Sie schrie stumm nach Hilfe

Sie schrie stumm nach Hilfe

Als ich vor ungefähr acht Jahren meine „alte“ Gemeinde verließ, wusste ich noch nicht, dass ich eine Art Heimweg antreten würde. Ich ging ohne jede  Ahnung los und landete in der Kirche hier in meinem Wohngebiet, in der ich ein Zuhause fand, weil ich so angenommen wurde, wie ich war. Dabei begegnete ich Menschen, mit denen ich sehr bald ins Gespräch kam. Wir vertrauten uns; wir vertrauten uns vieles an, sodass wir einander Wegbegleiter wurden. Unterdessen sah ich jedoch eine Person auch immer allein sitzen. Sie kam stets zum Gottesdienst, als er bereits begonnen hatte. Und sie war bereits wieder im Aufbruch, nachdem der Pastor den Segen gesprochen hatte. Der Blick von Vanessa — wie ich sie an dieser Stelle nennen möchte — war stets leer, traurig und hilflos. Ihre Körpersprache verriet, dass sie eine schwere Last mit sich herumtrug. Sie schrie stumm nach Hilfe.

Obwohl ich Vanessa jedes Mal beobachtete, und sie sympathisch auf mich wirkte, fühlte ich mich jahrelang nicht fähig, auf sie zuzugehen und Kontakt mit ihr zu knüpfen. Irgendetwas hielt mich innerlich immer davon ab. 

Dann begann, Corona für Wirbel zu sorgen. Der kleine Virus trieb auch uns — als Gemeindemitglieder — in die Isolation. Nur noch wenige Menschen konnten die Gottesdienste vor Ort besuchen; vielmehr verfolgten wir ihn jetzt von Zuhause aus über die Bildschirme. Dementsprechend verlor ich auch Vanessa aus den Augen …

Ich persönlich nutzte die Corona-Krise, um in meinem Seelenhaus einen ausgiebigen Frühjahrsputz durchzuführen. In jeder Ecke der verschiedenen Zimmer räumte ich auf. Ich entfernte nicht nur die Spinnweben und Wühlmäuse, sondern auch das, was im Laufe der Jahre kaputt gegangen war. Dafür schaffte ich mir auch Neues an und stellte etliche Dinge an einen anderen Platz. Irgendwann erstrahlte mein Seelenhaus in einem neuen Glanz.

Mit Gedanken und Gefühlen, die nun vom Staub befreit sind, fahre ich jetzt wieder in unsere Gottesdienste, sodass ich mich freue, auch Vanessa wiederzusehen. Noch immer ist kein Lächeln auf ihren Lippen zu entdecken. Nach wie vor sehen ihre Augen traurig aus. Sie schrie stumm nach Hilfe — noch immer.

Während des Gottesdienstes am vergangenen Sonntag setzte ich mich einfach neben Vanessa. Jetzt zog es mich förmlich zu ihr hin. „Vielleicht können wir ja hinterher zusammen schweigen — oder reden — oder weinen …“, hoffte ich. Schüchtern nahmen wir Blickkontakt auf. Und als der Ton des Segensliedes verklungen war, sprang sie auch nicht gleich auf. Zuerst hielten wir die Stille aus, die sich zwischen uns breitgemacht hatte. Dann wechselten wir einige oberflächliche Sätze, bevor sie — mit feuchten Augen — leise stammelte: „Ich habe sie alle verloren … meine ganze Familie … auf einen Schlag … und werde damit nicht fertig …“

Leise kullerte eine Träne meine Wange herunter. Ich legte meine Hand auf ihre Schulter und flüsterte nur: „Ich auch …“ Und daraufhin sprachen wir stundenlang über das, was wir erlebt und erlitten hatten. 

Ob ich Vanessa im nächsten Gottesdienst wieder begegnen darf …?

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Ich bin eine Autorin aus Rostock und schreibe feste: christliche Gedichte, Geschichten, Andachten, Wortspiele, Sprüche ... und Bücher. Ich liebe das Meer. Und ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir schenkt!