Mut-Entbrannt 

Mut-Entbrannt

Mut-Entbrannt

Es war im zweiten sogenannten „Lockdown“ der Corona-Pandemie. Vielleicht sollte auch ich eher „Flockdown“ sagen, wie er sarkastisch oder scherzhaft bezeichnet wurde. Genauer gesagt: Als ich am Morgen des 16. Februar 2021 auf den Beinen beziehungsweise auf den Rädern war, fuhr ich zu unserem Wohnzimmerfenster und beäugte argwöhnisch die vielen Schneeflocken, die vom Himmel fielen. Und – ich war dabei keineswegs  mut-entbrannt.

 

Ehrlich gesagt: Die ersten beiden Monate im neuen Jahr waren mir schon immer suspekt. Es lag mir stets schwer auf dem Herzen, dass die Natur ihre vielschichtige Farbenpracht auf das eintönige Grau reduzierte. Und nun war auch noch das Weiß dazugekommen …

 

Für meinen Geschmack gab es diesmal viel zu viel davon, denn der Schnee begrenzte mich – zusätzlich zu meinem Rollstuhl – in meiner Möglichkeit, mich im Freien bewegen zu können.

Außerdem mochten meine Knochen und Muskeln die Kälte nicht. Mehr als sonst trübten sowohl Krämpfe und Schmerzen mein eigentlich recht sonniges Gemüt. Wie bereits erwähnt: Ich war in keiner Weise mut-entbrannt … jedenfalls noch nicht! 

 

Die Schneeflocken tanzten weiter fröhlich vom Himmel auf die Erde. Leise legten sie sich auf den Bäumen und Sträuchern im Vorgarten, auf den parkenden Autos und auf den Straßen nieder, um sich auszuruhen und die Welt in eine Winterlandschaft zu verwandeln. 

 

Als ich am späten Vormittag noch einmal bedächtig nach draußen sah, fiel mir etwas ganz Anmutiges ins Auge: Auf einem unserer Balkonkästen, der nun von einem kleinen Schneeberg bedeckt war, hatten sich zwei kleine Pflänzchen an das Licht gekämpft und kündigten mit ihrem Grün der Hoffnung neues Leben an. „Wie mut-entbrannt die beiden doch sind!“, staunte es tief in mir. „Das sind Hoffnungsträger!“

 

Bei diesem Anblick kam mir sogleich der Zuspruch Gottes in den Sinn: „Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ Zum ersten Mal wurde mir daraufhin so richtig bewusst, dass dieses Versprechen so ziemlich genau zentral in der Bibel stand – nämlich in Jesaja 43,18-19. Und so erkannte ich, was Gott mir in jener Situation sagen wollte: „In der Mitte des Winters, inmitten von Krisen, in der Mitte des Lebens und damit auch in deinem Zentrum – im Herzen – kann ich neues schaffen. Ich bin der Schöpfer, der auch am Anfang alles aus dem Nichts hervorgebracht hat. Und ich bleibe der Schöpfer, der am Ende des Zeitalters eine neue Welt aus dem Nichts erschaffen wird. Darum: Sei offen und sieh genau hin, was ich jetzt tun werde!“

 

Das Eis, welches sich auf mein Herz gelegt hatte, begann zu schmelzen. Meine Seele taute langsam auf. Und so begann ich, hoffnungsvoll nach vorn und auch zurückzuschauen. „Was hatte Gott in meinem Leben nicht schon alles getan, was mich mut-entbrannt werden ließ!“, überlegte ich. 

 

Mir fielen wieder eine Menge Geschichten ein, von denen ich euch im Folgenden erzählen möchte – Geschichten, die nicht die Überschrift tragen: wutentbrannt, sondern mutentbrannt! 

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Wie in einer Schneekugel

Wie in einer Schneekugel

Kennst du Schneekugeln? Das sind die kleinen und größeren runden Glas- oder Kunststoffbälle, in denen in der Regel eine Landschaft, ein Schneemann oder ein Schiff hineingesetzt wurden. Und wenn man das Ding ordentlich schüttelt, wirbelt das Wasser – zusammen mit dem Kunstschnee – alles durcheinander. Gerade für unsere Kinder ist das immer wieder ein Schauspiel, wenn sie beobachten können, wie in einer Schneekugel der Inhalt idyllisch eingeschneit wird.

 

Dieses Bild fällt mir ein, wenn ich an den kleinen Virus denke, der uns allen nunmehr genau seit einem Jahr große Schwierigkeiten bereitet, der unsere ganze Welt auf den Kopf stellt und alles durcheinanderbringt. Nichts ist mehr, wie es vorher war.

Anstatt die Nähe zu Menschen zu suchen, müssen wir Abstand halten. Wir sind angehalten und aufgefordert, FFP2-Masken zu tragen. Kindergärten und Schulen bleiben teilweise oder ganz geschlossen; auf einmal gibt es das Homeschooling. Viele von uns müssen von zu Hause arbeiten und nebenbei die Familie versorgen. Andere bangen um ihre Existenzen, weil sie ihre Geschäfte und Betriebe vorübergehend schließen müssen. Es herrschen mehr Isolation, Einsamkeit, Hilflosigkeit, Trauer und Überforderung als jemals zuvor. Tja, das Leben kommt mir derzeit vor wie eine Schneekugel, in die wir eingeschlossen sind. Und nun wirbeln die weißen Flocken auch noch um uns herum und nehmen uns die klare Sicht und manchmal auch die Luft zum Atmen.

 

Was mich betrifft: Ich sitze auch wie in einer Schneekugel. Denn laut der Nachricht des Gesundheitsamtes habe ich mich am 15. Februar mit Covid-19 infiziert. Anfangs bin ich davon ausgegangen, dass mich nur eine Erkältung, eine Grippe mit Schnupfen und Husten quält. Aber als ich dann meinen Geruchs- und Geschmackssinn verloren habe, bin ich positiv getestet worden. Seitdem durchleide ich – mit mittelschwerer Atemnot, mit Kopf- und Gliederschmerzen, mit Schlappheit – die Quarantäne, die  Isolation. Es ist wie in einer Schneekugel, die gerade kräftig geschüttelt wird, sodass ich irgendwie nur noch das Tohuwabohu in meiner kleinen Welt betrachten kann. 

 

Meine Hoffnung und mein Gebet sind jedoch, dass ich bald genese. Dann bin ich sogar – für ein paar Monate – immunisiert, wodurch ich nicht mehr unter dieser Glasglocke sitzen muss und ein wenig mehr Freiheit als bisher genießen darf. Jedenfalls glaube ich daran, dass Jesus Christus Stürme stillen kann – sogar den Sturm im Wasserglas meiner Schneekugel!

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Geschafft!

Geschafft!

Geschafft! Wir haben es geschafft; meine Freunde und ich waren stärker als die Corona-Viren. Nach fast drei Wochen Quarantäne dürfen wir wieder das Haus verlassen und unter das Volk gehen. Wir sind so froh und dankbar! Denn jetzt ist nur noch unser Lachen ansteckend!

Allerdings sind wir auch noch sehr geschafft. Aus eigenem Erleben kann ich jetzt sagen, dass Corona noch viel mehr Begleiterscheinungen mit sich bringt als eine Grippe – auch nach der Isolation. Aber wir haben, ich habe das Schlimmste geschafft!

 

~ ~ ~

 

Sich wochenlang nur in den eigenen Wänden aufhalten zu können, war schon eine Herausforderung – für mich. Denn eigentlich liebe ich meine Freiheiten. Aber nun hatte Gott mich angehalten. Ich durfte – im doppelten Sinne – für eine gewisse Zeit „aufhören“. Zum einen konnte ich aufhören, etwas für meine Mitmenschen zu tun. Und zum anderen durfte ich aufhören … lauschen auf das, was Gott – das Leben – mir zu sagen hatte. Deshalb wollte ich gern innehalten. Gott schenkte mir – durch die zusätzliche Erkrankung – quasi die nötige Ruhe, um mich wieder einmal ganz intensiv bei mir selbst aufzuhalten. Denn eins hatte ich im Laufe der Zeit begriffen: Wenn ich mich nicht liebe, kann ich auch keinen Mitmenschen lieben; wenn ich mich selbst verliere, verliere ich den anderen.

Demzufolge wollte ich meine Gedanken und Gefühle aushalten, die mich in diesen dunklen Tagen bewegten: die Angst, an Corona eventuell sterben zu können … die Scham, dass ich überhaupt betroffen war … die Ohnmacht, nichts tun zu können, um den Krankheitsverlauf zu verbessern … die Enttäuschung, dass ich mich infiziert hatte, obwohl ich stets vorsichtig war. Ich wollte diese Emotionen ganz bewusst nicht zurückhalten. Denn wenn ich sie zuließ, ließ ich sie letztendlich los. Und so kam es auch – zumal es allmählich gesundheitlich bei mir wieder aufwärts ging. 

 

Irgendwann fühlte ich, dass Gott noch mehr auf dieser Erde für mich bereithalten wollte. Wie erleichtert ich doch war! Aber da ich mich von meiner Außenwelt immer noch fernhalten musste, überlegte ich mir stillschweigend, wie ich mich künftig verhalten wollte. Denn eins war mir innerhalb meines Krankheitsprozesses sehr deutlich geworden: „Das Leben mit Corona“ zeigte nur, wie wir „das Leben ohne Corona“ bislang oft gestaltet hatten. Schon bevor der kleine Virus unsere große Welt auf den Kopf stellte, trugen wir immer wieder einmal Masken – natürlich unsichtbar. Der eine hat seine unangenehmen Gefühle zurückgehalten, wenn man ihn fragte: „Wie geht es dir?“ Und der andere hat permanent seine Meinung für sich behalten. Der eine wollte mehr darstellen, als er in Wirklichkeit war. Und der andere versuchte in seinem Bereich durchzuhalten, obwohl ihm längst die Kraft dazu fehlte.

