Risse

Wo das Licht seinen Weg findet

Risse

Manche Narben schmerzen noch lange,
und dennoch erzählen sie von Heilung.

Risse

Ich sehe auf das Scherben-Meer

 

und staune über dich so sehr,

 

wie du es schaffst, dass sich das Licht

 

in dem Zerbrochenen nun bricht

 

und sich der Himmel widerspiegelt…

 

„Das hast du dir gut ausgeklügelt!“,

 

denk’ ich bei mir. „Nichts bleibt für immer!“

 

Es wächst in mir ein Hoffnungsschimmer,

 

dass dieser Schluss ein Anfang wird,

 

was mich ermutigt, mich berührt,

 

sodass ich wieder Gott vertraue

 

und lächelnd in die Zukunft schaue!

Es war einmal ein Krug, der in sich zerrissen war. Er lamentierte oft: „Keiner mag mich! Ich werde überhaupt nicht von den Menschen geschätzt. Dabei bin ich doch der Perlenkrug!“, meinte er. 

Als Johanna das Wehklagen dieses gebeutelten Gefäßes vernahm, setzte sie sich zu ihm. Irgendwie weckten seine Worte ihre Neugier. „… der Perlenkrug?“, fragte sie zurück. Davon habe ich noch niemals etwas gehört… Was möchtest du denn von uns Menschen?“ 

„… eure Tränen!“, antwortete er wie selbstverständlich.

Johanna war irritiert. „Warum ausgerechnet unsere Tränen…?“, wollte sie wissen. 

Der Perlenkrug antwortete: „Mein Töpfer hat mir anvertraut, dass ich eine ganz besondere Berufung habe. Ich bin auf der Welt, damit ich eure Tränen sammle. Mein Meister will sie alle aufbewahren … zählen … verwandeln. Er möchte jede Träne zu einer Perle machen. Aber ihr versteckt sie ja lieber; ihr drückt sie weg! Oder ihr lasst sie schnell in den Taschentüchern verschwinden. Nachts durchnässen sie – vermeintlich ungesehen – sogar eure Kopfkissen…“, analysierte der Perlenkrug dünnhäutig. „Aber mein Töpfer zählt sie trotzdem, weil sie nämlich kostbar und wertvoll sind…“

„Wie kommt man auf die Idee, Tränen sammeln zu wollen… Ich bewahre lieber schöne Dinge auf: Fotos von Festen, von Freunden und Familienangehörigen; ich sammle Urkunden oder Souvenirs aus Urlaubsorten…“, hielt Johanna dagegen.

„Ja, ja!“, seufzte der Perlenkrug. „Ich weiß! Es ist normal – für euch Menschen, dass ihr lieber an das Schöne denkt, dass ihr das Wunderbare sammelt. Denn ihr schämt euch, wenn ihr weint. Und dabei gibt es so viel Trauriges im Leben, was jede Träne wert ist…“

Bei den Worten des Perlenkrugs stockte Johanna fast der Atem. Sie fühlte  sich angesprochen – erwischt. Wie oft hatte sie nämlich heimlich, still und leise die Tränen vom Gesicht gewischt… Auf einmal fielen ihr so viele Situationen ein, in denen ihr zum Heulen zumute war. Ihr stand zum Beispiel vor Augen, wie sie in der Schule gehänselt wurde. Ganz allein stand sie da, sodass sie sich traurig immer mehr zurückzog… Dann musste Johanna an ihre große Liebe denken, die per SMS mit ihr Schluss gemacht hatte… Keine Träne wollte sie ihr nachweinen! All das und noch viele andere schlechte Erfahrungen führten dazu, dass sie ihr Herz verschloss. Sie wollte sich unverletzbar machen und spürte gar nicht, wie verwundet und zerrissen ihr Innerstes eigentlich war. „Reiß‘ dich zusammen!“, hatte sie sich selbst permanent ermahnt, wenn sie sich nun leblos und leer fühlte.

„Weißt du…“, sagte der Perlenkrug weiter. „Nur im Fühlen könnt ihr Menschen die Fülle erleben. Und darum ist es so wichtig, dass Tränen fließen dürfen. Dadurch kommen eure Herzen nämlich wieder in Fluss. Mit dem Weinen bricht der Damm: Aufgestaute Gefühle wie Traurigkeit, Ohnmacht oder Wut können gehen. Und die Freude, die Liebe oder Leichtigkeit dürfen wieder einziehen. Darum möchte mein Töpfer jede Träne zählen. Ihr sollt wissen, dass keine einzige verloren und vergebens ist.

