Schreibt euch selbst einmal einen Brief

Schreibt euch selbst einmal einen Brief

Es war eine unbeschreiblich gute Erfahrung: Als sich im Jahre 1995 die Zeit auf der Bibelschule dem Ende neigte, ermutigten uns unsere Lehrer: „Schreibt euch selbst einmal einen Brief! Haltet darin fest, was ihr — hier in Berlin Wannsee — für euch erkannt habt, was ihr euch immer wieder einmal in Erinnerung rufen wollt, woraus ihr Lehren gezogen habt … Steckt das Blatt Papier in einen Kuvert, notiert die Adresse von eurem Zuhause darauf. Und — dann gebt uns die Schriftstücke. Nach ungefähr einem Jahr werden wir sie an euch abschicken, sodass ihr erleben könnt, wie eure eigenen Worte dann bei euch ankommen!“

Seinerzeit fand ich diese Aufgabe ziemlich merk-würdig. Ich hatte schon vielen Menschen in meinem Leben einen Brief geschrieben, aber mir selbst noch nicht! Was sollte ich mir schreiben? Was wollte ich mir zusprechen? Und — wie sollte ich mich überhaupt ansprechen? Ich weiß es noch: Nachdem das „Liebe Jana!“ auf dem Papier stand, ergab ein Wort das andere. Denn ich tat so, als ob ich meiner besten Freundin schrieb und als ob ich ihr mit diesen Zeilen eine ganze Portion Mut zuschreiben wollte.

Als ich wieder nach Rostock zurückgekehrt war, dachte ich natürlich überhaupt nicht mehr an diesen Brief. Der Alltag holte mich sehr schnell ein. Ich ging meiner Arbeit nach; ich war in meiner Kirchgemeinde engagiert; ich traf mich mit alten und neuen Freunden; ich stellte mich den vielen Herausforderungen, die mir das Leben bot. Und manchmal fühlte sich mein Herz beschwert, weil es wirklich nicht einfach für mich war. Aber — dann erreichten mich meine eigenen Worte genau zur richtigen Zeit. In den Zeilen, die ich mir auf der Bibelschule geschrieben hatte, erinnerte ich mich selbst daran, wie viele Riesen von mir bislang schon bezwungen worden waren … wie viele Berge ich in meinem Leben bereits versetzt hatte … über wie viele Mauern ich längst gesprungen war. Ich spornte mich an, nicht aufzugeben und mich dem Leben ganz hinzugeben. Ehrlich gesagt: Ich war damals verblüfft, wie wertschätzend ich mich ermutigen konnte. 

Fast 25 Jahre später besann ich mich auf die Aufgabe meiner ehemaligen Bibelschullehrer: „Schreibt euch selbst einmal einen Brief!“ Die Corona-Pandemie begann, die ganze Welt in Angst und Schrecken zu versetzen. Und auch ich persönlich befürchtete, dass ich mich mit dem kleinen Virus anstecken und letztendlich an der Erkrankung einsam und verlassen in einer Klinik sterben könnte. Im März 2020 brauchte ich — in der allgemeinen Dunkelheit — einen Lichtstrahl … einen Funken Ermutigung … einen Hoffnungsschimmer. Und so schrieb ich mir selbst ein paar Zeilen, in denen ich festhielt, was ich mir vornehmen wollte, wenn ich Covid-19 überleben sollte. Auch dieses Blatt Papier steckte ich in einen Umschlag. Ich adressierte und frankierte ihn, bevor ich einen entfernten Bekannten bat, ihn irgendwann am Ende der Krise in den Briefkasten zu stecken, damit ich ihn  — hoffentlich — irgendwann empfing.

Gestern kam der Brief nun bei mir an — auch im Herzen. Denn was ich damals noch nicht wusste, war, dass ich nicht nur an Corona erkrankte und mich so manche Nachwirkung an den Rand meiner Kräfte bringen sollte, sondern dass ich zusätzlich auch noch andere Riesen bezwingen musste. Aber vor ungefähr 15 Monaten schrieb ich mir:

Liebe Jana!

 

Falls Du diese Zeilen lesen solltest, dann:

 

„Tanze,

als würde niemand zusehen.

Liebe, 

als wurdest Du niemals verletzt.

Singe, 

als würde niemand zuhören. 

Lebe, 

als wäre der Himmel auf Erden.“

 

Deine Jana 

Tja, nun springe ich noch über ein paar Mauern, damit der Eine meine Füße auf weites Land stellen kann. Und dann werde ich das Zitat von Mark Twain befolgen: Zusammen mit dem Einen, der mich die ganze Zeit über begleitet hat und der mich von Herzen liebt, werde ich tanzen, lieben, singen … leben! 

„Schreibt euch selbst einmal einen Brief!“ Das ist heute einmal meine Empfehlung an Euch, wenn Ihr Euch wieder an Euch selbst erinnern wollt. Behandelt Euch, als wenn Ihr Euren besten Freunden Liebe zuschreibt …

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Ich bin eine Autorin aus Rostock und schreibe feste: christliche Gedichte, Geschichten, Andachten, Wortspiele, Sprüche ... und Bücher. Ich liebe das Meer. Und ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir schenkt!