Trost
Der Perlenkrug
Trost
Mancher Schmerz braucht keine großen Worte,
sondern liebevolle Nähe.
Es war einmal ein Krug, der in sich zerrissen war. Er lamentierte oft: „Keiner mag mich! Ich werde überhaupt nicht von den Menschen geschätzt. Dabei bin ich doch der Perlenkrug!“, meinte er.
Als Johanna das Wehklagen dieses gebeutelten Gefäßes vernahm, setzte sie sich zu ihm. Irgendwie weckten seine Worte ihre Neugier. „… der Perlenkrug?“, fragte sie zurück. Davon habe ich noch niemals etwas gehört… Was möchtest du denn von uns Menschen?“
„… eure Tränen!“, antwortete er wie selbstverständlich.
Johanna war irritiert. „Warum ausgerechnet unsere Tränen…?“, wollte sie wissen.
Der Perlenkrug antwortete: „Mein Töpfer hat mir anvertraut, dass ich eine ganz besondere Berufung habe. Ich bin auf der Welt, damit ich eure Tränen sammle. Mein Meister will sie alle aufbewahren … zählen … verwandeln. Er möchte jede Träne zu einer Perle machen. Aber ihr versteckt sie ja lieber; ihr drückt sie weg! Oder ihr lasst sie schnell in den Taschentüchern verschwinden. Nachts durchnässen sie – vermeintlich ungesehen – sogar eure Kopfkissen…“, analysierte der Perlenkrug dünnhäutig. „Aber mein Töpfer zählt sie trotzdem, weil sie nämlich kostbar und wertvoll sind…“
„Wie kommt man auf die Idee, Tränen sammeln zu wollen… Ich bewahre lieber schöne Dinge auf: Fotos von Festen, von Freunden und Familienangehörigen; ich sammle Urkunden oder Souvenirs aus Urlaubsorten…“, hielt Johanna dagegen.
„Ja, ja!“, seufzte der Perlenkrug. „Ich weiß! Es ist normal – für euch Menschen, dass ihr lieber an das Schöne denkt, dass ihr das Wunderbare sammelt. Denn ihr schämt euch, wenn ihr weint. Und dabei gibt es so viel Trauriges im Leben, was jede Träne wert ist…“
Bei den Worten des Perlenkrugs stockte Johanna fast der Atem. Sie fühlte sich angesprochen – erwischt. Wie oft hatte sie nämlich heimlich, still und leise die Tränen vom Gesicht gewischt… Auf einmal fielen ihr so viele Situationen ein, in denen ihr zum Heulen zumute war. Ihr stand zum Beispiel vor Augen, wie sie in der Schule gehänselt wurde. Ganz allein stand sie da, sodass sie sich traurig immer mehr zurückzog… Dann musste Johanna an ihre große Liebe denken, die per SMS mit ihr Schluss gemacht hatte… Keine Träne wollte sie ihr nachweinen! All das und noch viele andere schlechte Erfahrungen führten dazu, dass sie ihr Herz verschloss. Sie wollte sich unverletzbar machen und spürte gar nicht, wie verwundet und zerrissen ihr Innerstes eigentlich war. „Reiß‘ dich zusammen!“, hatte sie sich selbst permanent ermahnt, wenn sie sich nun leblos und leer fühlte.
„Weißt du…“, sagte der Perlenkrug weiter. „Nur im Fühlen könnt ihr Menschen die Fülle erleben. Und darum ist es so wichtig, dass Tränen fließen dürfen. Dadurch kommen eure Herzen nämlich wieder in Fluss. Mit dem Weinen bricht der Damm: Aufgestaute Gefühle wie Traurigkeit, Ohnmacht oder Wut können gehen. Und die Freude, die Liebe oder Leichtigkeit dürfen wieder einziehen. Darum möchte mein Töpfer jede Träne zählen. Ihr sollt wissen, dass keine einzige verloren und vergebens ist.
Er sieht sie; er will euch trösten. Er will eure Tränen in Perlen verwandeln, indem er eurem Leid eine neue Bedeutung gibt – wenn ihr das zulasst!“
Mittlerweile wusste Johanna, wer der Töpfer des Perlenkrugs war: ihr himmlischer Vater, der sie über alles liebte und der sie niemals wegstoßen würde. Er hatte so großes Interesse an ihr, dass er nicht nur die Haare auf ihrem Kopf zählte, sondern auch alle ihre Tränen. In diesem Glauben bekam sie allmählich feuchte Augen. Eine Träne kullerte ihre Wange herunter, dann noch eine… Und plötzlich strömte es aus ihr heraus.
Weinend erzählte Johanna ihrem Papa von enttäuschten Erwartungen, von schmerzenden Verlusten, von Streit, von Verletzungen, von ihrer Schuld. Sie schüttete ihr Herz bei ihm aus, sodass er es füllen konnte … mit neuen, positiven Empfindungen. Ihre Tränen verwandelten sich daraufhin tatsächlich in Perlen. Johanna war verwundert und erleichtert zugleich. Fortan wollte sie die gute Botschaft, dass jedes Leid von Sinn erfüllt war, beschwingt hinaus ich die Welt tragen … und das natürlich zusammen mit dem Perlenkrug!
Nicht einsam, sondern gemeinsam
Wieder lag ein dunkles Tal vor mir. Voller Angst und mit Tränen im Gesicht sagte ich zu meinem himmlischen Vater: „Wenn ich da schon durch muss – kannst du mir nicht wenigstens eine Fackel in die Hand geben, damit es ein wenig heller wird und ich mich nicht so entsetzlich fürchten muss?“
Aber mein Vater sah mich gütig an, reichte mir seine Hand und sprach: „Mein Kind, wozu brauchst du eine Fackel? Wir gehen zusammen durch das dunkle Tal. Und wenn du meine Hand nicht loslässt, wirst du erleben, dass du mir blind vertrauen kannst. Ich bin dein Licht und lasse dich niemals allein!“
Zögernd, zaghaft wanderten wir los und ich merkte, wie – Schritt für Schritt – der Weg erleuchtet wurde…
Trost
Feste Größe
Du bist die feste Größe —
im Wandel dieser Zeit.
Als Vater und der Höchste
bist du gestern wie heut.
Du änderst nie dein Wesen,
bleibst Liebe in Person.
Doch weitest du indessen
dein Handeln und dein Tun.
Du bist die feste Größe
und machst dich für uns klein,
um uns im Leid zu trösten,
von Ketten zu befrei’n.
Bei dir sind wir geborgen,
auch wenn noch viel verhallt.
Du trägst uns heut und morgen,
denn du bist unser Halt!
Trost
Glaube größer
Glaube größer, glaube weiter,
denn ich bin dein Wegbereiter.
Ich hab dir so viel gegeben:
Trost und Kraft, ewiges Leben,
die Liebe, die dich stets entschämt,
Erbarmen, das dich nie ablehnt …
Glaube tiefer, glaube höher,
denn ich bin der Türvorsteher.
Ich erschließe dir ein Land,
das du bisher nicht gekannt.
Darum mach dich auf die Reise;
ich begleite dich recht leise.
Glaube stiller, glaube lauter,
denn ich bin doch dein Vertrauter.
Was kann dir wirklich geschehen?
Dir kann Neues nur entgehen …
Darum zeig dich, wie du bist —
als ein freier, froher Christ!
Und vielleicht ist Weinen kein Zerbrechen,
sondern ein Gesundwerden.
Wenn Dich diese Worte begleiten haben, dürfen sie gern weitergehen.
Trost