Er sieht sie; er will euch trösten. Er will eure Tränen in Perlen verwandeln, indem er eurem Leid eine neue Bedeutung gibt – wenn ihr das zulasst!“

Mittlerweile wusste Johanna, wer der Töpfer des Perlenkrugs war: ihr himmlischer Vater, der sie über alles liebte und der sie niemals wegstoßen würde. Er hatte so großes Interesse an ihr, dass er nicht nur die Haare auf ihrem Kopf zählte, sondern auch alle ihre Tränen. In diesem Glauben bekam sie allmählich feuchte Augen. Eine Träne kullerte ihre Wange herunter, dann noch eine… Und plötzlich strömte es aus ihr heraus.

Weinend erzählte Johanna ihrem Papa von enttäuschten Erwartungen, von schmerzenden Verlusten, von Streit, von Verletzungen, von ihrer Schuld. Sie schüttete ihr Herz bei ihm aus, sodass er es füllen konnte … mit neuen, positiven Empfindungen. Ihre Tränen verwandelten sich daraufhin tatsächlich in Perlen. Johanna war verwundert und erleichtert zugleich. Fortan wollte sie die gute Botschaft, dass jedes Leid von Sinn erfüllt war, beschwingt hinaus ich die Welt tragen … und das natürlich zusammen mit dem Perlenkrug!

Risse

Ich gleiche einem Tongefäß —

 

mit Dellen und mit Rissen.

 

Vielleicht bin ich nicht zeitgemäß,

 

von außen schon verschlissen.

 

Doch gibt es für mich kein’ Ersatz;

 

ich weiß um meinen Preis. 

 

In mir wohnt ja ein großer Schatz:

 

Es ist der Heil‘ge Geist.

 

Er richtet sich ein Tempel ein 

 

in meinem innren Zimmer.

 

Dort will er nun zuhause sein 

 

und bleibt bei mir für immer.

 

Er ist mein Halt und meine Kraft — 

 

ich selbst bin ja zerbrechlich.

 

Er hilft mir wirklich meisterhaft 

 

und tröstet mich tatsächlich.

 

Nun bin ich richtig ausgefüllt;

 

mein Leben ist gewichtig,

 

weil er sich auch durch mich enthüllt;

 

er wirkt und ist weitsichtig.

 

Hinfort strahlt er aus mir heraus —

 

dank aller meiner Ritzen, 

 

erreicht so manches Herz und Haus

 

mit vielen Geistesblitzen!

Das Perlen-Wunder im Leben

König Wundervoll und Königin Wunderbar regierten in dem Reiche Wunder-Land schon viele Jahre. Und sie machten ihre Sache wirklich gut. Denn ihren Untertanen fehlte es an nichts. Obwohl sie dem Königspaar Abgaben leisten mussten, hatten sie selbst genug, um sich wunderschöne Häuser zu bauen und wunderhübsche Kleider zu tragen. Aber trotzdem waren die Menschen in Wunder-Land ein wenig wunderlich. Anstatt sich über das zu freuen, was sie besaßen, verglichen sie einander. Dennoch gaben die Menschen in Wunderland vor, dass sie glücklich waren, ihre Mitmenschen liebten und in keinem anderen Wunderreich leben wollten. Denn an dem Ort, wo sie wohnten, schien alles so perfekt, so vollkommen, so wunderherrlich zu sein.

Eines Tages wurde dem König Wundervoll und der Königin Wunderbar im Reiche Wunder-Land ein Kind geboren. Es war ein echter Wunderknabe namens Wundersam… Doch – im Gegensatz zu allen anderen Mitbewohnern war das Wunderkind nicht so wunderschön wie sie. Es hatte nämlich ganz viele schwarze Wunderpunkte im Gesicht und an seinem ganzen Körper. Draußen huldigten die Untertanen ihrem Königspaar natürlich zu. Aber in ihren Häusern lachten sie über den Wunderknaben. Für sie stand fest, dass ein Kind mit schwarzen Wunderpunkten nicht ins Wunderland passte. Da waren sie sich – ausnahmsweise – einmal alle einig.

Der Wunderknabe wuchs heran zu einem Wundermann. Aber Wundersam fühlte sich klein. Und er litt unter seinem Aussehen. Denn die Wunderpunkte waren im Laufe der Jahre auch größer geworden. Obwohl er das Königskind war, spürte er, dass er von seinem Volk verachtet wurde. Deshalb beschloss er eines Nachts, heimlich, still und leise Wunderland zu verlassen. Er stieg auf sein Pferd und ritt davon … durch dunkle Wälder, tiefe Schluchten, weite Felder – bis zur Grenze des Landes. 

