Fließend gelernt
Fließend gelernt
Ich sitze am Ufer und sehe dem Fluss zu.
Er fragt nicht, ob das sein Weg ist, sondern er fließt —
heute reißend und morgen ruhig, als würde nichts geschehen.
Und doch bleibt nichts stehen.
Ich frage mich, was der Fluss wohl weiß, was ich noch lernen muss.
Wie viel Gutes ist mir zugefllossen:
Liebe und Leichtigkeit,
Kraft und Zuversicht,
Augenblicke voller Glück, von denen manches bis heute in mir nachfließt.
Menschen kamen in mein Leben,
gingen ein Stück mit mir,
und manche blieben.
Wie viel ist davongeflossen:
Pläne und Träume nahmen einen anderen Lauf,
die jugendliche Unbeschwertheit verschwand,
die Zeit eilte dahin.
Ich wollte festhalten, was Wert für mich hatte,
bewahren, was längst im Fließen war.
Doch was verflossen ist, fließt nicht zurück.
Und doch fließt manches weiter:
ein Wort, von dessen Kraft ich bis heute lebe,
eine Liebe, die mein Herz berührte,
ein Umweg, den ich ging und der mir eine Richtung gab.
Was an mir vorüberfloss, war nicht einfach vorbei;
es ist eingeflossen in das, was ist und werden soll.
Vielleicht habe ich zu oft geglaubt, mein Leben bestünde vor allem aus dem, was geblieben ist.
Dabei bin ich der Mensch geworden — aus allem, was zusammenfloss:
aus dem, was kam,
aus dem, was ging,
aus dem, was blieb.
Denn nicht alles, was geht, geht verloren. Vieles geht mit.
Manches muss ich freigeben.
Manches darf weiterfließen, damit auch ich weitergehen kann.
Der Fluss lässt los, ohne leer zu werden.
Er verändert sich, ohne sich zu verlieren.
Vielleicht kann ich genau das von ihm lernen:
nicht festhalten, um zu bewahren,
nicht stehen bleiben, um mir treu zu bleiben.
Ich lerne noch, aber langsam wird es fließend.
Fließend gelernt
Vielleicht findest Du auch hier ein Wort, das Dein Herz erfreut.
Wenn Dich diese Worte begleiten haben, dürfen sie gern weitergehen.