 

Überdies suchten wir Menschen schon immer den Abstand, wenn wir die Art oder die Ansicht unseres Gegenübers nicht teilten. Anstatt sich miteinander auseinanderzusetzen, setzten sich viele lieber auseinander und saßen dann notgedrungen zwischen den Stühlen. „Das Leben nach Corona“ bietet uns die einmalige Chance, wieder zusammenzurücken, uns ungeschminkt und ohne Masken zu begegnen und nicht weiterhin nach dem Motto zu handeln: „höher … schneller … weiter“, sondern uns ganz allmählich auf „tiefer … langsamer … näher“ einzustellen. 

 

Es kommt immer darauf an, welche Einstellung, welche Haltung wir einnehmen wollen. Ich – für meinen Teil – möchte jetzt schon mehr und mehr versuchen, mein Verhalten zu überdenken und meine Verhältnisse zu ändern, weil Gott mein ganzer Halt ist. Er ist die Liebe in Person, und er wünscht sich nichts sehnlicher von mir, als dass ich die Liebe, die er mir schenkt, an andere Menschen weitergebe. 

 

Aus lauter Liebe und Dankbarkeit, weil ich mit Gottes Hilfe schon so vieles geschafft habe, möchte ich diejenigen unter uns gern weiterhin ganz ehrlich und hautnah ermutigen – auf die Art und Weise, mit der ich das am besten kann: mit Worten, die zu Taten werden! 

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Das Fest der Sinne

Das Fest der Sinne

Ich entsinne mich noch gut: Es war eigentlich gar nicht in meinem Sinn, dass ich – durch meine Corona-Erkrankung und die notwendige Quarantäne – wochenlang das Bett und das Haus hüten musste. Wie sehr sehnte ich mich danach, wieder fit zu sein und ins Freie zu dürfen! Natürlich wünschte ich mir  – in meinem stillen Kämmerlein – das Fest der Sinne in der Natur wieder herbei. Dabei halfen mir jeden Morgen die kleinen, treuen Vögelchen auf den Bäumen vor meinem Schlafzimmer. Schon im Dunkeln kündigte mir ihr Gezwitscher an, dass der Tag kommen würde…

 

Am 6. März 2021 war es dann soweit: Das Gesundheitsamt gab grünes Licht, dass ich wieder ins Grüne durfte. Sofort machte ich mich auf… Es war ein herrlicher Wintertag. Der Schnee war längst weggetaut. Es war kalt. Dennoch roch es nicht nur nach Frühling, sondern die ersten Boten kündigten auch an, dass Neues wuchs: Krokusse, Winterlinge oder auch Schneeglöckchen. Meine Augen konnten sich an ihrem Liebreiz gar nicht sattsehen. Dann schaute ich auf zum Himmel, der mit seinem intensiven Blau all meine Sinne durchdrang. Die Wolken kamen mir wie sanfte, schneeweiße Wattebällchen vor. Und die Sonne strahlte mich so freundlich an, als ob sie sich zu freuen schien, mich nach langer Zeit endlich wiederzusehen. Alles war so hell, so wunderschön, so lebendig; es war das Fest der Sinne.

Mittags kam uns in den Sinn, uns etwas aus unserem Lieblingsrestaurant zu  bestellen. Was war das doch für eine Gaumenfreude, wieder etwas riechen und schmecken zu können. Das Essen und die erste Tasse Kaffee nach der Krankheit zergingen uns förmlich auf der Zunge. Die Geschmacksknospen blühten – nach dem Winterschlaf – regelrecht auf. Beim Nachtisch fragte ich mich leise: „Kann das Leben nicht immer so sinnlich schön sein?“

 

Später konnte ich mich darauf besinnen, dass meine fünf Sinne nur so geschärft wurden, weil ich wochenlang krank war … nicht aus dem Haus konnte … keinen Appetit hatte … nicht mehr am Leben teilnehmen konnte und – als Risikopatientin – bereits ein Jahr lang Angst davor hatte, mich mit Covid-19 zu infizieren. „Wahrscheinlich braucht es hin und wieder diesen Kontrast!“, wurde mir wieder deutlich. 

  • Wenn ich niemals krank wäre, wüsste ich die Gesundheit gar nicht zu schätzen. 
  • Wenn ich mich niemals von Menschen verabschieden müsste, würde ich mich auch keineswegs auf das Wiedersehen freuen.
  • Wenn ich nur in der Sonne säße, hätte ich niemals die Chance, über meinen eigenen Schatten zu springen.
  • Wenn ich niemals Tränen vergießen müsste, könnte ich das Lachen nicht genießen. 
  • Wenn ich keinen Zerbruch erleben würde, gäbe es keine Möglichkeit für einen Neubeginn. 

Wie oft entsteht auch in mir der Wunsch, ein sorgenfreies, ein unbeschwertes, ein einfaches Leben zu führen. Aber das kann ich mir aus dem Sinn schlagen, weil ich nun einmal hier auf Erden und noch nicht im Himmel bin. 

 

Die Kunst, das Fest der Sinne trotzdem zu feiern, besteht allerdings darin, inmitten von Krankheit, Krisen und Konflikten „einen Riecher“ für das Schöne zu bekommen. Ich kann lernen, „die Augen offenzuhalten“ oder „die Ohren zu spitzen“ – für das, was das Leben dennoch „schmackhaft“ macht. Für mich werden die vermeintlich kleinen Dinge eine große, eine großartige Sache: ein Blumenstrauß, eine Nougatpraline, ein gutes Buch, eine Massage, meine Lieblingslieder oder nicht zuletzt ein von Sinn erfülltes Gespräch mit Freunden, das kostbar und ermutigend ist… Ich möchte mich daran jedenfalls mehr und mehr „herantasten“, damit ich – in diesem Sinne – auch „die Freude im Leide“ entdecke!

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Das Leben ist kein Spaziergang

Das Leben ist kein Spaziergang

„Das Leben ist kein Spaziergang!“ Würdest du mit dieser Aussage mitgehen? Einen Spaziergang, bei dem wir ganz bedächtig durch einen Wald oder am Meer die Natur genießen … Atem holen … Zeit haben … Kraft schöpfen, machen wir ja normalerweise nicht alle Tage. Wir kommen meistens nur an den Wochenenden, an Frei-Tagen oder nach Feierabend dazu. Es ist eher gang und gäbe, dass wir am Rennen sind. Denn wir müssen die Wohnung, den Garten oder die Firma am Laufen halten. Wir gehen darin auf, uns für die Kinder, für die Eltern, für Freunde, für den Verein oder die Kirchgemeinde einzusetzen… In dieser postmodernen Zeit wollen viele von uns mit der Mode, mit der neusten Technik, mit den Leistungen und Erfolgen anderer Menschen Schritt halten. Und – natürlich möchten etliche unter uns in den Social Media ständig auf dem Laufenden sein. 

 

Das Leben ist kein Spaziergang – ganz wahrhaftig nicht! Aber unser Leben ist eine Reise. Von unserem ersten Schritt bis zu unserem letzten Gang sind wir auf dem Weg. Wir durchwandern den Kindergarten, die Schule, eine Ausbildung; wir ziehen aus, um den Partner und Freunde für das Leben zu finden. Manch einer unter uns steigt die Karriereleiter herauf. Er macht dabei auch riesige Fortschritte, aber oft genug verliert er sich irgendwann selbst. 

Auf der Reise durch unser Leben durchlaufen wir Phasen, die uns ohne besondere Vorkommnisse voranbringen. Wir begegnen – auf Schritt und Tritt – nur lieben Menschen, die unsere Wege ebnen. Alles läuft wie am Schnürchen. Der Mut ist unser Wegbegleiter; die Zuversicht geht uns voran; uns folgt das Glück auf dem Fuße. Keine Kurve bremst uns aus; es geht schnurstracks geradeaus. Aber dann gibt es auch Zeiten, die uns noch lange nachgehen. Wir lernen Durststrecken kennen; nur selten finden wir etwas zu trinken. Wir verirren uns in Sackgassen und müssen umkehren. Wenn uns Steine auf den Weg gelegt werden, gelingt es uns nicht, aus ihnen etwas Prächtiges zu bauen. Wir stolpern; wir stürzen und schürfen uns dabei die Knie auf. Uns fehlt fast die Motivation, wieder aufzustehen und die Zielgerade in den Blick zu nehmen. Doch nach einer Erholungspause gehen wir – meistens – gescheiter weiter…

 

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„Das Leben ist kein Spaziergang!“ Für mich persönlich ist es auch höchstens nur eine Spazierfahrt. Denn seit über 35 Jahren sitze ich im Rollstuhl. „Rolle vorwärts!“, lautet also schon eine ganze Weile mein Motto, obwohl Stufen, Treppen, Kopfsteinpflaster oder Bordsteinkanten Hindernisse für mich darstellen und obwohl ich viele Einschränkungen in meinem Rucksack mit mir trage. Eine lange Meile litt ich unter dem, was mir wiederkehrend widerfährt. Aber Schritt für Schritt habe ich erfahren, dass ich genau so aktiv sein kann wie jeder Mensch, der den Lebensweg auf seinen zwei Beinen beschreitet. Denn wirkliche Beweglichkeit beginnt im Kopf! Wenn ich nicht die Freiheit habe, meine Umstände zu ändern, bleibt mir doch die Freiheit, meine Einstellung zu den Umständen zu ändern. Und so bin ich gern auf meinen vier Rädern unterwegs… Manchmal lande ich natürlich auch auf dem Holzweg, auf dem ich „den Brettern“ jedoch eine neue Bedeutung für meine Welt geben kann… Mein Leben ist ohne Zweifel eine Berg- und Talfahrt, auf der ich mich befinde. Aber – es ist auch der Heimweg, der mich ans Ziel führt. Dort kann ich mich einst von Schlaglöchern, „schiefen Ebenen“ oder „abgefahrenen Situationen oder Begegnungen“ auf ewig verabschieden – und das bewegt mich heute schon so sehr, dass ich in Bewegung bleiben möchte… 

 

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Der Sonnenschein

Der Sonnenschein

Der Pastor aus der Baptistengemeinde, in der ich fast 30 Jahre ein Mitglied war, nannte mich ganz oft: „Sonnenscheinmädchen“ – nicht nur, weil ich früher gern gelbe Oberteile trug, sondern auch, weil ich irgendwie ständig mit einem Lächeln auf den Lippen unterwegs war. Und unabhängig davon war und bin ich bis heute für meine besten Freundinnen „der Sonnenschein“. Manche sagen auch ganz einfach „Sonne“ zu mir… Demnach strahle ich scheinbar etwas Lebendiges, etwas Helles, etwas Warmherziges aus. So ganz genau weiß ich bis heute nicht, was meine Umwelt in mir wahrnimmt, denn ich sehe mich ja schließlich von innen! Meine Schattenseiten kenne ich wohl besser als jeder andere Mensch. Und deshalb habe ich auch die Situationen aus meinem Leben vor Augen, in denen „der Sonnenschein“ in mir ganz allmählich seine Strahlkraft verlor. 