Dort sah er schon von weitem eine kleine Hütte, in der noch Licht brannte. Da er und sein Pferd erschöpft von der langen Reise waren, überlegte Wundersam, ob er dort anklopfen sollte, um einkehren zu dürfen. Doch – welcher Wundermensch wollte mit einem Wundermann etwas zu tun haben, der von schwarzen Wunderpunkten gezeichnet war?

Noch bevor er die Hütte erreicht hatte, öffnete sich die knorrige Tür. Ein weiser Wundergreis begrüßte das Königskind freundlich und bat ihn, bei ihm einzukehren. „Sei willkommen, Jüngling! Ich heiße Wunder-Rat!“, stellte er sich Wundersam vor. „Mir ist wohlbekannt, dass du auf der Flucht bist – vor den Blicken der Leute und vor dir selbst!“

Wundersam empfand die Art des Wunder-Rats wunderlich. Denn dieser hatte bereits den Tisch für sie beide gedeckt und servierte nun die feinsten Köstlichkeiten. „Ich habe gewusst, dass du hier vorbeikommen wirst und schon einmal für uns vorgesorgt!“, machte er ihm klar. „Nun stärke dich, Königskind…“ 

Nachdem die Teller leer und die Mägen der beiden gefüllt waren, sprach Wunder-Rat: „Wundersam, du hast den falschen Weg eingeschlagen! Du bist geboren, um einst Wunderland zu regieren. Doch – du musst lernen, dich selbst zu führen, bevor du ein ganzes Volk führen kannst.“

„Wie meinst du das?“, wunderte sich Wundersam.

„Du leidest darunter, dass die Menschen im Reiche Wunder-Land dich mit deinen Wunderpunkten nicht ernst nehmen – dabei ist dir noch gar nicht in den Sinn gekommen, dass jeder von ihnen solche hat … vielleicht nicht so offensichtlich wie du. Doch jeder lebt mit Kratzern, Rissen, Flecken.“

„Bist du dir sicher?“, fragte Wundersam verwundert nach. „Hast du denn auch welche?“

Wunder-Rat schwieg. Dann zog er ganz langsam die Ärmel seines weißen Gewandes hoch und zeigte seinem Gegenüber die beiden Narben an seinen Handgelenken. „Dafür verbürge ich mich sogar. Ich habe alles dafür getan, damit die Menschen offen, offenherzig mit ihren wunden Punkten, mit den Wunderpunkten umgehen können. Aber weil ich bei ihnen kein Gehör finde, hast du einen riesengroßen Auftrag. Du darfst zu deinen Schönheitsfehlern stehen und deinem künftigen Volk vorleben, dass eine große Schwäche eine große Stärke sein kann!“, erklärte Wunder-Rat dem baldigen König von Wunderland. „Reite zurück auf dein Schloss und bereite dich auf die ehrenwerte Aufgabe vor.“

Wundersam nahm Abschied von Wunder-Rat. Auf dem schnellsten Weg galoppierte er zu seinem Vater Wundervoll und seiner Mutter Wunderbar ins Reiche Wunder-Land zurück. Jetzt wusste er, dass seine Wunderpunkte ein Schatz waren, durch die er noch vielen Menschen etwas zeigen durfte… Seitdem er nämlich bei Wunder-Rat gewesen war, wusste er, was er tun musste. Er veränderte seine Haltung zu seinen Wunderpunkten. Er musste sich dafür nicht mehr schämen; er stand dazu. Und genau dadurch änderten die Menschen in Wunderland ihr Verhalten dem Königssohn gegenüber. Sie bewunderten ihn.

Eines Tages war es dann soweit: Als König Wundervoll und Königin Wunderbar sehr alt geworden waren, übernahm Königssohn Wundersam die Herrschaft im Reiche Wunder-Land. Er lud seine Untertanen in den wunderschönen Palast ein. Jeder, der fortan zugeben konnte, dass er Wunderpunkte mit sich trug, wurde in den Adelsstand erhoben. Die Menschen kamen vorsichtig und mit Ehrfurcht zum neuen König Wundersam und zeigten ihm mit ein wenig Scham ihre Wunderflecken, ihre Wunderrisse, ihre Wundernarben. An einer großen Tafel mit köstlichen Dingen begannen sie sogar, miteinander darüber zu reden. Sie rückten wieder zusammen und wurden wahrhaftig glücklich.

König Wundersam regierte im Reiche Wunder-Land noch viele, viele Jahre. Und – wissen Sie, mit wem er es gemeinsam tat? Der alte, weise Wunder-Rat stand ihm mit Rat und Tat stets zur Seite…

Wer den Mut hat, zu seinen Wunden zu stehen, entdeckt das Wunder in sich!

Risse

Vielleicht findest Du auch hier ein Wort, das Dein Herz erfreut.

Wenn Dich diese Worte begleiten haben, dürfen sie gern weitergehen.