habe ihm meine Angst gebracht, die Zähne zu verlieren; ich habe ihm meine Enttäuschung, meine Hilflosigkeit, meine Traurigkeit dargelegt und dabei gespürt, wie mir leichter ums Herz geworden ist. Nichts an meiner äußerlichen Situation hat sich verändert, aber etwas in mir ist danach anders geworden. Denn plötzlich habe ich die Kraft in mir gespürt, meiner Schwachheit direkt ins Gesicht zu sehen und neue Gestaltungsmöglichkeiten in Betracht zu ziehen. Denn mir ist deutlich geworden, dass ich den ganzen Berg nicht auf einmal erklimmen muss. Schritt für Schritt kann ich ihn besteigen — in meinem eigenen Tempo. Und dabei darf ich den Felsen unter mir wahrnehmen, der mir derzeit zwar etwas eckig und kantig vorkommt, aber der mich felsenfest tragen, durchtragen will. Weiterhin kann ich den weiten Himmel über mir sichten. Er bietet mir trotz allem Luft zum Atmen. Und durch das Geschenk der Sonnenstrahlen, die immer wieder durch die Wolken blitzen, wird zwischendurch auch stetig mein Herz erwärmt.

Spätestens seit diesem Tag stelle ich mir vor, dass der Eine mit seiner Liebe zu mir nicht mehr „hinter den Berg“ hält. Im Gegenteil: Er wandert zusammen mit mir durch das dunkle Tal des Bergsteigens. In seiner herzerwärmenden Art geht er mir nicht voraus, sondern klettert Zentimeter für Zentimeter schweigend an meiner Seite. Er erwartet nicht von mir, dass ich einen Zahn zulege oder die Zähne zusammenbeiße, wenn ich mir „beim Laufen“ Blasen und Schrammen zulege; nein, er versorgt meine Wunden, sodass ich irgendwann heil auf der Bergspitze ankomme. Und genau dadurch bin und bleibe ich mächtig hilflos, kräftig schwach!

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Mitten im Frühling

Aufgebäumt

Während ich diese Zeilen schreibe, ziehen die letzten Tage des Wonnemonats Mai an mir vorüber. Ich sehe aus dem Fenster und staune, wie die Bäume in voller Blüte stehen. Das saftige Grün an den Büschen und auf der Wiese tut meinen Augen wohl. Fröhlich zwitschern die Vögel ihre Lieder, wobei sie von der Sonne angestrahlt werden. Und die Menschen, die eilig oder bedächtig vorbeigehen, tragen T-Shirts und kurze Hosen. Ihnen scheint warm zu sein — mitten im Frühling. 

Auf mich färben diese Frühlingsgefühle im Augenblick allerdings kaum ab. Da ich mich — durch meine zusätzlichen Einschränkungen — vorwiegend nur in meinen vier Wänden aufhalten kann, bin ich irgendwie auf November eingestellt. Vor meinen inneren Augen sehe ich förmlich, wie in meinem Herzen Wind aufkommt … Stürme toben … Regengüsse niederprasseln. Ich bin entblättert worden — wie Bäume, die in jener Jahreszeit kahl, nackt und schutzlos dastehen. Wie sie habe ich das Loslassen gelernt … durch so viele Ereignisse, die mich in der letzten Zeit bestürmt haben.

Mein Zimmer wird nur selten von den Sonnenstrahlen erhellt; es ist zur Nordseite ausgerichtet. Somit ist es relativ dunkel. Und da ich — weitgehend — von der Außenwelt abgeschnitten bin, ist es still. Ich lausche in die Ruhe hinein, die ich mir derzeit nehmen muss, um wieder gesund zu werden. Mitten im Frühling spüre ich den Herbst nach.

„Ob die Bäume sich vor wenigen Wochen und Monaten hätten träumen lassen, dass sie jetzt wieder in ihrer vollen Lebenskraft stehen würden?“, frage ich mich insgeheim. Schon damals haben sie ihre Äste zum Himmel ausgestreckt. Und ihre Wurzeln sind fest im Boden erstarkt gewesen. Sie haben majestätisch dem Unwetter und der Dunkelheit getrotzt; sie haben Ruhe bewahrt.