 

Wer von euch meine Biografie „Nicht auf den Kopf gefallen, oder?!“ gelesen hat, weiß, dass ich innerhalb von acht Jahren sechs meiner Familienangehörigen verloren habe. Dadurch fiel ich unsanft aus allen Wolken. Als ein Verwandter auf dem Sterbebett dann noch andeutete, warum ich körperlich behindert bin, fing es in meinem Herzen kräftig zu regnen an.

Lange beobachtete ich von innen die Regentropfen, die manchmal sacht und manchmal heftig an die Scheibe meiner Seele klopften. Aber ich machte mir nicht bewusst, was sie zum Ausdruck bringen wollten. Ich strahlte stattdessen nach außen … heiter … weiter. 

 

Öffentlich versuchte ich, Menschen – nach wie vor – Mut zuzusprechen und zeigte dabei ein lachendes Gesicht… Weitere Misserfolge ließen nicht auf sich warten: Absagen von Verlagen auf eingereichte Manuskripte, enttäuschende Begegnungen mit Menschen, Diskriminierungen und auch Übervorteilungen… In meinem Herzen gesellte sich zum Regen auch noch der Wind hinzu – Gegenwind von außen und aus den eigenen Reihen… Als dann vor einem halben Jahr noch ein persönlicher Schicksalsschlag hinzukam, verwandelte sich der Regen in mir in einen ungemütlichen Schneesturm, der mein Herz einfrieren ließ. Es wusste allmählich nicht mehr, wofür es überhaupt noch schlug… Aber ich hörte seine leise, flehende Stimme, die mir deutlich machte: „Ich möchte wieder Feuer fangen, erwärmt werden, brennen…“ 

 

Insofern suchte ich mir Hilfe. Der Sinncoach und Songpoet Andi Weiss ist von Anfang an mit seiner warmherzigen und einfühlsamen Art wie eine Sonne für mich gewesen, der mein Herz nach und nach vom Eis befreit. So ganz allmählich taut es wieder auf… Und heute bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich künftig nur noch „der Sonnenschein“ für Menschen sein möchte. Mein Sein hat doch noch so viele andere Facetten. Vielleicht ist es auch gut, ab und an zum Regen zu werden, der das Land und andere Herzen befeuchtet. Auch der Wind ist wichtig, weil er Staub aufwirbelt; er kann sich zum Aufwind, zum Rückenwind für die Umwelt entwickeln. Ja, und selbst der Schnee wärmt den Boden und lässt die Natur zur Ruhe kommen, damit sie neue Kraft schöpfen kann, um nach dem Winterschlaf das Frühlingserwachen zu ermöglichen… 

 

Wie dem auch sei: Ich bin so froh und dankbar, dass ich mit Andi Weiss jede Wetterlage meines Herzens beleuchten darf. Und genau deshalb ist mir sonnenklar geworden: Durch die Wolkendecke bahnt er sich immer wieder einen Weg: „der Sonnenschein“! 

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Mehr als die Summe deines Nichtkönnens

Mehr als die Summe deines Nichtkönnens

„Du bist mehr als die Summe deines Nichtkönnens!“ Ist diese Aussage für  dich eine Milchmädchenrechnung oder etwas Wunderbares, auf das du zählst?

 

                                                          ~ ~ ~

 

Es liegt nun tatsächlich schon 25 Jahre zurück, dass ich auf die Bibelschule ging – mit der Zusage im Gepäck, dass ich mit Gottes Hilfe und Wohlwollen stets rechnen konnte. Und so machte ich mich auf den Weg – voller Vorfreude … voller Wissensdurst, mehr über die Bibel zu erfahren … voller Hunger nach Leben. 

 

Damals ging ich davon aus, dass die fremden Kursteilnehmer – acht an der Zahl – dazu gern bereit waren, mir im Alltag die Unterstützung zu geben, auf die ich so dringend angewiesen war. Aber ich hätte von Vornherein damit rechnen müssen, dass alle ihre Vorgeschichte mitbrachten, dass alle auf irgendeine Art hilfsbedürftig waren und dass alle sowohl Möglichkeiten als auch Grenzen hatten.

Wir lernten damals das Einmaleins des Glaubens „mit allen vier Grundrechenarten“. Jesus Christus selbst war unser Plus zum Leben, das unser Minus auffüllte. Und durch ihn lernten wir auch, dass wir jedes Mal reicher wurden, wenn wir zum Teilen bereit waren. Doch – oft genug gelang uns die Umsetzung nicht richtig, was ich hautnah zu spüren bekam. Denn häufig stand ich ganz allein da; nicht selten wurde ich vergessen… Es gab so viele Situationen, in denen ich mich hängengelassen fühlte. 

 

Einen Nachmittag werde ich wohl niemals wieder vergessen. Ich war es so leid, ständig hilfsbedürftig zu sein; ich sehnte mich danach, in meinem Denken und Leben nicht mehr gebunden zu sein. Demzufolge fuhr ich in meinem Rollstuhl zum Kleinen Wannsee. Während ich traurig am Bootssteg über die Situation nachdachte, kamen plötzlich meine Gefühle in Fluss; ich musste weinen. Und je mehr Tränen über mein Gesicht liefen, desto befreiter fühlte ich mich. Irgendwann war meine Seele so ruhig wie der vor mir liegende See. Und so vernahm ich mit einem Mal die Worte: „Du bist mehr als die Summe deines Nichtkönnens!“ Zuerst schaute ich mich verwirrt um, ob ein Mensch mir das zugesprochen hatte. Aber da war niemand, sodass ich wusste, dass diese Wahrheit in mir lebte und dass sie sich gerade Gehör verschafft hatte. 

 

„Ich bin mehr als die Summe meines Nichtkönnens!“ Diesen Gedanken ließ ich ganz tief in mein Herz sickern. Ich verinnerlichte ihn förmlich, sodass ich mich fortan auf mein Potential konzentrierte. Und – irgendwie veränderte das etwas – an meinem Verhalten mir selbst gegenüber und dem Verhältnis zu meinem Umfeld. 

 

In einer stillen Stunde erzählte ich den Bibelschullehrern und meinen Mitbewohnern von meinem Erleben. Wir kamen ganz offen und ehrlich miteinander ins Gespräch, wobei wir alle nicht nur über unser Unvermögen nachdachten, sondern auch über die Möglichkeiten, die sich uns boten. Das schweißte uns schließlich richtig zusammen, sodass wir uns fortan mehr förderten – und herausforderten. Am Ende kamen wir auf den gemeinsamen Nenner: Jede und jeder von uns ist mehr als die Summe des Nichtkönnens!

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Gesund geliebt

Gesund geliebt

Ich hatte einmal einen Vogel — einen kleinen Wellensittich. Vor ungefähr 25 Jahren wurde er ganz verängstigt, total abgemagert und krank bei mir zu Hause eingeflogen. Damals hätte ich mir noch nicht vorstellen können, dass ich so viel Freude mit ihm haben würde, nachdem ich ihn gesund geliebt hatte! 

 

~ ~ ~

 

Peppi — wie ich ihn nannte — war erst drei Monate alt. Aber er ließ schon mächtig seine Flügel hängen. Bis dahin saß er mit zwei Artgenossen zusammen in einem Käfig, die unermüdlich auf ihm herumhackten und futterneidisch waren. Als seinem Besitzer auffiel, dass er tierisch litt, flog er bei den anderen wieder heraus. Er landete in einem kleinen Bauer, der in einem abgelegenen Raum stand. Damit war die Angelegenheit offensichtlich abgeschlossen. Fast eine Woche wurde Peppi nämlich vergessen, sodass weder sein Fressen noch sein Trinken erneuert wurde. Auch fand er keine Nestwärme. Kein Wunder, dass er eine Menge Federn ließ. 

 

Als ich den Besitzer, der übrigens ein guter, ein gutherziger Freund von mir war, wieder einmal besuchte, entdeckte ich den Kummer in der Kammer. Ich bekam Mitleid mit dem armen Tier und bot an, das Vögelchen von nun an unter meine Fittiche zu nehmen. „Kannst du gern machen, aber dieser Wellensittich wird nicht mehr zahm. Das solltest du wissen. Nur wenn man sich in den ersten Lebenswochen viel mit ihm beschäftigt, wird er zutraulich!“, meinte der Experte.

