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Wie aus Wein-Nacht Weih-Nacht wurde

Willst du wissen, wie aus Wein-Nacht Weih-Nacht wurde?

Es war am Heiligabend 1996 — also vor 25 Jahren. Wieder einmal hatte ich es im Vorfeld gewagt, nach langem Schweigen Kontakt zu meinen Eltern aufzunehmen. Wieder einmal war meine Sehnsucht nach einer intakten Familie so groß. Wieder einmal spürte ich, wie sehr ich meine Mutter und meinen Vater — trotz aller Ablehnung — vermisste. Und genau deshalb freute ich mich auch so sehr, als mich ihre Einladung erreichte, dass sie mich an diesem Heiligabend sehen wollten.   

Schon Tage zuvor besorgte ich Geschenke. Ich wusste ja, was mein Vater und meine Mutter an kulinarischen Köstlichkeiten bevorzugten. Und so machte ich mich gegen 15:30 Uhr mit großen Tüten und einer Menge Hoffnung im Gepäck auf, um ungefähr eine Stunde mit der Bahn zu ihnen zu fahren. 

Unterwegs begleiteten mich gemischte Gefühle. „Würden sie sich auch auf mich freuen — wenigstens ein bisschen? Hatten sie mich eventuell auch vermisst? Wie würde das Wiedersehen wohl aussehen? Lägen wir uns in den Armen oder reichte es nur für einen feuchten Händedruck?“ Mein Kopf rauchte; das Herz schlug mir bis zum Hals; meine Knie zitterten.

Nach einer gefühlten Ewigkeit sah ich die Wohnung meiner Eltern in dem Häuserblock, in dem sie seit Jahren wohnten. In meinem neuen elektrischen Rollstuhl fuhr ich zum Eingang und dann zum Fahrstuhl, der dort seit Kurzem eingebaut wurde. Ich war froh darüber, weil ich dadurch die Stufen bis zur dritten Etage nun nicht mehr allein hochkrabbeln musste. Und so stand ich wenig später vor der Wohnungstür meiner Eltern. Ich klingelte und wartete. Mein Herz war inzwischen in die Hose gerutscht. Ich war gespannt und angespannt, wie ich empfangen wurde. 

Mein Vater begrüßte mich mit einem trockenen: „Hallo! Komm rein!“

Ich setzte meinen Rollstuhl in Gang und wollte die kleine Schwelle zum Flur bezwingen, bevor ich empört hörte: „…aber nicht mit dem Ding!“

„Papa, ich kann jetzt gar nicht mehr laufen und bin auf den Rollstuhl angewiesen!“, versuchte ich ihm zu erklären. 

„Wenn du meinst! Dann krabbele doch …“

„Ich werde vor keinem Menschen mehr kriechen!“, machte ich ihm klar.

„Und wir dulden es nicht, dass unsere Wohnung dreckig gemacht wird, weil du dich so anstellst!“

Er nahm mir nicht die Not ab, aber die Tüten. Und dann knallte er mir unverrichteter Dinge die Tür vor der Nase zu und ließ mich mit meiner Sehnsucht und Liebe dort stehen.

Schon im Fahrstuhl — als es wieder abwärts ging — kullerte mir eine Träne über das Gesicht. Und draußen hatte es zu nieseln angefangen. Bald weinte ich … in der Dunkelheit … mit dem Himmel um die Wette. Ich fühlte mich so leer, so unverstanden, so allein. 

In der Bahn konnte ich all die Gesichter nicht ertragen, die lächelnd oder schmunzelnd dem Weihnachtsfest entgegensahen. Mir war nur noch zum Heulen zumute. Traurig dachte ich nur: „Ich kam zu den Meinen, aber die Meinen nahmen mich nicht auf… Was für eine schöne Bescherung!“ Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich jetzt noch erleben würde, wie aus Wein-Nacht Weih-Nacht wurde.

Zuhause angekommen setze ich mich — wie gelähmt — in meinen Ohrensessel. Ich konnte es immer noch nicht fassen. Stundenlang verbrachte ich in der  Dunkelheit, weil es in mir finster war. Alle Lichter waren auf einmal für mich ausgepustet worden. 

Irgendwann fiel mein Blick jedoch auf die kleine Holzkrippe, die mir mein Pastor aus Jerusalem mitgebracht und mir im Vorjahr zu Weihnachten geschenkt hatte. Allmählich erinnerte ich mich wieder daran, dass auch Jesus abgelehnt wurde. Das Licht der Welt erblickte er in einem dreckigen Stall, weil in der Herberge kein Platz für ihn war. „Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. 

Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden…“ (Johannes 1,11+12) In dieser stillen, heiligen Nacht spürte ich wieder, wohin ich gehörte, wer mir Gehör schenkte. Ich brachte meinem himmlischen Vater alles, was ich hatte: meine Traurigkeit, meine Wut, meine Enttäuschung. Aber auch meine Sehnsucht, meine Hoffnung und meine ganze Liebe. Wieder einmal habe ich mich so verstanden gefühlt, weil Jesus so vieles davon am eigenen Leib erfahren hatte. Stundenlang war ich mit ihm im Gespräch. Und dabei weinte, klagte und schimpfte ich. Doch hinterher war der göttliche Funke wieder übergesprungen, sodass es in meinem Herzen heller wurde. Der Stern von Bethlehem leuchtete quasi in mir auf. Ganz langsam erlebte meine Seele, wie aus Wein-Nacht Weih-Nacht wurde … Und schließlich blieb ich nicht mehr allzu lange ein Kind von Traurigkeit, weil mir wieder bewusst wurde, dass ich die Tochter des himmlischen Vaters war!

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Ich bin eine Autorin aus Rostock und schreibe feste: christliche Gedichte, Geschichten, Andachten, Wortspiele, Sprüche ... und Bücher. Ich liebe das Meer. Und ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir schenkt!