Diesem Bild — diesen Vorbildern, diesen Sinnbildern — möchte ich es gleichtun. Während meiner Novembertage mitten im Frühling möchte ich mein Herz ganz bewusst auf den Himmel ausrichten; ich werfe ihm quasi meine Hoffnung und Erwartungen entgegen. Außerdem stehe ich fest mit beiden Beinen auf dem Boden; ich lasse mich von der Liebe und Standhaftigkeit erden. 

Ja, ich erlebe meine kleine Welt momentan dunkel, trist und kalt. Und dennoch spüre ich, dass ich nicht erfrieren werde, weil „das Leben“ durch meine Adern fließt. In der Stille möchte ich meine Augen schließen und vom Frühling träumen. Denn eines ist sicher: Der November vergeht. Und bis es soweit ist, schöpfe ich — in der Ruhe — Kraft, bis ich mich selbst wieder mitten im Frühling vorfinde und die Zeit reif ist … zum Erblühen!

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Sie schrie stumm nach Hilfe

Als ich vor ungefähr acht Jahren meine „alte“ Gemeinde verließ, wusste ich noch nicht, dass ich eine Art Heimweg antreten würde. Ich ging ohne jede  Ahnung los und landete in der Kirche hier in meinem Wohngebiet, in der ich ein Zuhause fand, weil ich so angenommen wurde, wie ich war. Dabei begegnete ich Menschen, mit denen ich sehr bald ins Gespräch kam. Wir vertrauten uns; wir vertrauten uns vieles an, sodass wir einander Wegbegleiter wurden. Unterdessen sah ich jedoch eine Person auch immer allein sitzen. Sie kam stets zum Gottesdienst, als er bereits begonnen hatte. Und sie war bereits wieder im Aufbruch, nachdem der Pastor den Segen gesprochen hatte. Der Blick von Vanessa — wie ich sie an dieser Stelle nennen möchte — war stets leer, traurig und hilflos. Ihre Körpersprache verriet, dass sie eine schwere Last mit sich herumtrug. Sie schrie stumm nach Hilfe.

Obwohl ich Vanessa jedes Mal beobachtete, und sie sympathisch auf mich wirkte, fühlte ich mich jahrelang nicht fähig, auf sie zuzugehen und Kontakt mit ihr zu knüpfen. Irgendetwas hielt mich innerlich immer davon ab. 

Dann begann, Corona für Wirbel zu sorgen. Der kleine Virus trieb auch uns — als Gemeindemitglieder — in die Isolation. Nur noch wenige Menschen konnten die Gottesdienste vor Ort besuchen; vielmehr verfolgten wir ihn jetzt von Zuhause aus über die Bildschirme. Dementsprechend verlor ich auch Vanessa aus den Augen …

Ich persönlich nutzte die Corona-Krise, um in meinem Seelenhaus einen ausgiebigen Frühjahrsputz durchzuführen. In jeder Ecke der verschiedenen Zimmer räumte ich auf. Ich entfernte nicht nur die Spinnweben und Wühlmäuse, sondern auch das, was im Laufe der Jahre kaputt gegangen war. Dafür schaffte ich mir auch Neues an und stellte etliche Dinge an einen anderen Platz. Irgendwann erstrahlte mein Seelenhaus in einem neuen Glanz.

Mit Gedanken und Gefühlen, die nun vom Staub befreit sind, fahre ich jetzt wieder in unsere Gottesdienste, sodass ich mich freue, auch Vanessa wiederzusehen. Noch immer ist kein Lächeln auf ihren Lippen zu entdecken. Nach wie vor sehen ihre Augen traurig aus. Sie schrie stumm nach Hilfe — noch immer.