Irgendwie wollte ich das nicht hinnehmen. Peppi sollte gesund geliebt werden! Also kaufte ich ihm erst einmal einen größeren Käfig; ich besorgte Spielzeug für ihn; er bekam Aufbaufutter. Doch anfangs traute er mir in keiner Weise über den Weg. Wenn ich ihm — trotz guten Zuredens — mit irgendwelchen Leckerbissen die Hand reichen wollte, zeigte er mir die Krallen oder schimpfte wie ein kleiner Rohrspatz mit mir. Von Fortschritt konnte leider nur die Rede sein, weil Peppi immer fortschritt, wenn ich ihm entgegenkam.

 

Trotzdem gab ich nicht auf. Im Gegenteil: Ich nahm mir ganz viel Zeit für Peppi. Jeden Tag sang ich: „Kommt ein Vogel geflogen …“ Ich redete ihm gut zu oder las ihm aus der Zeitung vor. Mit Grünfutter versuchte ich, ihn weiterhin anzulocken. Und – siehe da, nach einem guten Vierteljahr flog er förmlich auf mich ab.

 

Seitdem erzählte Peppi mir eine Menge aus seinem Leben — gerade wie ihm der Schnabel gewachsen war. Aus voller Kehle zwitscherte er mit, wenn das Radio spielte. Er lief auf Tischen und Schränken herum, (wobei er deutliche Spuren hinterließ). Desgleichen kaute er mir förmlich das Ohr ab, während er auf meiner Schulter saß. Und — Petersilie oder Vogelmiere fraß er mir problemlos aus der Hand. Durch ein bisschen Herz und Hirn hatte ich ihn einfach nur gesund geliebt, sodass der kleine Spaßvogel noch neun schöne Lebensjahre genoss! 

 

~ ~ ~

 

Ich frage mich: Wem kann ich mich heute zuwenden, weil er meine Zuwendung braucht? Es gibt ja so viele komische, kranke oder einsame Vögel, die Federn gelassen haben. Und damit meine ich nicht nur die Lebewesen in der Tierwelt. Gerade in dieser Krise sind viele Menschen einsam; sie fühlen sich eingesperrt wie in einem Käfig. Andere haben Artgenossen, die ständig auf ihnen herumhacken. Und wiederum hungert doch jede und jeder von uns nach Liebe, nach Leben, nach Licht …

 

In den seltensten Fällen kommt mir die flügellahme Person ins Haus geflattert; ich darf mich aufmachen, Ausschau nach ihr halten und ihr entgegengehen. Vielleicht werde ich nicht gleich mit offenen Armen empfangen. Manche Menschen brauchen einen Vorschuss an Vertrauen, bis sie mir trauen. Aber eins steht fest: Wenn ich ein wenig Zeit, ein wenig Herz und Hirn in sie investiere, werden sie — in den meisten Fällen — nicht nur gesund geliebt, sondern sie beschenken mich auch überreich. 

 

Sodann bin ich jetzt bereit — für den Abflug, für den Ausflug … 

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Das Wunder der Auferstehung

Das Wunder der Auferstehung

Das Wunder der Auferstehung — ich wusste bis vor einem Jahr noch nicht, dass ich das auch „durch die Blume“ erleben kann! Während der Karwoche 2020 kaufte meine Freundin nämlich einen Strauß Tulpen und dekorierte ihn hübsch auf unserem Esstisch. Wir strahlten wie ein Primelpott. Denn er brachte nicht nur Farbe in unsere Wohnung, sondern auch in unsere Herzen.

 

Doch schon zwei Tage später wiesen zwei Stängel kleine Mängel auf: Sie ließen ihre Köpfe hängen! Meine Freundin war mindestens so geknickt darüber wie die Tulpen selbst. „Guck mal!“, meinte sie zu mir. „Schade, davon werden wir aber nicht lange etwas haben!“

 

Ich pflichtete ihr bei und bat sie — während des Mittagessens — noch, ein Foto von dem Strauß aufzunehmen. „Das Bild werde ich bestimmt noch einmal für eine Geschichte gebrauchen können!“, erklärte ich ihr.

 

Anschließend legte ich mich hin und machte ein kleines, feines Nickerchen. 

 

Als ich ungefähr eine Stunde später wieder richtig hellwach ins Wohnzimmer kam, lächelte mich meine Freundin an. Wieder sagte sie: „Guck mal!“, wobei sie auf den Blumenstrauß zeigte. 

 

Die beiden Stängel waren doch tatsächlich dabei, sich wieder aufzurichten. Ich staunte nicht schlecht über das Wunder der Auferstehung und fragte nach, wie das passieren konnte.

„Gut, dass du mich gebeten hast, ein Foto von den Tulpen zu machen!“, erklärte meine Freundin mir. „Denn dadurch habe ich gemerkt, dass sie einfach nur Durst hatten. Die Vase war fast leer. Aber nun habe ich Wasser nachgefüllt und siehe da …“

 

~ ~ ~

 

Lange dachte ich noch über dieses anschauliche Bild nach: Es waren „nur“ Blumen, die von ihrer Wurzel abgeschnitten und längst tot waren. Und dennoch brachten sie noch einmal die Kraft auf, sich aufzurichten und uns zu erfreuen, als wir die nötigen Bedingungen dafür geschafft hatten. Wenn das nicht ein kleines, vorübergehendes Wunder der Auferstehung war!

 

Gerade wenn ich geknickt bin, weil ich Durststrecken erlebe, darf ich mich versorgen lassen von dem, der gesagt hat: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ (Johannes 14,19) Denn er gibt mir Halt; er gibt mir ein festes und unerschütterliches Fundament; er richtet mich immer wieder auf, wenn ich mich auf ihn ausrichte. Und seine Kraft zieht mich nach oben … 

 

Ganz konkret erlebte ich das gestern auf dem Friedhof. Ich stand wieder einmal am Grab eines Menschen, der viel zu früh von dieser Erde gehen musste. Zuerst dachte ich noch über seinen langen Leidensweg nach … über verpasste Chancen … über die Schocknachricht seines Ablebens. Ich ließ — im wahrsten Sinne des Wortes — den Kopf hängen. Dadurch sah ich natürlich nur auf die Schatten des Todes. Doch plötzlich bahnte sich die Sonne einen Weg durch die Wolkendecke. Ich sah intuitiv nach oben und wurde förmlich angestrahlt, als ob „jemand“ meine Gedanken erhellen wollte. Und dann kam die Erinnerung zurück, warum ich eigentlich an diesen Ort gekommen war. Ich spürte die Blumen in meiner Hand. Nein, es waren keine Tulpen, sondern Osterglocken, mit dem ich dem geliebten Gotteskind, das hier ruhte, meine Ehre erweisen wollte. Denn mir war bewusst geworden, dass — durch Ostern — auch für diesen Menschen längst die Glocken geläutet hatten; eine neue Ära war für ihn eingeläutet worden, weil er fortan in einer besseren Welt leben durfte … ganz ohne Schmerzen, ohne Leid, ohne Tränen. Er hatte das Wunder der Auferstehung bereits erlebt … In dieser Gewissheit richtete Gott mich — ganz unverblümt — auf, sodass ich selbst wieder lebendig aufblühen konnte! 

 

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Heute Morgen

Heute Morgen

Heute Morgen hatte ich ein wenig Zeit für mich. Und so setzte ich mich in meinen Rollstuhl und fuhr wieder einmal an meine Lieblingsstelle. Beim Warnowufer in Rostock konnte ich im Grunde immer Kraft sammeln … für die Herausforderungen, die mich an diesem Tag erwarteten. 

 

Da stand ich nun und sah in den wolkenlosen Himmel und auf das Wasser, das mich heute Morgen ganz ruhig begrüßte. Irgendwie bot mir das Bild, das mir hier vor Augen gemalt wurde, eine so wohltuende Stille an, dass ich recht bald den Lärm in meinem Herzen spürte. Mit einem Mal sah ich mich schon im Büro meines Pastors sitzen, mit dem ich anderthalb Stunden später einige wichtige Dinge zu besprechen hatte. Dann war ich auch gedanklich beim Zahnarzt, der am Nachmittag eine Wurzelbehandlung bei mir vornehmen musste. Und für den Abend bereitete ich innerlich vieles für das Seelsorgegespräch vor, dass ich mit einer Bekannten führen sollte …

Aber mein Gedankenkarussell drehte sich auch dann noch weiter und setzte mich in die Achterbahn der Gefühle … Plötzlich erinnerte ich mich an Dinge aus meiner Vergangenheit, die mich traurig gemacht hatten … Dann wanderten Zukunftspläne durch meinen Kopf. Und nicht zuletzt buchstabierte schon durch, worüber ich demnächst etwas schreiben wollte. Mit einem Wort: Ich war im Morgen und genoss in keiner Weise den Morgen, der mir heute — als einzigartiges Geschenk — vor die Füße gelegt worden war. 

 

Auf einmal sah ich jedoch, wie die Sonne erwachte und nicht nur ganz allmählich Licht in das Dunkel dieser Welt brachte, sondern auch in mein Herz. Es ging förmlich auf — bei dem Anblick des gelben Feuerballs, sodass ich endlich wieder im Hier und Jetzt ankam. Nur dieser Augenblick zählte — das leuchtete mir heute Morgen ein. Und so nahm ich auf einmal bewusst wahr, wie majestätisch sich die Schwäne über das Wasser bewegten, wie eine Ente seelenruhig ihr Gefieder putzte, wie Möwen sorglos über mir ihre Kreise zogen … 

 

Das Verhalten der Tiere wurde für mich zu einem Bild … zu einem Vorbild … zu einem Sinnbild. Denn in der Stille des Moments ruhten sie völlig in sich — auch wenn mir klar war, dass sie das nur aus ihrem Instinkt heraus taten. Sie  waren total in ihrem Element; sie waren ganz bei sich; sie waren mit sich eins. Und das konnte ich heute Morgen auch werden, weil ich mich jetzt ganz bewusst dafür entschied, in dem Augenblick die Ruhe zu feiern. Ich durfte mich sammeln — all das einsammeln oder zusammensammeln, was sich in meinem Herzen vereinen wollte: Kraft, Mut, Liebe, Frieden und auch die Schönheit. Auch konnte ich loslassen, was sich an Schmerz, an Enttäuschung, an Versagen oder Belastung in mir angesammelt hatte. Mir war die Möglichkeit gegeben, ganz ich selbst zu sein und mich Gott vollkommen hinzugeben. Und so atmete ich heute Morgen die Leichtigkeit des Seins „von Heute“, vom Hier und Jetzt förmlich ein, um für manche schwere Aufgabe ausgerüstet zu werden, die in nächster Zeit, die „Morgen“ auf mich zukam!

