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Über-flüssig

Was meinst du: Sind Zeiten, in denen uns das Wasser bis zum Hals steht, überflüssig? Oder können sie womöglich zu Erfahrungen werden, weil wir — im Nachhinein — durch sie neue Erkenntnisse über-flüssig an andere Menschen weitergeben dürfen?

Wir wissen alle: In unserem Leben ist nicht immer alles in Fluss. Hin und wieder geht manches den Bach herunter. Die Wogen — von Krankheit, Krisen und Konflikten — bringen das Lebensboot mächtig ins Wanken. Wir kommen ins Rudern und die „Blauen Flecken am Himmel“ lassen sich nicht sehen, aber deutlich im Herzen spüren.

Jüngst merkte ich das existenziell, während ich mich der Schmerztherapie unterzog. Um die bürokratischen Bestimmungen einzuhalten, musste ich im Rhythmus von zwei Wochen immer ein anderes Medikament ausprobieren, um eins zu finden, das mir Linderung verschaffen sollte. Teilweise ging es mir so schlecht, dass ich — durch die Nebenwirkungen — nur noch im Bett liegen konnte und abwarten musste, bis mein Körper die Inhaltsstoffe wieder abgebaut hatte. 

Es gab Tage, die ich sinnlos und überflüssig empfand. Um meine Seele über Wasser zu halten, fragte ich mich irgendwann: „Wie kann ich mir selbst etwas Gutes tun? Womit darf ich mich stärken?“ Und so suchte ich mir Dinge, die mich erfüllten. Ich kaufte mir zum Beispiel eine neue Bibel mit einer anderen Übersetzung. Jeden Morgen freute ich mich, darin einen Abschnitt zu lesen und etwas Neues zu entdecken. Wenn die Sonne schien, setzte ich mich für ein paar Minuten auf unsere Terrasse, um Licht und Wärme zu tanken. Jeden Nachmittag gönnte ich mir eine leckere Praline namens Mozartkugel. Und abends machte ich es mir zur Gewohnheit, eine erbauliche Andacht oder Predigt zu hören. In manchen Augen war das vielleicht nicht viel — für mich wurde es zur Kraftquelle.

Inzwischen ist die Schmerztherapie erfolglos beendet! Das Präparat, das mir eventuell Erleichterung verschaffen könnte, möchte meine Krankenkasse nicht bezahlen. Nun könnte ich sagen: Die Zeit war umsonst, überflüssig. Aber die Rituale, die ich eingeführt habe, um mir — bei jeder Hürde und Bürde — selbst Würde zu verleihen, sind mir so wichtig geworden, dass ich sie beibehalten möchte. Es ist gut, wenn ich nicht nur an mein Umfeld denke, sondern auch an mich selbst. 

  • Denn wie möchte ich meinen Nächsten würdigen, wenn ich mich vergesse? 
  • Wie soll ich andere lieben, wenn ich nicht herzlich mit mir umgehe?
  • Wie kann ich Menschen Kraft geben, wenn ich selbst ausgedörrt bin?

In der schweren Zeit habe ich mich an einen Tipp vom alten Mönch Bernhard von Clairvaux erinnert, der mir zur Quelle der Inspiration geworden ist: „Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist… Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter… Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird zur See. Die Schale schämt sich nicht, nicht überströmender zu sein als die Quelle… Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selbst schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle, wenn nicht, schone dich.“

Siehst du: Die schwere Zeit, die ich erlebt habe, ist nicht überflüssig gewesen, weil ich  auf meine Art jetzt — im Nachhinein — über-flüssig etwas von meinen Erfahrungen weitergeben kann!

Über-flüssig:

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Ich bin eine Autorin aus Rostock und schreibe: Gedichte, Geschichten, Andachten, Gebete, Rätsel ... und Bücher. Ich liebe das Meer. Und ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir schenkt!