Während des Gottesdienstes am vergangenen Sonntag setzte ich mich einfach neben Vanessa. Jetzt zog es mich förmlich zu ihr hin. „Vielleicht können wir ja hinterher zusammen schweigen — oder reden — oder weinen …“, hoffte ich. Schüchtern nahmen wir Blickkontakt auf. Und als der Ton des Segensliedes verklungen war, sprang sie auch nicht gleich auf. Zuerst hielten wir die Stille aus, die sich zwischen uns breitgemacht hatte. Dann wechselten wir einige oberflächliche Sätze, bevor sie — mit feuchten Augen — leise stammelte: „Ich habe sie alle verloren … meine ganze Familie … auf einen Schlag … und werde damit nicht fertig …“

Leise kullerte eine Träne meine Wange herunter. Ich legte meine Hand auf ihre Schulter und flüsterte nur: „Ich auch …“ Und daraufhin sprachen wir stundenlang über das, was wir erlebt und erlitten hatten. 

Ob ich Vanessa im nächsten Gottesdienst wieder begegnen darf …?

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Wie weit die Liebe geht

Wie weit die Liebe geht, erfuhr ich, als ich vor Jahren noch auf dem Weg zur Arbeit war. Jedes Mal durchquerte ich einen wundervollen Park, der — je nach Jahreszeit — seine Schönheit vor meinen Augen auftat. Im Frühling erfreute ich mich zum Beispiel an den Tulpen und Narzissen, die dort auf den angelegten Beeten ihre Pracht entfalteten. Im Sommer entdeckte ich große und kleine Menschen, die in dem Teich badeten und ihren Spaß hatten. Der Herbst entzückte mit seiner Farbenvielfalt an den Bäumen. Und der Winter verzauberte den Park mit seiner weißen Schneelandschaft.

Sommer wie Winter begegnete ich auf der Rücktour einer älteren Dame, die an ihrem Rollator ganz langsam unterwegs war. Ich sah ihr an, dass ihr jeder Schritt wehtat. Aber sie ließ sich irgendwie nicht aufhalten — selbst als sie im Laufe der Zeit immer gebrechlicher wurde. Nach einer Weile begann ich sie zu grüßen. Es interessierte mich von Tag zu Tag mehr, wohin sie ging und was sie motivierte, den relativ langen Weg nicht zu scheuen. Deshalb traute ich mich, sie an einem herrlichen Frühlingstag anzusprechen.

Helga — wie die 82-jährige Dame hieß — spazierte zu ihrem Mann ins Pflegeheim. „Schon eine halbe Ewigkeit liegt er dort!“, verriet sie mir. „Vor neun Jahren hatte er einen Schlaganfall. Anfangs habe ich ihn noch versorgt, bis meine Kräfte immer mehr nachließen … Dann traf mein Paul die Entscheidung, mich zu entlasten und umzuziehen. Seitdem besuche ich ihn jeden einzelnen Tag.“

„Was gibt Ihnen auf diesem beschwerlichen Lebensweg denn die Kraft?“, wollte ich wissen.

„Ach, wissen Sie: Die Zeit, die wir haben, ist so kostbar; sie ist endlich! Das haben wir jeden Tag vor Augen! Das möchten wir jede Minute auskosten …“, entgegnete Helga. „Ich sitze immer anderthalb Stunden am Bett meines Mannes. Ich halte seine liebe Hand und erzähle ihm, was ‚hier draußen‘ passiert. Er kann ja leider nicht mehr sprechen. Aber er hört gern zu, bis er müde wird — und ich auch. Dann mache ich mich wieder auf den Heimweg und freue mich auf den nächsten Tag …“

„Wie weit die Liebe geht!“, staunte ich innerlich.   

Ich unterhielt mich fortan noch öfter mit Helga, bis ihr Paul und letztendlich auch sie in die Ewigkeit gingen. Aber die Erinnerung an ihre Liebe ist hier geblieben; sie lebt in mir und hält mir immer wieder einmal vor Augen, in einen Menschen zu investieren … manchen Leidensweg in Kauf zu nehmen, ein offenes Ohr für ihn zu haben … weil die Liebe recht weit gehen kann!