Wie weit die Liebe geht

Wie weit die Liebe geht

Wie weit die Liebe geht, erfuhr ich, als ich vor Jahren noch auf dem Weg zur Arbeit war. Jedes Mal durchquerte ich einen wundervollen Park, der — je nach Jahreszeit — seine Schönheit vor meinen Augen auftat. Im Frühling erfreute ich mich zum Beispiel an den Tulpen und Narzissen, die dort auf den angelegten Beeten ihre Pracht entfalteten. Im Sommer entdeckte ich große und kleine Menschen, die in dem Teich badeten und ihren Spaß hatten. Der Herbst entzückte mit seiner Farbenvielfalt an den Bäumen. Und der Winter verzauberte den Park mit seiner weißen Schneelandschaft.

Sommer wie Winter begegnete ich auf der Rücktour einer älteren Dame, die an ihrem Rollator ganz langsam unterwegs war. Ich sah ihr an, dass ihr jeder Schritt wehtat. Aber sie ließ sich irgendwie nicht aufhalten — selbst als sie im Laufe der Zeit immer gebrechlicher wurde. Nach einer Weile begann ich sie zu grüßen. Es interessierte mich von Tag zu Tag mehr, wohin sie ging und was sie motivierte, den relativ langen Weg nicht zu scheuen. Deshalb traute ich mich, sie an einem herrlichen Frühlingstag anzusprechen.

Helga — wie die 82-jährige Dame hieß — spazierte zu ihrem Mann ins Pflegeheim. „Schon eine halbe Ewigkeit liegt er dort!“, verriet sie mir. „Vor neun Jahren hatte er einen Schlaganfall. Anfangs habe ich ihn noch versorgt, bis meine Kräfte immer mehr nachließen … Dann traf mein Paul die Entscheidung, mich zu entlasten und umzuziehen. Seitdem besuche ich ihn jeden einzelnen Tag.“

„Was gibt Ihnen auf diesem beschwerlichen Lebensweg denn die Kraft?“, wollte ich wissen.

„Ach, wissen Sie: Die Zeit, die wir haben, ist so kostbar; sie ist endlich! Das haben wir jeden Tag vor Augen! Das möchten wir jede Minute auskosten …“, entgegnete Helga. „Ich sitze immer anderthalb Stunden am Bett meines Mannes. Ich halte seine liebe Hand und erzähle ihm, was ‚hier draußen‘ passiert. Er kann ja leider nicht mehr sprechen. Aber er hört gern zu, bis er müde wird — und ich auch. Dann mache ich mich wieder auf den Heimweg und freue mich auf den nächsten Tag …“

„Wie weit die Liebe geht!“, staunte ich innerlich.   

Ich unterhielt mich mit Helga fortan noch öfter, bis ihr Paul und letztendlich auch sie in die Ewigkeit gingen. Aber die Erinnerung an ihre Liebe ist hier geblieben; sie lebt … und geht … in mir weiter! 

 

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Ich bin eine Autorin aus Rostock und schreibe feste: christliche Gedichte, Geschichten, Andachten, Wortspiele, Sprüche ... und Bücher. Ich liebe das Meer. Und ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir schenkt!