EBBE
Wenn sich das Meer(h)r zurückzieht
Ebbe
Ebbe
Wenn die Kraft oder die Freude fehlen, beginnt das Warten.
Ebbe
Ebbe
Frühlingsherz im Winter
Ebbe
Ebbe
Gezeitenwende
Eine Flut bricht über dich herein —
von lauten Durchsagen,
von schlechten Nachrichten,
von negativen Ausdrücken.
Es gelingt dir nicht,
mit halbem Ohr hinzuhören,
dein Herz zu verschließen,
die Augen zuzumachen.
In deinem Herzen herrscht Ebbe.
Alles in dir zieht sich zurück.
Deine Seele sitzt auf dem Trockenen —
durch das Rauschen vom Mehr.
Doch — in der Ebbe gelingt es dir,
ganz Ohr zu sein,
dein Herz zu öffnen,
die Augen aufzumachen.
Und bald kehrt eine Flut zurück —
von stillen Aussagen,
von der guten Nachricht,
von positiven Eindrücken.
Dein Herz wird von Liebe durchflutet.
Die Fülle der Kraft kehrt zurück.
In der Stille wird die Seele erfrischt —
durch das Lauschen auf Gottes Mehr.
Ebbe
Die Träne
Die Träne kommt ins Laufen;
jetzt endlich will sie fort
von diesem Scherbenhaufen
am stillgelegten Ort.
Sie hat schon viel zu lange
das Elend angesehen.
Der Pfad auf ihrer Wange
geleitet sie beim Gehen.
Doch sie läuft nicht alleine;
die Trauer hält auch Schritt.
Und ungelebte Träume,
Enttäuschung nimmt sie mit.
So hilft sie einem Herzen;
sie steht ihm richtig bei.
Es weichen alle Schmerzen;
sie spült es wahrhaft frei.
Die Träne kommt ins Laufen
und ist jetzt selbst berührt.
Sie darf alsbald verschnaufen,
wo sie erwartet wird.
Gott nimmt sie in die Hände
und legt sie in den Krug.
Sie trägt ein Kleid — am Ende —
mit Perlenüberzug!
Ebbe
Das kleine Mädchen
Am Morgen eines kalten Tages wollte Anja einen kühlen Kopf bewahren. Sie hatte einen Termin beim Zahnarzt. Da sie früh dran war, setzte sie sich auf eine Bank hinter dem Ärztehaus. Die Vögel zwitscherten in den Bäumen, der Wind strich durch die Blätter, und vor ihr lag eine bunte Blumenwiese.
Mitten hindurch schlängelte sich ein schmaler Weg. In der Ferne entdeckte sie ein kleines Mädchen. Es hatte blonde Zöpfe, trug ein rosa Kleid und lächelte.
Anja schaute kurz den Wolken nach. Als sie wieder zu dem Kind blickte, erschrak sie. Das Wesen, das auf sie zukam, war plötzlich gar nicht mehr klein. Mit jedem Schritt schien es größer zu werden. Das Rosa wurde grau. Die blonden Zöpfe verschwanden unter einer dunklen Mähne. Und aus dem Lächeln wurde eine finstere Miene.
Noch war es fünf Meter von Anja entfernt. Ihre Kehle schnürte sich zu. In ihrer Brust wurde es eng. Ihr Herz raste.
Sekunden später stand ein Riese vor ihr. Ein pechschwarzer Umhang hing an seinem Körper. Er riss die Arme hoch, fletschte die Zähne und bäumte sich vor ihr auf.
Anja wurde heiß und kalt. Eigentlich wollte es ihr die Sprache verschlagen. Doch dann brachte ich eine Frage heraus: „Was willst du von mir?“
„Ich will in deiner Nähe sein!“, dröhnte der Riese.
Am liebsten wäre Anja davongelaufen.
„Wollen wir Freunde werden?“, fragte er plötzlich.
„… Freunde? — nie im Leben!“, dachte Anja. Doch dann sah sie ihm in die Augen. Sie wirkten traurig … fast ein wenig verloren. Vielleicht musste sich jemand, der so bedrohlich auftrat, nur deshalb so gewaltig aufbäumen, weil niemand ihm nahekommen wollte.
Anja wagte es. Zuerst reichte sie dem Riesen nur den kleinen Finger. Er tat nichts. Dann öffnete sie ihre zitternden Hände. Noch immer geschah nichts. Schließlich breitete sie ihre Arme aus. „K-k-komm …“
Der Riese überlegte nicht lange. Er machte einen Sprung – einen richtigen Freudensprung – und fiel Anja um den Hals. „Hallo“, sagte er ganz sanft.
Eine Weile hielten sie sich fest. Dann fragte Anja: „Wer bist du eigentlich?“
Der Riese löste sich ein wenig von ihr. „Erkennst du mich denn nicht?“, fragte er. „Ich bin es — deine Angst.“
Anja sah genauer hin. Jetzt erkannte sie es. Es war das kleine Mädchen in ihr — das Mädchen, das einmal mit Schmerzen beim Zahnarzt gesessen hatte. Damals musste gebohrt werden. Offenbar hatte sich diese Erfahrung tiefer in sie hineingebohrt, als sie gedacht hatte. Jahrelang war sie vor ihrer Angst zurückgewichen. Dabei war sie vielleicht gar nicht ihr Feind. Vielleicht wollte sie nur endlich angesehen werden.
Anja nahm das Mädchen noch einmal in den Arm. Dann stand sie auf. Ihr Zahnarzttermin wartete. Die Angst durfte mitkommen. Aber diesmal musste sie nicht mehr vor ihr herlaufen und immer größer werden. Anja war inzwischen groß genug, ihr den Zahn zu ziehen.