Mut-Entbrannt    Mut-Entbrannt    Mut-Entbrannt    Mut-Entbrannt    Mut-Entbrannt    Mut-Entbrannt    Mut-Entbrannt    Mut-Entbrannt    Mut-Entbrannt    

Es piepte leise, aber beständig

Es piepte leise, aber beständig

Ich lag im Vorgarten auf unserer Terrasse und badete in der Sonne, in der Ruhe, im Glück. Es war ein herrlicher Frühlingstag im März 2021 und es piepte leise, aber beständig … Nein, mein Handy wies mich auf keine neue Nachricht hin. Auch das Telefon im Wohnzimmer meldete sich nicht. Und sowohl der Fernseher als auch das Radio waren still.

Die zarten Geräusche zogen meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich öffnete die Augen, hob den Kopf und schaute mich um. Es dauerte eine Weile, bis ich das Nest auf unserem Vogelhäuschen in der Zypresse wahrnahm. Tatsächlich war es bewohnt. Amseln hatten sich hier eingenistet. Während die Jungen unermüdlich um ihr Leben piepten, schafften die Eltern im Eiltempo Nahrung heran.

 

So wuchsen die jungen Amseln heran. Es piepte leise, aber beständig weiter. Und irgendwann sah ich sogar die Schnäbelchen, die sich kraftvoll nach dem Futter ausstreckten, das ihnen permanent zugetragen wurde. Ich staunte innerlich über diese Emsigkeit: „Wie sehr diese kleinen Tiere doch nach dem Leben hungern …“, überlegte ich. „Sie wollen groß und stark werden, um irgendwann aus dem Nest zu kommen, um die Flügel auszustrecken, um zu fliegen — mit allen Annehmlichkeiten und mit allen Schwierigkeiten!“ 

Tja, es piepte leise, aber beständig. Doch — inzwischen ist das Nest längst leer. Die kleinen Amseln sind flügge geworden. „Und ich …?“, dachte ich bei mir selbst. „Reicht es mir, ein Nesthocker zu sein? Oder möchte ich auch meine Flügel ausstrecken und in allen Herausforderungen, die das Leben mit sich bringt, über mich hinauswachsen? Möchte ich bewusst erwachen und damit erwachsen werden, um meiner Berufung gemäß zu handeln? Fliege ich noch auf neue Abenteuer ab?“

 

Ich glaube, dass es sinnvoll ist, die Welt immer wieder einmal „aus der Vogelperspektive“ zu betrachten … von oben … mit den Augen des einen, der sie geschaffen hat. Ja, es ist so ein unglaublich großes Geschenk, um ein Zuhause zu wissen, in dem ich fühlen kann, dass ich ganz ich selbst sein darf. Hier muss ich andern und mir nichts vormachen. Ich darf lachen und weinen; ich darf hungern und alles satt haben; ich darf mich schöpferisch ausprobieren und völlig erschöpft sein; ich darf meinen Mitbewohnern erzählen, dass ich auf die Nase gefallen bin und ich darf mit ihnen zusammen überlegen, wie ich wieder auf die Füße falle. Hier darf ich für mich sorgen und hier darf ich mich versorgen lassen. Ja, und dann kann ich mit dieser Nestwärme meine Türen öffnen, um mich in der Welt außerhalb von mir um ein wenig „Werterwärmung“ zu kümmern — mit dem, was ich ganz persönlich mitbringe.

 

In meinen Augen fliegen Vögel als besondere „Erinnerungsstücke“ für uns Menschen durch die Welt. Ihr Auftrag ist es, uns immer wieder ins Gedächtnis zu rufen … zu piepen … zu singen, dass jeder und jede unter uns viel kostbarer ist als alle Sperlinge zusammen. Das dürfen wir weitersagen. Wir dürfen uns „dem Leben“ anvertrauen; wir dürfen als Geliebte lieben; wir dürfen uns als Beschenkte  verschenken. Und wenn wir dabei Federn lassen müssen oder flügellahm werden, dann dürfen wir „das Leben“ wieder ganz in Ruhe einatmen. Dadurch spüren wir allmählich, wie wir neue Kraft bekommen, sodass wir aufsteigen mit Flügeln wie Adler. Da oben — in den Lüften — bekommen wir auch einen Blick, einen Einblick, einen Ausblick dafür, dass wir niemals allein sind. Denn „das Leben“ versorgt uns mit dem, was wir wirklich brauchen. Und wir sorgen für diejenigen, die es uns anvertraut. 

 

Ich möchte von den Vögeln — und speziell von den Amseln — lernen; ich möchte es ihnen gleichtun. Es piepte leise, aber beständig durch sie in meinem Vorgarten. Denn sie hatten ein Haus gefunden und gleichzeitig ein Nest für ihre Jungen. Sie taten alles, um sie großzuziehen. Und dann zogen sie aus, weil sie sich mit anderen Aufgaben „dem Leben“ widmeten. So möchte auch ich mich meinen Herausforderungen, meiner Verantwortung stellen. Für die Menschen meines Umfeldes kann ich immer wieder den Tag besingen, auch wenn es noch dunkel ist — weil „das Leben“ mich diesbezüglich hoffnungsvoll und vogel-frei gemacht hat! 

Mut-Entbrannt                      Mut-Entbrannt                         Mut-Entbrannt

Omama und Opapa

Omama und Opapa

Omama und Opapa waren die besten — für mich! Als ich sie nach der Wende 1989 kennenlernte, war ich bereits 19 Jahre alt. Zum ersten Mal fuhr ich allein von Rostock nach Hamburg. Ich wollte wissen, wer und wie die Eltern meines Vaters waren, was sie dachten, fühlten — und machten. Bisher kannte ich sie nämlich nur vom Hörensagen. 

 

Mir war schon ein wenig mulmig zumute, als ich das erste Mal vor ihrer Wohnung stand. „Würden sie mich denn überhaupt sehen wollen? Würden sie mich in ihr Leben lassen?“, ging mir durch den Kopf. Lange Rede, kurzer Sinn: Omama und Opapa lächelten mir über alle Backen entgegen. Ich wurde mit offenen Armen empfangen und aufgenommen! Und — ich bekam von Anfang an zu spüren, dass sie sich für mich interessierten. „Wie geht es dir gesundheitlich? Was war dein schönstes Kindheitserlebnis? Was war bislang deine größte Niederlage? Was möchtest du studieren? Wovon träumst du?“ Diese und noch viel mehr Fragen musste ich ihnen bei meinem ersten Besuch bereits beantworten. Und im Gegenzug dazu erzählten mir Omama und Opapa sehr viel aus ihrem Leben. Wir vertrauten uns sehr schnell; wir vertrauten uns sehr schnell vieles an …

 

Meine Großeltern erlebten mit, wie ich im Mai 1991 Christ wurde. Und auch wenn sie dem Zweifel mehr Glauben schenkten als Gott, bestärkten sie mich, als ich im September 1994 auf die Bibelschule ging. Zweimal in der Woche telefonierten wir miteinander und dabei genoss ich es, von ihren Lebensweisheiten zu profitieren und ihre liebevolle Art zu erfühlen. 

 

Als die Zeit in Berlin Wannsee ganz langsam zu Ende ging, spürten Omama und Opapa, dass mir angst und bange wurde. Schließlich war meine Zukunft so ungewiss … Und so sorgten sie vor: Als ich zum letzten Mal in der Hauptstadt zur Sparkasse ging, um Geld abzuheben und auf meine Kontoauszüge zu schauen, traute ich meinen Augen kaum. Denn ich entdeckte eine große Summe, die meine Großeltern mir überwiesen hatten. Sofort hängte ich mich an das Telefon und rief sie an. Eigentlich wollte ich nur wissen, ob das eine Fehlbuchung war.

Aber die Worte, die Opapa nun sagte, werde ich wohl Zeit meines Lebens nicht mehr vergessen: „Kindchen, das ist dein Erbe! Tu damit, was du willst! Aber — denke groß; denke weit; denke nachhaltig! Denn diese Gabe ist einmalig!“

 

Da stand ich nun — so reich an Vermögen und doch so arm an Erkenntnissen. Was sollte ich nur machen? Ich wollte unbedingt die Chance nutzen und meine Großeltern auf keinen Fall enttäuschen! Ganz ehrlich: Zuerst war ich versucht, eine Kreuzfahrt zu buchen — nach dem Motto: „Einmal um die ganze Welt und die Taschen voller Geld …“ Das hatte ja irgendwie auch mit „Gott“ zu tun — allerdings nur mit Karl Gott. Und — eine beständige Investition wäre das natürlich auch nicht gewesen. Also überlegte ich weiter und fasste schließlich den Entschluss, eine Wohnung zu kaufen, in der ich mein Leben lang ein Heim finde und auch andere Menschen zu mir einladen kann, damit sie ihre innere Heimat entdecken. 

 

Ich erinnere mich noch gut, als mein neues Domizil im Rohbau, im Aufbau war. Ständig wurde ich von irgendwelchen Handwerkern angerufen, die Dinge von mir wissen wollten, von denen ich zuvor noch niemals etwas zuvor gehört hatte: statische Wände, Abdichtungen, Trockenputz, Dehnungsfugen, Beschläge, elektrische Leitungen und, und, und. Ich fühlte mich völlig überfordert; ich fühlte mich allein; ich fühlte mich von den Bauleuten nicht ernst genommen; ich hatte Angst, dass mein Traum vom neuen Zuhause wie ein Kartenhaus zusammenfallen könnte. 

