Wutdurchbrüche

Wutdurchbrüche

Ich habe einem Bekannten vor einigen Monaten ganz beiläufig erzählt, dass ich auf meiner Homepage einer meiner Rubriken den Namen „Mut-Entbrannt“ gegeben habe. Und da er Psychologe von Beruf ist, ging er sofort davon aus: „Na, wenn du jetzt mutentbrannt bist, dann musst du auch schon öfters so richtig wutentbrannt gewesen sein!“ Ich glaube: Damals schaute ich ihn nur entgeistert an und dachte für mich ganz begeistert: „Ich möchte in meinem Leben — in der Tat — keine Wutdurchbrüche haben!“

Ehrlich gesagt: Mit der Wut hatte ich bis dahin keine guten Erfahrungen gemacht. Schließlich stamme ich aus einer Familie, in der meine Eltern durch und durch cholerisch waren. Jeden einzelnen Tag bekam ich ihre laute, ihre unkontrollierte, ihre entwertende und angsteinflößende Art zu hören und zu spüren. Und so schwor ich mir, diese Wutdurchbrüche auf keinen Fall zuzulassen. 

In jungen Jahren habe ich natürlich noch nicht gewusst, dass die Wut auch ihre guten Seiten hat. Normalerweise hilft sie mir, Ungerechtigkeit zu erfühlen, für meine eigenen Rechte einzustehen und mich im Notfall abzugrenzen. Sie möchte meine Freundin sein, die dem Gegenüber in bestimmten Situationen durch mich in einer gesunden Lautstärke zuruft: „So aber nicht — mit mir!“

Insofern hinterfragte ich mich also selbst: „War ich wutlos? Hatte ich noch niemals einen Wutanfall? Geht das überhaupt?“ Da ich ehrlich zu mir sein wollte, gestand ich mir ein, dass ich — wie alle anderen Menschen auch — Wutdurchbrüche kennen musste. Aber wo waren sie; wo waren sie geblieben; wo waren sie versteckt?

Ich ging auf die Spurensuche, weil ich der Wut — wie auch allen anderen Gefühlen — in meinem bisherigen Leben begegnen wollte. Und siehe da: Ich wurde fündig …

  • Die ersten Lebensjahre wuchs ich in einem Heim für Kinder mit geistigen Behinderungen auf. Doch die Erzieher bemerkten recht schnell, dass ich in eine Schule gehen konnte, die die Standardanforderungen anbot. Als meine Eltern darüber informiert wurden, meinten sie nur: „Du schreibst sowieso nur eine Fünf nach der anderen!“ Und ich dachte bloß: „Ich werde es euch zeigen!“
  • Nach dem Schulabschluss wollte ich gern einen Beruf erlernen. Doch meine Eltern wollten mich in einer Werkstatt für geistig behinderte Menschen unterbringen. Ich ging trotzdem nach Berlin und beendete meine Ausbildung zur Finanzkauffrau und dachte insgeheim: „Seht ihr: Ich habe es geschafft!“
  • Später wollte ich allein wohnen — mit Unterstützung natürlich. Meine Eltern meinten aber nur: „Das kriegst du sowieso nicht hin!“ Und ich dachte wieder einmal: „Das werden wir ja sehen!“
  • In einer bestimmten Situation prophezeiten mir meine Eltern: „Eines Tages wirst du — auf Knien gerutscht — vor unserer Tür liegen und winseln, dass wir dich wieder aufnehmen. Du hast dein Glück verspielt!“ Und ich dachte vor mittlerweile 27 Jahren nur: „Ich beweise euch, dass das niemals passieren wird!“

Jedes Mal hatte ich meine Wut in Mut verwandelt! 

Während ich so über mein Leben nachdachte, bekam ich tatsächlich Wutdurchbrüche. Ganz bewusst und spürbar machte sich die Wut in mir breit. „Warum musste ich eigentlich bei Menschen aufwachsen, die mir nie etwas zutrauten … die mich nicht unterstützten … die mich mehr behinderten als förderten?“, ging mir durch das Herz. Ich spürte, dass ich irgendwohin musste … mit diesen Gefühlen. Und da ich konstruktiv mit ihnen umgehen wollte, fuhr ich in den nahegelegenen Wald — dorthin, wo ich ganz allein war. Hier begann ich bitterlich zu weinen. Ich schrie meine Enttäuschung, meine Wut, meine Traurigkeit dem Himmel entgegen und spürte nach ungefähr einer Stunde, wie erleichtert ich war; wie ruhig es in mir wurde. Plötzlich sah ich die Sonne wieder, die durch die Bäume hervor blinzelte. Und in mir erwachte der berechtigte Stolz, wie viel Gutes ich aus den Steinen bereits bauen durfte, die mir auf meinen Lebensweg gelegt worden waren, weil ich Wutdurchbrüche zugelassen hatte!

Jana Schumacher

Mein Name ist Jana Schumacher. Ich bin eine Autorin aus Rostock und schreibe feste: christliche Gedichte, Geschichten, Andachten, Wortspiele, Sprüche ... und Bücher. Ich liebe das Meer. Und ich liebe das Mehr, das "das Leben" mir schenkt!