Erschöpfung
Ebbe
Wüstes Land
Herr, ich geh‘ durch wüstes Land —
schon glatte 40 Jahre.
Ich laufe zwar an deiner Hand,
wo ich auch oft erfahre,
dass du mir immer „Manna“ gibst
und Wunder sondergleichen.
Ich bin bedingungslos geliebt!
Und doch möchte ich weichen …
Herr, ich geh‘ durch wüstes Land
und spüre kaum noch Kraft,
weil mich der starke Wüstensand
ermattet und erschlafft.
Du machst mir Mut und tröstest mich
in dieser Trockenheit.
Und doch, mein Gott, erbitte ich:
„Beende doch das Leid!“
Herr, ich geh‘ durch wüstes Land
und seh’, was nun geschieht:
Du weist plötzlich am Wegesrand
auf fruchtbares Gebiet.
Die Wüstenzeit ist jetzt vorbei;
ich achte ganz bewusst,
gestärkt, erholt und völlig neu
nach Mangel den Genuss!
Ebbe
der Elefant
Er war noch klein — der Elefant,
ich hätt‘ ihn gern gerettet!
Denn dieser wurde kurzerhand
an einen Baum gekettet …
Er wehrte sich mit seinem Fuß,
doch er begann zu leiden.
Und nach dem zwölften Bluterguss
ließ er es einfach bleiben.
Der Elefant gab somit auf;
es starben seine Träume
von einem freien, guten Lauf;
ihm fehlten Lebensräume.
Er fühlte sich total allein,
sodass er manchmal murrte.
Ihn störte so der Klotz am Bein,
auch wenn er nicht mehr zurrte.
Die Jahre gingen in das Land;
die Not wurde gesehen.
Doch — unser alter Elefant
blieb trotzdem bei sich stehen,
weil ihm zu entgangen schien:
Ein Mensch trat längst herbei;
er beugte sich still bei ihm hin
und machte ihn einst frei!
Ebbe
Es reicht
„Es reicht!“, schreit meine Seele auf,
wenn ich gegen Windmühlen lauf,
weil mir der Sturm entgegensteht
und ich nicht weiß, wie‘s weitergeht.
Es ist genug, ich kann nicht mehr;
das Leben wird mir viel zu schwer.
Wie wird es denn ein wenig leicht?
Was mach‘ ich, wenn mir alles reicht?“
„Es reicht, wenn du dich jetzt umdrehst,
auf mich nur einen Schritt zugehst,
zu mir jetzt einmal kurz aufsiehst
und deine Seele nicht verschließt,
wenn du von hinten dich anschleichst
und mir den kleinen Finger reichst,
den „Senfkorn-Glauben“ dir aufsparst,
das Fünkchen Hoffnung auch bewahrst.
Aus diesem Wenig mach ich mehr!
Drum bitte ich: Komm zu mir her
und lebe ganz aus meiner Kraft,
die aus dem Nichts das Neue schafft
und Unerschöpfliches vollbringt,
weil sie der Quelle ganz entspringt.
So wird dein Leben wieder leicht;
ich sorg‘ dafür, dass alles reicht!
Ebbe
Auf Wiedersehen
Unsere Herzen sind zerrissen,
und die Trauer riesengroß,
weil wir euch so sehr vermissen.
Denn ihr ruht in Gottes Schoß.
Ach, was würden wir drum geben,
die Uhr nochmal zurückzudreh´n,
einen Tag mit euch zu leben,
einen Weg gemeinsam geh´n.
Doch – es ist uns zugesagt:
Es gibt für uns ein Wiedersehen –
in Gottes Welt … ganz unverzagt,
werden wir den Plan verstehen
und euch in die Arme schließen,
endlich herzen, glücklich sein.
Keine Träne wird mehr fließen.
Darauf dürfen wir uns freu´n!
Horizont
Ebbe
Bleiben
Die Welt hüllt sich ins Schweigen
und will sich nicht mehr dreh’n.
Du kannst nicht länger bleiben
und wirst bald von mir geh’n.
Ich wünsche dir ganz leise:
„Leb‘ wohl, mein alter Freund!
Geh‘ mutig auf die Reise!
Wir bleiben doch vereint!
Du lebst in meinem Herzen
und oben — immerfort.
Dort gibt es keine Schmerzen;
da wird für dich gesorgt.
Kein Mensch kann dich ersetzen;
die Lücke wird besteh’n.
Ich weiß es sehr zu schätzen,
dass wir uns wiedersehen.
Das ist und bleibt das Hoffen,
der Trost in dieser Zeit.
Und doch bin ich betroffen;
ich spür‘ die Traurigkeit.
So nehm‘ ich deine Hände
und geb‘ sie wieder frei.
Gott macht daraus ein Ende
und trotzdem alles neu!
Horizont
Ebbe
Letzte Worte
Nach der langen Reise
hab’ ich nun ganz leise
das große Ziel erreicht;
der Weg war gar nicht leicht!
Ich seh’, was ich geglaubt
und fühl’ mich nicht beraubt.
Die Welt ist wunderschön;
ich kann auf Wolken geh’n.
Es gibt nichts, was mir fehlt,
was mich hier nun noch quält.
Der Schmerz ist auch vorbei.
Ich bin so richtig frei.
Du kannst das jetzt nicht seh’n;
sonst würdest du versteh’n,
dass du nicht weinen musst!
Ich leb’ im Überfluss …
So lass‘ die Klagelieder;
wir sehen uns doch wieder!
Das weiß ich ganz genau;
leb’ wohl, Kind, und vertrau’!
Ebbe
Auch die Ebbe
kennt die Flut.
Vielleicht findest Du auch hier ein Wort, das Dein Herz erfreut.
Wenn Dich diese Worte begleiten haben, dürfen sie gern weitergehen.