 

In meiner Verzweiflung rief ich Omama und Opapa an. Ich brauchte Hilfe; ich  brauchte Rat; ich brauchte Ermutigung. Aber — es war seltsam: Sonst nahm einer von beiden spätestens nach dem fünften Klingelton den Hörer ab, sodass ich die vertraute Stimme von ihm oder ihr vernahm. Doch diesmal geschah nichts. Ich geriet in Panik, wartete ab und hörte irgendwann, wie ihr erster Anrufbeantworter ansprang. Opapa hatte ihn mit liebevollen Worten besprochen: „Kindchen, wenn du uns brauchst — wir haben uns im Gasthaus bei dir um die Ecke ein Zimmer genommen! Wir sind da …“

 

~ ~ ~

 

Wenn ich heute daran zurückdenke, bekomme ich feuchte Augen. Denn in der Art von Omama und Opapa entdeckte ich das ewige, liebevolle Handeln meines himmlischen Vaters. Er hat mir noch viel mehr anvertraut als sie. In ihm habe ich nicht nur Gaben und Talente; in ihm lebe ich auch. Und nun darf ich mir überlegen, was ich mit meinem Erbe anfangen möchte. Ich kann es auf die hohe Kante legen und abwarten, ob es sich vermehrt oder nicht. Ich kann es verjubeln. Oder ich kann es einsetzten und etwas Bleibendes für meine Mitmenschen und mich schaffen. Wenn ich mich für das Letztere entscheide, fühle ich mich eventuell manchmal überfordert. Ich brauche Hilfe; ich brauche Rat; ich brauche Ermutigung. Aber — auch das steht mir zur Verfügung. Denn mein Vater im Himmel ist in der Nähe; er ist da …

 

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Mächtig hilflos, kräftig schwach

Mächtig hilflos, kräftig schwach

Als mein Pastor mich neulich bat, für unsere Gemeindezeitung etwas zum Thema „Kraft“ zu schreiben, war mein erster Gedanke: „Oh, mein Gott! Ich kann doch im Moment selbst keine Berge versetzen, weil ich mich mächtig hilflos, kräftig schwach fühle. Und da soll ich auch noch etwas auf das Papier bringen, was andere Menschen stärkt?“

 

~ ~ ~

 

Seit Wochen, seit Monaten leide ich nun schon unter den Nachwirkungen meiner Corona-Erkrankung. Meine Entzündungswerte im Körper sind so hoch, dass sich das auch auf meine Zähne auswirkt. Ich bin drauf und dran, sie zu verlieren, wenn die Medikamente nicht anschlagen, die ich nun zusätzlich einnehmen muss. Ich krieche also — im wahrsten Sinne des Wortes — auf dem Zahnfleisch.

 

Da mir Ruhe verordnet worden ist, verbringe ich jetzt öfter die Zeit auf meinem gemütlichen Sessel als sonst. Ich höre Musik, lese Bücher oder denke eben darüber nach, was ich zum Thema „Kraft“ schreiben kann.

Dabei fällt mein Blick immer wieder einmal auf das Bild, das an der gegenüberliegenden Wand meines Zimmers hängt. Ein kleiner Fluss ist links und rechts von einem Wäldchen umgeben. Man sieht ein einsam stehendes Haus und im Hintergrund einen Berg, der sich zum Himmel erstreckt. 

 

Jedes Mal, wenn ich das Stillleben betrachte, träume ich davon, schon längst „über dem Berg“ zu sein. Ich will mich — durch die zusätzlichen Einschränkungen — nicht mehr mächtig hilflos, kräftig schwach fühlen. Mein sehnlichster Wunsch ist es, dass das ständige Hoffen und Bangen ein Ende hat und dass es mit meiner Gesundheit bald schon wieder „bergauf“ geht.

 

Aus meinem anfänglichen Hilferuf „Oh, mein Gott!“ ist irgendwann ein Gebet geworden. Ich habe mein Herz vor Gott ausgeschüttet; ich habe ihm meine Angst gebracht, die Zähne zu verlieren; ich habe ihm meine Enttäuschung, meine Hilflosigkeit, meine Traurigkeit dargelegt und dabei gespürt, wie mir leichter ums Herz geworden ist. Nichts an meiner äußerlichen Situation hat sich verändert, aber etwas in mir ist danach anders geworden. Denn plötzlich habe ich die Kraft in mir gespürt, meiner Schwachheit direkt ins Gesicht zu sehen und neue Gestaltungsmöglichkeiten in Betracht zu ziehen. Denn mir ist deutlich geworden, dass ich den ganzen Berg nicht auf einmal erklimmen muss. Schritt für Schritt kann ich ihn besteigen — in meinem eigenen Tempo. Und dabei darf ich den Felsen unter mir wahrnehmen, der mir derzeit zwar etwas eckig und kantig vorkommt, aber der mich felsenfest tragen, durchtragen will. Weiterhin kann ich den weiten Himmel über mir sichten. Er bietet mir trotz allem Luft zum Atmen. Und durch das Geschenk der Sonnenstrahlen, die immer wieder durch die Wolken blitzen, wird zwischendurch auch stetig mein Herz erwärmt.

 

Spätestens seit diesem Tag stelle ich mir vor, dass der Eine mit seiner Liebe zu mir nicht mehr „hinter den Berg“ hält. Im Gegenteil: Er wandert zusammen mit mir durch das dunkle Tal des Bergsteigens. In seiner herzerwärmenden Art geht er mir nicht voraus, sondern klettert Zentimeter für Zentimeter schweigend an meiner Seite. Er erwartet nicht von mir, dass ich einen Zahn zulege oder die Zähne zusammenbeiße, wenn ich mir „beim Laufen“ Blasen und Schrammen zulege; nein, er versorgt meine Wunden, sodass ich irgendwann heil auf der Bergspitze ankomme. Und genau dadurch bin und bleibe ich mächtig hilflos, kräftig schwach!

Mut-Entbrannt                Mu-Entbrannt 

Die Tante mit dem Brot

Die Tante mit dem Brot

Vor ein paar Wochen hatte ich das Gefühl, dass ich aus meiner spannenden, aus meiner spannungsgeladenen Geschichte, die das Leben mit mir schreibt, einfach einmal herausgehen und von einer anderen Seite betrachten durfte. Ich wollte ganz entspannt die Gegenwart genießen. Geistesgegenwärtig fuhr ich also zu einem herrlichen Teich in meiner Wohngegend und fütterte in aller Seelenruhe die Enten, die mir vertrauensvoll um meine Füße watschelten und vor sich hin schnatterten … Ein paar Kinder beobachteten mich offenbar. Denn als ein dreister Schwan aus dem Wasser stieg, erhaben auf mich zukam, sich die Tüte mit dem Brot von meinem Schoß schnappte und auf dem Erdboden fallenließ, fingen die kleinen Süßen lauthals an zu lachen. Seitdem wurde ich für sie „die Tante mit dem Brot!“

 

Die Neugier der Mädchen war geweckt. Ohne Scheu und ohne Vorbehalte kamen sie auf mich zu und fragten mir Löcher in den Bauch: „Wie heißt du?“, interessierte Emilia, die mir ihr Alter nicht verraten wollte. „Was machst du hier?“ „Warum hat der Schwan das gemacht?“ „Was ist das?“, fragte mich die fünfjährige Mia, indem sie auf meinen Rollstuhl zeigte. „Tun deine Beine weh?“

 

Als ich alle Fragen anscheinend zufriedenstellend beantwortet hatte, hob die kleine Judy wortlos die Tüte mit dem Brot auf und reichte sie mir. Und so fütterten wir alle zusammen die Enten, wobei nicht nur die Mädchen eine Menge Spaß hatten, sondern auch ich.

Irgendwann waren meine Mitbringsel natürlich verspeist, sodass mich die Kleinen mit hungrigen, mit wissensdurstigen Blicken anschauten. Mathilde sprach aus, was alle von ihnen dachten: „Und nun?“

 

Während mein Herz für die Kinder Feuer fing, rauchte mein Kopf.  Irgendetwas wollte ich ihnen mitgeben, wofür sie für einen Moment brennen konnten. Insofern dachte sich „die Tante mit dem Brot“ die Geschichte über das hübsche Entlein aus, das sich immer hässlich fühlte, weil alle anderen Artgenossen das behaupteten. Doch — erst als sich das Entlein selbst richtig anschaute und seine glänzende Feder auf dem Rücken entdeckte, wusste es, dass es ein ganz besonderes Geschöpf war. 

 

Große Augen sahen mich an. Die Münder der Mädchen standen offen. Sie staunten und nahmen die Botschaft offensichtlich gern in sich auf. Als die Geschichte rund war und ich mich von den Kindern schon verabschiedete,  indem ich meinen Rollstuhl fahrbereit machte, meinte Emilia leise: „Kommst du morgen wieder?“

 

Ich war verdattert und antwortete nur: „Vielleicht …“

 

Als ob sie sich abgesprochen hatten, sagten sie zeitgleich: „Oh ja, bitte …“

 

„Die Tante mit dem Brot“ kam wieder. Sie brachte ein paar kleine Tüten mit Futter für die Enten mit, die sie den Mädchen überließ. Ja, und auch eine neue Geschichte trug sie, trug ich im Gepäck. Diesmal hatte ich mir ausgedacht, von einer lahmen Ente zu erzählen, die so sehr darunter litt, dass sie am Ufer nur hinkte, weil ihr ein Bein fürchterlich wehtat. Sie beneidete ihre Kameraden, die einfacher durch das Leben kamen. Aber dann tröstete sie der große, weise Schwan. Er fragte die gelähmte Ente, ob ihr noch gar nicht aufgefallen war, dass sie dafür viel besser schwimmen konnte als die anderen. Er selbst hatte das beobachtet, weil er die Angelegenheit aus einer höheren Perspektive sah. Das Entlein wurde wieder froh, weil es jetzt wusste, dass es auch etwas konnte. Und so versprach es dem klugen Schwan, dass es sich in Zukunft viel mehr auf seine Stärken konzentrieren wollte als auf seine Schwächen. 

