Omama und Opapa

Omama und Opapa

Omama und Opapa waren die besten — für mich! Als ich sie nach der Wende 1989 kennenlernte, war ich bereits 19 Jahre alt. Zum ersten Mal fuhr ich allein von Rostock nach Hamburg. Ich wollte wissen, wer und wie die Eltern meines Vaters waren, was sie dachten, fühlten — und machten. Bisher kannte ich sie nämlich nur vom Hörensagen. 

Mir war schon ein wenig mulmig zumute, als ich das erste Mal vor ihrer Wohnung stand. „Würden sie mich denn überhaupt sehen wollen? Würden sie mich in ihr Leben lassen?“, ging mir durch den Kopf. Lange Rede, kurzer Sinn: Omama und Opapa lächelten mir über alle Backen entgegen. Ich wurde mit offenen Armen empfangen und aufgenommen! Und — ich bekam von Anfang an zu spüren, dass sie sich für mich interessierten. „Wie geht es dir gesundheitlich? Was war dein schönstes Kindheitserlebnis? Was war bislang deine größte Niederlage? Was möchtest du studieren? Wovon träumst du?“ Diese und noch viel mehr Fragen musste ich ihnen bei meinem ersten Besuch bereits beantworten. Und im Gegenzug dazu erzählten mir Omama und Opapa sehr viel aus ihrem Leben. Wir vertrauten uns sehr schnell; wir vertrauten uns sehr schnell vieles an …

Meine Großeltern erlebten mit, wie ich im Mai 1991 Christ wurde. Und auch wenn sie dem Zweifel mehr Glauben schenkten als Gott, bestärkten sie mich, als ich im September 1994 auf die Bibelschule ging. Zweimal in der Woche telefonierten wir miteinander und dabei genoss ich es, von ihren Lebensweisheiten zu profitieren und ihre liebevolle Art zu erfühlen. 

Als die Zeit in Berlin Wannsee ganz langsam zu Ende ging, spürten Omama und Opapa, dass mir angst und bange wurde. Schließlich war meine Zukunft so ungewiss … Und so sorgten sie vor: Als ich zum letzten Mal in der Hauptstadt zur Sparkasse ging, um Geld abzuheben und auf meine Kontoauszüge zu schauen, traute ich meinen Augen kaum. Denn ich entdeckte eine große Summe, die meine Großeltern mir überwiesen hatten. Sofort hängte ich mich an das Telefon und rief sie an. Eigentlich wollte ich nur wissen, ob das eine Fehlbuchung war. Aber die Worte, die Opapa nun sagte, werde ich wohl Zeit meines Lebens nicht mehr vergessen: „Kindchen, das ist dein Erbe! Tu damit, was du willst! Aber — denke groß; denke weit; denke nachhaltig! Denn diese Gabe ist einmalig!“

Da stand ich nun — so reich an Vermögen und doch so arm an Erkenntnissen. Was sollte ich nur machen? Ich wollte unbedingt die Chance nutzen und meine Großeltern auf keinen Fall enttäuschen! Ganz ehrlich: Zuerst war ich versucht, eine Kreuzfahrt zu buchen — nach dem Motto: „Einmal um die ganze Welt und die Taschen voller Geld …“ Das hatte ja irgendwie auch mit „Gott“ zu tun — allerdings nur mit Karl Gott. Und — eine beständige Investition wäre das natürlich auch nicht gewesen. Also überlegte ich weiter und fasste schließlich den Entschluss, eine Wohnung zu kaufen, in der ich mein Leben lang ein Heim finde und auch andere Menschen zu mir einladen kann, damit sie ihre innere Heimat entdecken. 

Ich erinnere mich noch gut, als mein neues Domizil im Rohbau, im Aufbau war. Ständig wurde ich von irgendwelchen Handwerkern angerufen, die Dinge von mir wissen wollten, von denen ich zuvor noch niemals etwas zuvor gehört hatte: statische Wände, Abdichtungen, Trockenputz, Dehnungsfugen, Beschläge, elektrische Leitungen und, und, und. Ich fühlte mich völlig überfordert; ich fühlte mich allein; ich fühlte mich von den Bauleuten nicht ernst genommen; ich hatte Angst, dass mein Traum vom neuen Zuhause wie ein Kartenhaus zusammenfallen könnte. 

In meiner Verzweiflung rief ich Omama und Opapa an. Ich brauchte Hilfe; ich  brauchte Rat; ich brauchte Ermutigung. Aber — es war seltsam: Sonst nahm einer von beiden spätestens nach dem fünften Klingelton den Hörer ab, sodass ich die vertraute Stimme von ihm oder ihr vernahm. Doch diesmal geschah nichts. Ich geriet in Panik, wartete ab und hörte irgendwann, wie ihr erster Anrufbeantworter ansprang. Opapa hatte ihn mit liebevollen Worten besprochen: „Kindchen, wenn du uns brauchst — wir haben uns im Gasthaus bei dir um die Ecke ein Zimmer genommen! Wir sind da …“

                                                                                                        ~ ~ ~

Wenn ich heute daran zurückdenke, bekomme ich feuchte Augen. Denn in der Art von Omama und Opapa entdeckte ich das ewige, liebevolle Handeln meines himmlischen Vaters. Er hat mir noch viel mehr anvertraut als sie. In ihm habe ich nicht nur Gaben und Talente; in ihm lebe ich auch. Und nun darf ich mir überlegen, was ich mit meinem Erbe anfangen möchte. Ich kann es auf die hohe Kante legen und abwarten, ob es sich vermehrt oder nicht. Ich kann es verjubeln. Oder ich kann es einsetzten und etwas Bleibendes für meine Mitmenschen und mich schaffen. Wenn ich mich für das Letztere entscheide, fühle ich mich eventuell manchmal überfordert. Ich brauche Hilfe; ich brauche Rat; ich brauche Ermutigung. Aber — auch das steht mir zur Verfügung. Denn mein Vater im Himmel ist in der Nähe; er ist da …

Jana Schumacher

Ich bin Jana Schumacher und lebe in Rostock - an der Ostsee... Ich liebe das Meer; ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir mehr und mehr schenkt!