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Was ist ein Mensch wert

Was ist ein Mensch wert, wenn er nichts (mehr) leisten kann? Was ist ein Mensch wert, wenn er — so wie ich — behindert ist und im Grunde mehr soziale Zuwendungen in Anspruch nimmt, als dass er sich anderen Leuten zuwenden kann? Was ist ein Mensch wert, wenn er (nur noch) da ist? Macht ihn nur seine Verwertbarkeit wertvoll?

In den meisten Fällen definieren wir uns doch erst einmal über unser Tun und Haben, oder? Von klein auf wurde uns bewusst oder unbewusst beigebracht: „Kannste was, dann biste was!“ Wir wurden gelobt, wenn wir zum ersten Mal ins Töpfchen gemacht haben. Als wir in der Schule waren, tadelte man uns für die Note 5 und nicht für eine Eins. Es wurde begrüßt, wenn wir schon früh ein Musikinstrument erlernten. Und wir jubelten unseren Jungs nur dann auf dem Fußballfeld entgegen, wenn sie ein Tor schossen und die Mannschaft am Ende auch gewann. Durch solche einfachen Beispiele haben wir schon früh erkannt: Nur wenn wir etwas leisten, dann machen wir alles richtig; wenn wir uns dagegen „etwas leisten“, dann sind wir verkehrt. 

Diese Denke prägte uns meistens auch, als wir erwachsen wurden. Um etwas zu haben, mussten wir uns etwas aufbauen; wir mussten etwas schaffen und vorweisen. Also beendeten wir unsere Berufungsausbildung oder studierten. Wir wollten unserem Job nachgehen, um (möglichst viel) Geld zu verdienen, damit wir dem Partner und Kindern etwas bieten zu können. Und meistens konnten wir dann auch die Karten auf den Tisch legen: mein Haus, mein Auto, meine Firma. „Haste was, dann bist du was!“ Dementsprechend leben wir!

Doch — wie ist es eigentlich im Glauben? Manchmal entdecke ich mich in Martha wieder, die Haus und Hof auf den Kopf stellt, als Jesus sie und ihre Schwester besuchen kommt. Sie verausgabt sich total, weil sie die Gebende sein möchte, die ihn zum Empfangenen macht. Das ist doch eigentlich eine noble Einstellung, oder? Sie kocht; sie backt; sie putzt, damit sich ihr Gast bei ihr wohl fühlt. Und als er dann endlich kommt, ist sie so geschafft, dass sie nicht nur ihrer Schwester Vorhaltungen macht, sondern auch ihrem Besuch. Ihre Prioritäten sind verschoben.

Maria — die Schwester — verhält sich dagegen ganz anders. Sie lässt Jesus den Gebenden sein und macht sich zur Empfangenen, indem sie sich zu seinen Füßen setzt und — im doppelten Sinne — „aufhört“. Sie lauscht seinen Worten, genießt die Gemeinschaft mit ihm und schöpft neue Energie. Mir scheint, sie lebt nicht nach der Devise: Ich tue, um etwas zu haben und jemand zu sein. Nein, sie hat verinnerlicht: Ich bin schon jemand und deshalb weiß ich nicht nur, was ich habe, sondern auch was ich — zur rechten Zeit — tun kann! Übrigens drückt das schon ihr Name aus. Maria stammt aus dem Hebräischen und bedeutet „geliebt“. Sie weiß also, dass sie von ihrem Sein her bedingungslos angenommen und geliebt ist.

Diese Art möchte ich mir unbedingt zu eigen machen: Ich tue nicht etwas, damit ich jemand sein werde; ich bin geliebt und deshalb kann ich mit dem, was ich habe, etwas Gutes tun. Maria und Martha, die hingegen auf hebräisch „Gebieterin“ bedeutet, dürfen also beide in mir wohnen. Beide haben ihren Platz, ihre Berechtigung in mir. Aber es kommt auf den Stellenwert an: Zuerst kommt das „Geliebt-Sein“ und dann das Gestalten. Denn was ist ein Mensch wert? Er hat eine Würde, die ihm auch dann nicht abhanden käme, wenn er nichts mehr könnte!

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Als Autorin wohne ich in Rostock und lasse mich hier oft vom Meer inspirieren - und vom Mehr, das "das Leben" mir schenkt! Ich schreibe für mein Leben gern. Geschichten, Andachten, Gebete, Rätsel und Bücher habe ich im Angebot. Doch am liebsten verfasse ich Gedichte!