 

Wieder hatten die Kinder aufmerksam zugehört. Und auch die Erwachsenen, von denen sie begleitet wurden, lächelten milde, als wir uns wieder voneinander trennten. Insgesamt fünf Tage trafen wir uns daraufhin noch zum gemeinsamen Füttern der Enten und zum Lauschen auf eine neu erfundene Geschichte. Am Ende fühlte sich „die Tante mit dem Brot“ selbst beschenkt. Schließlich hatte sie ein paar wenige Menschen und Tiere mit nahrhaften Dingen versorgen und dabei gerade selbst so manche schwere Kost verdauen dürfen … Was war das doch für eine wunderbare Po-Ente!

 

 

Mut-Entbrannt                  Mut-Entbrannt 

Mitten im Frühling

Mitten im Frühling

Während ich diese Zeilen schreibe, ziehen die letzten Tage des Wonnemonats Mai an mir vorüber. Ich sehe aus dem Fenster und staune, wie die Bäume in voller Blüte stehen. Das saftige Grün an den Büschen und auf der Wiese tut meinen Augen wohl. Fröhlich zwitschern die Vögel ihre Lieder, wobei sie von der Sonne angestrahlt werden. Und die Menschen, die eilig oder bedächtig vorbeigehen, tragen T-Shirts und kurze Hosen. Ihnen scheint warm zu sein — mitten im Frühling. 

 

Auf mich färben diese Frühlingsgefühle im Augenblick allerdings kaum ab. Da ich mich — durch meine zusätzlichen Einschränkungen — vorwiegend nur in meinen vier Wänden aufhalten kann, bin ich irgendwie auf November eingestellt. Vor meinen inneren Augen sehe ich förmlich, wie in meinem Herzen Wind aufkommt … Stürme toben … Regengüsse niederprasseln.

Ich bin entblättert worden — wie Bäume, die in jener Jahreszeit kahl, nackt und schutzlos dastehen. Wie sie habe ich das Loslassen gelernt … durch so viele Ereignisse, die mich in der letzten Zeit bestürmt haben.

 

Mein Zimmer wird nur selten von den Sonnenstrahlen erhellt; es ist zur Nordseite ausgerichtet. Somit ist es relativ dunkel. Und da ich — weitgehend — von der Außenwelt abgeschnitten bin, ist es still. Ich lausche in die Ruhe hinein, die ich mir derzeit nehmen muss, um wieder gesund zu werden. Mitten im Frühling spüre ich den Herbst nach.

 

„Ob die Bäume sich vor wenigen Wochen und Monaten hätten träumen lassen, dass sie jetzt wieder in ihrer vollen Lebenskraft stehen würden?“, frage ich mich insgeheim. Schon damals haben sie ihre Äste zum Himmel ausgestreckt. Und ihre Wurzeln sind fest im Boden erstarkt gewesen. Sie haben majestätisch dem Unwetter und der Dunkelheit getrotzt; sie haben Ruhe bewahrt.

 

Diesem Bild — diesen Vorbildern, diesen Sinnbildern — möchte ich es gleichtun. Während meiner Novembertage mitten im Frühling möchte ich mein Herz ganz bewusst auf den Himmel ausrichten; ich werfe ihm quasi meine Hoffnung und Erwartungen entgegen. Außerdem stehe ich fest mit beiden Beinen auf dem Boden; ich lasse mich von der Liebe und Standhaftigkeit erden. 

 

Ja, ich erlebe meine kleine Welt momentan dunkel, trist und kalt. Und dennoch spüre ich, dass ich nicht erfrieren werde, weil „das Leben“ durch meine Adern fließt. In der Stille möchte ich meine Augen schließen und vom Frühling träumen. Denn eines ist sicher: Der November vergeht. Und bis es soweit ist, schöpfe ich — in der Ruhe — Kraft, bis ich mich selbst wieder mitten im Frühling vorfinde und die Zeit reif ist … zum Erblühen!

 

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Die Zahnarztpraxis als heilige Stätte

Die Zahnarztpraxis als heilige Stätte

Ist dir schon einmal der Gedanke gekommen, dass die Zahnarztpraxis als heilige Stätte dienen kann? Wenn du jetzt den Kopf schüttelst oder die Stirn runzelst, kann ich das gut nachvollziehen. Ich konnte es auch lange nicht glauben. Aber lass mich dir von meinen Erfahrungen erzählen …

 

~ ~ ~

 

Gestern war es nun soweit: Nach meiner Corona-Erkrankung musste ich Zähne zeigen — bei meiner Ärztin. Sie hatte die verantwortungsvolle Aufgabe zu untersuchen, ob die wochenlange Therapie angeschlagen hatte oder nicht. Natürlich war ich aufgeregt. Mein Herz klopfte regelrecht bis zum Hals. Ich hatte Angst davor, dass mir in den nächsten Stunden ein Zahn nach dem anderen gezogen wurde.

 

Der Weg in die Praxis war kurz und weit zugleich. Denn unterwegs ging mir eine Menge durch den Kopf. „Wie lange ich heute wohl wieder auf dem Zahnarztstuhl verbringen werde …? Ob alles gut geht? Werde ich große Schmerzen haben?“, fragte ich mich. Keine Spur war zu entdecken, dass die Zahnarztpraxis als heilige Stätte fungieren konnte …

Als ich das Ziel erreicht hatte, musste ich glücklicherweise nicht warten. Sofort wurde ich in das Behandlungszimmer geführt. Meine Zahnärztin machte sich ein Bild von der Lage. Und nachdem sie mir lange genug auf den Zahn gefühlt hatte, meinte sie: „Also, ich kann zwar noch keine Entwarnung geben, aber noch besteht die berechtigte Hoffnung, dass wir die meisten Ihrer Zähne erhalten können! Ich schlage vor: Ich verarzte sie jetzt weitläufig. Und dann warten wir noch zwei Wochen ab, ob sich Ihr Gesamtzustand verbessert!“ 

 

„Weiterhin hoffen und bangen …“, stöhnte ich innerlich. „Dabei wollte ich heute doch einfach nur erlöst werden!“ Die Zahnärztin tat, was sie konnte und verwies mich dann an die Schwester, die mir an der Garderobe einen Zettel mit dem nächsten Termin in die Hand drückte. 

 

Plötzlich kamen aus der hintersten Ecke des Wartezimmers meine besten Freunde hervor. Überrascht und erfreut fragte ich sie: „Was macht ihr denn hier?“

 

„Na, meinst du, wir lassen dich in diesen schweren Stunden allein?“, sagte Katrin. „Wir saßen schon da, bevor du kamst und dachten die ganze Zeit über an dich, während du behandelt wurdest!“

 

Ich bekam Gänsehaut, und meine Augen füllten sich mit Tränen. Das waren himmlische Worte; das waren gute Freunde! Ich war so gerührt, so bewegt. Später musste ich an das denken, was der Erzvater Jakob auf seiner Reise nach Haran erlebte und wie er über Nacht Gott begegnete, der ihm den Segen zusprach. Jakob staunte daraufhin: „Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! … Wie heilig ist diese Stätte!“ (1. Mose 28,16-17)

 

Nicht nur meine Freunde waren also für mich da. Auch Gott war in diesem bohrenden Lebensabschnitt bei mir; er war mit mir. Das wusste ich jetzt wieder! Er liebte mich; er wollte mich segnen; er hatte das Beste mit mir vor. Daran wurde ich wieder erinnert. Und dadurch erlebte ich sogar die Zahnarztpraxis als heilige Stätte …

Mut-Entbrannt                        Mut-Entbrannt 

Das Akku ist leer

Das Akku ist leer

Das Akku ist leer! 

 

„Das Akku ist nicht nur leer, sondern auch kaputt!“, teilte mir die Sekretärin meiner Reha-Firma letzte Woche am Telefon mit, nachdem mein elektrischer Rollstuhl zur Durchsicht abgeholt worden war. „Unser Mitarbeiter baut jetzt zwei neue Batterien ein und bringt Ihnen das gute Stück wieder vorbei!“

 

Ich war dankbar und erwartete sehnsuchtsvoll meinen fahrbaren Untersatz für draußen. Wie viele Male hatte er mir bereits gute Dienste geleistet. Durch ihn konnte ich mich mit Freunden in Cafés treffen, Theaterbesuche wahrnehmen, einkaufen oder einfach nur spazieren fahren, um nach anstrengenden Terminen Luft zu holen und selbst in der schönen Natur aufzutanken. 

 

Als der Fachmann aus dem Service-Center bei mir eintraf und für meine Beweglichkeit im Freien sorgte, erklärte er mir eine interessante Tatsache. Er sagte: „Die Batterien sind langlebiger, lädt man sie nicht erst dann auf, wenn sie leer sind … Sie mögen es, Saft zu bekommen, sobald sie ungefähr zehn Prozent herunter haben. Denn so regenerieren sie sich viel schneller!“ 

Sofort dachte ich: „Ich glaube, das ist nicht nur bei Batterien so, sondern auch bei uns Menschen! Meistens sind wir dann schon richtig ‚kaputt‘, wenn wir zugeben: ‚Das Akku ist leer!‘ Denn wie oft schieben wir das Leben auf; wir verschieben „unser Heute“ auf „das Morgen“. 

  • Wenn die Krise vorbei ist, dann denke ich an mich.
  • Wenn ich endlich Feierabend habe, dann atme ich durch.
  • Wenn das Wochenende kommt, dann verschnaufe ich kurz. 
  • Wenn ich erst einmal Urlaub habe, dann halte ich inne.
  • Wenn ich irgendwann Rentner bin, dann begebe ich mich zur Rast.

Dabei vergessen wir so leicht: Die Zukunft beginnt in der Gegenwart! 

 

„Das Akku ist leer!“ So oder ähnlich dachte und fühlte ich persönlich schon oft. Aber — Gott sei Dank: Es ging niemals kaputt, weil ich es immer wieder schaffte, es rechtzeitig aufzuladen. Gerade wenn ich eine längere Zeit am Schreibtisch saß, um ein Buch zu entwerfen, eine Geschichte auszuformulieren oder an einem Gedicht zu basteln, musste ich zwischendurch zum Beispiel öfter einen Punkt setzen. Manchmal bekam ich eben nicht viel auf die Reihe … Aber ausgerechnet in den schöpferischen Pausen begegnete ich meinem Schöpfer. Durch ihn strömten dann göttliche Impulse in mein Hirn und in mein Herz, sodass ich — wie aus heiterem Himmel — wusste, wie ich das Angefangene beenden sollte

 

Durch den Rat meines Reha-Technikers möchte ich mich jeden Tag für die vielen Bereiche des Lebens fragen:

  • Was nährt mich?
  • Was mehrt mich?
  • Was leert mich?
  • Was zehrt mich aus?  

Und dementsprechend nehme ich mir nicht nur vor, Konsequenzen zu ziehen, sondern mich auch noch viel häufiger mit meinen Stromquellen zu verbinden als bisher. Ich möchte im Genuss der Natur … bei den Gesprächen mit Gott oder guten Freunden … beim Lesen eines guten Buches … beim Lauschen meines Lieblingsliedes auftanken. Meine Batterien sollen weitgehend voll sein, damit ich im Leben vorankomme — ob in meinen Gedankengängen, im Lauf meiner Gefühle oder eben auf der Fahrt in meinem Rollstuhl durch diese schöne Welt … 

Mut-Entbrannt                        Mut-Entbrannt 

Sport ist dort

Sport ist dort

In meiner ehemaligen Praxis für Physiotherapie stand am Eingang ganz groß das Zitat von Leonardo da Vinci: „Alles Leben ist Bewegung, Bewegung ist Leben.“ Irgendwie hatte mich diese Weisheit immer inspiriert, obwohl die Fachmänner und -frauen nach diesem Motto bei mir nicht vorgingen. Gerade weil mich jeden Tag starke Schmerzen quälten, meinten sie es gut und schonten mich. Sie massierten mich jedes Mal und bewegten mich durch, ohne dass ich etwas dabei tun musste. Sport ist dort also nicht zu finden gewesen! 

 

Dann wechselte ich die Praxis. Von nun an wollten sich nur noch Männer um mich kümmern, die selbst wie Bodybuilder aussahen und demnach vor Kraft richtig strotzten. „Das kann ja heiter werden!“, waren meine ersten Gedanken. Denn intuitiv spürte ich, dass hier ein anderer Wind wehte, der mir Luft verschaffen wollte — für meine Beschwerden.  

 

Als der Chef höchstpersönlich zum ersten Mal meine müden Knochen ansah, erklärte er mir, dass ich meinen Gesamtzustand selbst verbessern konnte, wenn ich fortan — unter Anleitung — meine Muskeln trainierte. „Sport ist dort angesagt!“, versprach er mir, während er auf die Liege zeigte. „Das wird gerade am Anfang nicht leicht für Sie werden, aber es lohnt sich!“

Und genau so kam es auch. Als wir unseren Übungsplan gemeinsam aufstellten, und ich erstmals meine Bewegungen an den Armen oder Beinen vornahm, stöhnte ich vor Anstrengung. Ich kam ins Schwitzen. Mein Herz raste, weil der Kreislauf in Schwung kommen musste. Und ich war ziemlich schnell mit meiner Kraft am Ende. Muskelkater kamen zu den „normalen“ Schmerzen noch hinzu. Manchmal gab es eine Zerrung oder sogar Blockaden der Rippen. In der Tat: Es war zunächst eine harte Zeit. Und so manches Mal war ich mittendrin drauf und dran aufzugeben  …

 

Doch — je kontinuierlicher ich meine Übungen machte, desto mehr schaffte ich. Allmählich wurde ich stärker; ich wurde fiter; ich wurde ausgeglichener. Denn auch die Glückshormone wirkten sich auf mein Wohlbefinden aus. Heute — nach anderthalb Jahren — kann ich sagen, dass ich beweglicher geworden bin.  Zwar habe ich immer noch Schmerzen. Und dennoch werden sie irgendwie erträglicher.

 

~ ~ ~

 

„Will ich eigentlich auch in meinem geistlichen Leben beweglich sein?“, frage ich mich zwischendurch immer wieder einmal. „Ja, ich will!“, lautet meine Antwort. Und das bedeutet auch für mich: Sport ist dort erforderlich. Ich darf festgefahrene Strukturen hinter mir lassen, indem ich neues einübe, auch wenn es mir zunächst Angst macht und anstrengend ist …

  • Vielleicht hinterfrage ich einmal, ob das, was ich seit Jahren angenommen habe, nicht längst schon überholt ist!
  • Vielleicht gehe ich erstmalig auf Menschen zu, die anders denken und glauben als ich, weil das meinen Horizont erweitern wird!
  • Vielleicht stelle ich mich einmal neuen Herausforderungen, damit meine engen Grenzen gesprengt werden können!

Zweifelsohne werde ich irgendwann erleben, wie sich — auch in meinem Glauben — Blockaden oder Muskelverhärtungen lösen, wie ich lockerer, kräftiger und durchtrainierter werde. Und auch das Gefühl von Glück kann eine Begleiterscheinung sein. Ich werde bewegt sein, weil Leonardo da Vinci wirklich recht hatte, wenn er sagte: „Alles Leben ist Bewegung, Bewegung ist Leben.“ 

 

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Mit der Sprache gut umgehen

Mit der Sprache gut umgehen

Heute verrate ich dir eine der peinlichsten Situationen aus meinem Leben. (Wir sind ja so ganz unter uns!) Aber dazu muss ich weit ausholen, denn das Ereignis liegt jetzt schon fast 30 Jahre zurück. Damals ist der Himmel gerade in mein Herz gekommen. Und obwohl ich mir einbilde, dass ich mit der Sprache gut umgehen kann, habe ich manche Worte und Beschreibungen in meiner Gemeinde überhaupt nicht verstanden. 

 

Also: Meine Freunde nahmen mich in die Gottesdienste immer mit. Doch — schon die alten Kirchenlieder, die oft eine salbungsvolle Ausdrucksweise besaßen, waren für mich sehr befremdlich. Und während wir beim Beten alle den Kopf senkten und auch die Augen schlossen, hörte ich den Pastor manchmal sagen: „Jesus geht jetzt durch unsere Reihen und legt Einzelnen von euch die Hände auf …“

 

Ich gebe es zu: Damals öffnete ich stets die Augen; ich hob den Kopf und schaute mich um. Denn ich wollte Jesus unbedingt sehen; ich wollte erleben, dass er auch bei mir vorbeikommen und so manches Wunder in meinem Leben vollbringen würde … so ganz augenscheinlich. Aber irgendwie passierte nichts. Weder Gottes Sohn entdeckte ich leibhaftig in der Kirche noch spürte ich seine sanfte Berührung. 

Schnell begriff ich, dass viele Formulierungen auf bestimmte Bibelübersetzungen zurückzuführen waren und von den Gemeindemitgliedern übernommen wurden. „Zur Stunde kommen“ bedeutete zum Beispiel, in den Gottesdienst zu gehen. „Zum Tisch des Herrn eingeladen zu sein“, hieß, dass wir das Abendmal miteinander feierten. Oder wenn „das Wort ausgelegt wurde“, hörten wir die Predigt. Mit der Zeit wurde mir also das Frommdeutsche vertraut, und ich konnte mit der Sprache gut umgehen.

 

Doch — dann traf ich im November 1992 die Entscheidung, mich taufen zu lassen. Alles wurde daraufhin vorbereitet. Der Pastor führte mit mir einen Tag zuvor noch ein Taufgespräch durch, in dem er mir erklärte, dass ich während des großen Festes „Zeugnis ablegen“ sollte … Es kam mir zwar ein bisschen merkwürdig vor, dass ich als Gläubige, die bedingungslos von Gott geliebt wurde, von Menschen auf meine Leistungen geprüft werden sollte. Aber ich beugte mich — zumal ich in der Schule auch nicht ganz so schlecht war. Und so nahm ich an meinem Tauftag alle meine Zeugnisse in die Kirche mit und legte sie einem Verantwortlichen des Gemeindevorstandes vor, der mich allerdings schief anguckte. Schließlich sollte ich nicht die Zeugnisse, sondern das Zeugnis ablegen, was meinte, dass ich vor der ganzen Gemeinde erzählen sollte, wie der Himmel in mein Herz kam …

 

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Ja, ich kann bis heute bezeugen, dass Gott mich anspricht. Und gerade  deshalb möchte ich mit der Sprache gut umgehen. Denn mir ist es wichtig, dass mich die Menschen verstehen, mit denen Gott mich in Berührung bringt. Sie sollen „im heutigen Deutsch“ Zugang zu Gottes Wort bekommen dürfen und sich nicht ausgegrenzt fühlen müssen. Martin Luther ist darin für mich ein großes Vorbild. Als genialer und wortgewaltiger Bibelübersetzer formulierte er einmal: „Man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt fragen, und den selbigen auf das Maul sehen, wie sie reden…“ Auch diesbezüglich möchte ich also genau hinhören, schauen und sowohl eine „Redeweise“ als auch eine „Schreibweise“ werden! 

Mut-Entbrannt                      Mut-Entbrannt